# taz.de -- Professor über Trumps Friedensrat: „Das wäre eine Art Frankenstein-Situation“
       
       > Ein neuer Friedensrat soll Donald Trump weitreichende Befugnisse geben.
       > Das wird als Kampfansage an die UNO verstanden. Was steckt dahinter?
       
 (IMG) Bild: Sehr zufrieden. US-Präsident Trump, hier beim Weltwirtschaftsforum 2020
       
       taz: Gerade ist die Charta von US-Präsident Trumps „Friedensrat“ öffentlich
       geworden. Waren Sie schockiert?
       
       Eliav Lieblich: Ich hatte in den letzten Tagen bereits Gerüchte gehört,
       dass die Befugnisse des Friedensrats über das in der Resolution des
       Sicherheitsrats vorgesehene Mandat in Bezug auf Gaza hinausgehen würden und
       dass [1][der Rat] vielmehr die UNO als führendes Forum für internationale
       Friedens- und Sicherheitsfragen herausfordern wolle. Dennoch war ich
       überrascht, als ich die Charta las: Gaza wird darin nicht einmal erwähnt.
       Die Charta ist eindeutig als Herausforderung an die UNO und als Zeichen des
       Misstrauens gegenüber dieser Organisation gedacht.
       
       taz: Inwiefern? 
       
       Lieblich: Die meisten internationalen Abkommen, die sich mit
       internationalem Frieden und Sicherheit befassen, beziehen sich auf die
       UN-Charta und bekräftigen diese. Diese Charta tut dies nicht. Sie erwähnt
       zwar an einer Stelle das Völkerrecht, jedoch nur vage und wahrscheinlich
       nur, um die Bedenken potenzieller Mitgliedstaaten zu zerstreuen. Wenn man
       sich die Präambel ansieht, wird deutlich, dass das Ziel darin besteht, die
       UN als ineffektiv darzustellen und zu implizieren, dass sie ersetzt werden
       muss. Dauerhafter Frieden, so heißt es darin, erfordere „den Mut, mit
       Ansätzen und Institutionen zu brechen, die allzu oft versagt haben“. Das
       ist eine direkte Herausforderung.
       
       Auch der weitere Text der Charta liest sich recht gruselig. 
       
       Lieblich: Ja, der Rat funktioniert auf eine sehr eigenartige Art und Weise.
       Er ist um einen Vorsitzenden herum strukturiert: Donald J. Trump – nicht
       unbedingt in seiner Eigenschaft als Präsident der Vereinigten Staaten,
       sondern persönlich – und es ist laut Artikel 3 der Charta möglicherweise
       ein Vorsitz auf Lebenszeit. Ob jemand als Mitglied aufgenommen wird, hängt
       davon ab, ob Trump jemanden einlädt, beizutreten. Der Friedensrat ist in
       gewisser Weise vergleichbar mit der Idee von einer „Liga der Demokratien“,
       wie sie seit Jahrzehnten in bestimmten Kreisen der USA kursiert. Diese Liga
       soll ein Ersatz für die UNO sein, aber eben nur mit gleichgesinnten
       Demokratien. Dem Friedensrat liegt die gleiche Idee zugrunde, nur dass
       Demokratien durch Staaten ersetzt werden, die bereit sind, alles zu tun,
       was Donald Trump will. Er lädt die Mitglieder ein. Er ernennt den Vorstand.
       Er kann Entscheidungen der Mitgliedstaaten, des Friedensrats und des
       Vorstands mit seinem Veto blockieren. Es wäre amüsant, wenn wir uns nicht
       an einem so besorgniserregenden Wendepunkt in der heutigen Welt befänden.
       
       taz: Der UN-Sicherheitsrat hat [2][im November 2025 eine Resolution
       verabschiedet], in der die Einrichtung eines Friedensrats unter Trump
       begrüßt wurde. Da war allerdings nicht klar, dass der Friedensrat eine
       solche Ausrichtung bekommen würde. 
       
       Lieblich: Ja, der Sicherheitsrat hat den Friedensrat abgesegnet –
       wohlgemerkt für den Einsatz in Gaza, nicht damit dieser einen neuen
       internationalen Sicherheitsmechanismus etabliert.
       
       Ich glaube daher nicht, dass die außerordentlichen Befugnisse, die der
       Friedensrat in Bezug auf Gaza erhalten hat, auf andere Belange ausgedehnt
       werden können. Vielleicht werden Trump und seine Verbündeten argumentieren,
       dass der Sicherheitsrat solche Befugnisse implizit auch für den Einsatz an
       anderen Orten genehmigt hat. Für mich wäre das ein sehr schwaches Argument,
       aber wir haben auch in Bezug auf Venezuela und Grönland schwache Argumente
       gesehen, daher würde es mich nicht überraschen, wenn wir auch zu diesem
       Thema seltsame Interpretationen hören würden.
       
       Könnte der Friedensrat der UNO tatsächlich gefährlich werden? 
       
       Lieblich: Formal gesehen kann die Charta des Friedensrats die Charta der
       Vereinten Nationen nicht ersetzen. Artikel 103 der Charta der Vereinten
       Nationen besagt, dass kein späteres internationales Abkommen gegen die
       Bestimmungen der Charta verstoßen darf. Das bedeutet, dass auch der
       Friedensrat dem in der Charta der Vereinten Nationen festgelegten
       Völkerrecht unterliegt. Es ist jedoch offensichtlich, dass Trump und seine
       Regierung bestehende internationale Vereinbarungen nicht besonders
       respektieren – sie haben dies öffentlich erklärt und sind bereits aus
       vielen Organisationen ausgetreten – und viel tun, um sie zu untergraben.
       Wenn nun jemand argumentiert, dass der Friedensrat vom UN-Sicherheitsrat
       gebilligt wurde und diesen auch ersetzen soll, wäre das eine Art
       Frankenstein-Situation: Der UN-Sicherheitsrat hat ein Monster geschaffen,
       das zurückkehrt und seinen Schöpfer verschlingt.
       
       Wovon hängt ab, wie mächtig der Rat wird? 
       
       Lieblich: Gemäß der Charta tritt der Friedensrat in Kraft, sobald drei
       Staaten ihm beigetreten sind. Normalerweise ist für die Gründung einer
       internationalen Organisation eine viel größere Anzahl von Staaten
       erforderlich. Das ist also ziemlich ungewöhnlich. Die eigentliche Frage ist
       nun jedoch, wie viele Staaten dem Rat tatsächlich beitreten werden. Viele
       werden wahrscheinlich zögern, da sie einer Organisation beitreten würden,
       die einer sehr autoritären Kontrolle durch Donald Trump unterliegt. Wenn
       jedoch viele beitreten, könnte dies tatsächlich zu einer Herausforderung
       für die UNO werden.
       
       Gaza kommt in der Charta nicht vor. Haben die Charta und das Board of Peace
       also am Ende gar keine [3][Konsequenzen für den Küstenstreifen]?
       
       Lieblich: Doch, das haben sie. Es würde bedeuten, dass Trump den gesamten
       Mechanismus überwacht. Wenn dieser Friedensrat in Gaza gilt, hätte Trump in
       allen Angelegenheiten das letzte Wort.
       
       19 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Trumps-Friedensplan/!6145849
 (DIR) [2] https://docs.un.org/en/s/res/2803(2025)
 (DIR) [3] /Handelspreise-in-Gaza/!6135588
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Judith Poppe
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Donald Trump
 (DIR) Gaza
 (DIR) Israel
 (DIR) Vereinte Nationen
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Social-Auswahl
 (DIR) Fußball
 (DIR) Gaza
 (DIR) Gaza
 (DIR) Gaza-Krieg
 (DIR) Schwerpunkt Nahost-Konflikt
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Nordamerika-WM 2026: Würden Sie wegen Trump auf Fußball verzichten?
       
       Es gibt gute Gründe, die WM wegen Trump zu boykottieren: ICE, Klimakollaps,
       Kriegsverbrechen. Ein Boykott wäre richtig, die Argumente sind jedoch
       falsch.
       
 (DIR) Kreml berichtet von Trump-Angebot: Auch Wladimir Putin soll in Gaza-„Friedensrat“
       
       US-Präsident Trump sucht weiter Mitglieder für den von ihm geleiteten
       Friedensrat. Ein entsprechender Brief ging offenbar auch in Moskau ein.
       
 (DIR) Konkurrenz zur UN: Ärger über neuen Friedensrat
       
       Trumps Gremium soll über Gaza hinaus für Konflikte zuständig sein. Die
       internationale Ordnung zählt dabei wenig, das Wort des US-Präsidenten viel.
       
 (DIR) Trumps „Friedensplan“: Gaza-Waffenruhe geht in die zweite Phase
       
       Die Ziele der ersten Phase wurden bisher nur teilweise umgesetzt. Womöglich
       könnte jetzt wieder Bewegung in die festgefahrenen Verhandlungen kommen.
       
 (DIR) Israel entzieht NGOs Zulassung: Kollektiver Rauswurf aus dem Gazastreifen
       
       Weil sie neue Regeln Israels angeblich brechen, müssen 37 internationale
       Hilfswerke im Gazastreifen die Arbeit einstellen. Protest kommt aus Europa.