# taz.de -- Autor Zhadan und Historiker Schlögel: Die Menschen in der Ukraine ertrotzen sich einen Alltag
       
       > Der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan und der Osteuropa-Historiker
       > Karl Schlögel trafen sich in Berlin zu einem Gespräch über die Situation
       > in der Ukraine.
       
 (IMG) Bild: Der ukrainische Schriftsteller Serhij Zhadan
       
       Fest umarmt Serhij Zhadan seinen langjährigen Freund Karl Schlögel. Drei
       Jahre lang war [1][der ukrainische Schriftsteller] nicht mehr in
       Deutschland. Als Angehöriger der ukrainischen Armee hat er eine Woche
       Fronturlaub bekommen und sitzt nun in der Berliner Akademie der Künste am
       Pariser Platz. Anlässlich des vierten Jahrestages des Überfalls Russlands
       auf die Ukraine hat die Bundeszentrale für politische Bildung zum Gespräch
       eingeladen.
       
       Gemeinsam beschreiben Serhij Zhadan und Karl Schlögel die Lebensbedingungen
       im ostukrainischen Charkiw. Die Frontlinie liegt 20 Kilometer nordöstlich
       der Millionenstadt. „In den Außenbezirken siehst du die Front“, sagt
       Zhadan. „Ich habe dort lange gewohnt. Das Haus, in dem meine Wohnung war,
       ist nicht mehr da. Total zerstört.“ Zhadan ist fassungslos, dann erzählt er
       von den Lebensbedingungen in der Stadt. Die Menschen ertrotzen sich einen
       Alltag mit Buchläden.
       
       [2][Der Osteuropa-Historiker Karl Schlögel] kennt Charkiw sehr gut. Vor
       zwei Jahren hat er mit knapp achtzig Jahren die kriegszerstörte Stadt das
       letzte Mal besucht. Er ist beeindruckt: „Der Zug aus Kyjiw kam auf die
       Minute pünktlich an.“ Dann nimmt er einen mit in die Straßen der Stadt,
       schwärmt von ihrer Architektur. Er konstatiert: „Früher ging ich als
       Flaneur durch die Stadt, jetzt als Berichterstatter.“
       
       Schlögel erzählt von einer Stadt, die bis zum 24. Februar 2022 im
       „Take-off“-Modus war und in der sich jetzt, bedingt durch die
       Extremsituation einer Stadt in Frontnähe, zwei Zeitmodi gegenseitig
       bedingen: die sich überschlagende und die bleierne Zeit.
       
       ## Dröhnende Drohnen, surrende Generatoren
       
       Zhadan und Schlögel beschreiben, wie der Krieg den Klangteppich der Stadt
       massiv verändert hat. Neben den Einschlägen und dem Dröhnen der Drohnen ist
       vor allem das Surren der allgegenwärtigen Generatoren an jeder Ecke der
       Stadt zu hören. So werden Infrastruktur und EinwohnerInnen am Leben
       erhalten. Zhadan erläutert, dass sich in der Ukraine ein neuer Begriff
       herausgebildet habe, um die [3][Situation der Bevölkerung im vierten
       Kriegswinter] zu beschreiben: „Cholodomor“, abgeleitet von dem ukrainischen
       Wort für Kälte und mit einer direkten Referenz zum Begriff „Holodomor“, der
       Hungersnot Anfang der 1930er Jahre.
       
       [4][Zhadan] erklärt, wie Russland „Planquadrat für Planquadrat“ in der
       Ukraine die in der Zeit der UdSSR geschaffene Infrastruktur zerstöre, weil
       man genau wisse, wie sie aufgebaut sei. Er blickt in die Zukunft und sieht
       ein freies Land mit unabhängiger, neu aufgebauter Infrastruktur und einer
       Explosion an Kreativität.
       
       [5][Karl Schlögel] bewundert an den Menschen dort ihre Resilienz und fragt
       sich laut, wie wir mit so einer Situation wohl umgehen würden.
       „Wahrscheinlich würden wir in Panik verfallen“, kommentiert er trocken und
       betont gleichzeitig, dass wir damit rechnen müssten, angegriffen zu werden.
       
       „Schauen Sie russisches Fernsehen“, rät er dem Publikum. „Dort überlegt man
       jeden Tag, ob Berlin oder London als nächstes bombardiert werden soll.“
       Zhadan kehrt zurück in ein Land im Krieg, zu Radio „Khartia“, dem ersten
       Radiosender der ukrainischen Armee, den er 2024 mitbegründet hat.
       
       23 Feb 2026
       
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