# taz.de -- Israel entzieht NGOs Zulassung: Kollektiver Rauswurf aus dem Gazastreifen
> Weil sie neue Regeln Israels angeblich brechen, müssen 37 internationale
> Hilfswerke im Gazastreifen die Arbeit einstellen. Protest kommt aus
> Europa.
(IMG) Bild: Von Israel aus dem Gazastreifen verbannt: Angegriffenes Gebäude der NGO „Ärzte ohne Grenzen“ in Chan Junis 2024
Ärzte ohne Grenzen (MSF), Oxfam, Caritas, medico international, IRC, World
Vision – zahlreiche namhafte internationale Hilfswerke dürfen ab sofort
nicht mehr im Gazastreifen arbeiten, wo nach UN-Einschätzung eine der
schlimmsten humanitären Katastrophen der Welt herrscht und die Lage sich
aktuell wieder massiv verschärft. Pünktlich zum Neujahrstag hat Israels
Regierung [1][37 internationalen Hilfsorganisationen die Zulassung für den
Gazastreifen entzogen]. Bis zum 1. März müssen sie auch ihre Arbeit in
Israel und den besetzten palästinensischen Gebieten komplett einstellen.
„Organisationen, die die erforderlichen Sicherheits- und
Transparenzstandards nicht eingehalten haben, wird die Lizenz entzogen“,
[2][erklärte das zuständige Ministerium für Diaspora-Angelegenheiten und
den Kampf gegen Antisemitismus] am Donnerstag. Zur Begründung hieß es, die
NGOs hätten sich nicht an die ab 1. Januar geltenden neuen Vorschriften
gehalten, vor allem die Vorgabe, „vollständige und überprüfbare
Informationen über ihre Mitarbeiter bereitzustellen“.
„Die Botschaft ist klar: Humanitäre Hilfe ist willkommen – die Ausnutzung
humanitärer Rahmenbedingungen für terroristische Zwecke hingegen nicht“,
wurde Minister Amichai Chikli zitiert. Konkret behauptet er, zwei
MSF-Mitarbeiter in Gaza hätten „aktive Verbindungen zu designierten
terroristischen Gruppen“.
## Verschiedene Gründe für Entzug der Zulassung
Das [3][neue Regelwerk des Ministeriums] fordert allerdings von
Organisationen weit mehr als „vollständige und überprüfbare Informationen
über ihre Mitarbeiter“. Die Zulassung kann einer Organisation entzogen oder
verweigert werden, wenn sie „die Existenz des Staates Israel als jüdischer
und demokratischer Staat leugnet“, ihre Arbeit einen „Deckmantel für
illegale Aktivitäten unter den Gesetzen Israels oder Judäa und Samaria
(Westbank)“ darstellen.
Darüber hinaus gilt das, wenn die Organisation oder einer ihrer Partner in
den vergangenen sieben Jahren zum Boykott Israels aufgerufen oder an einem
solchen Boykott beteiligt war, wenn sie „aktiv Delegitimierungskampagnen
gegen den Staat Israel fördert“, den Holocaust oder das Massaker vom 7.
Oktober 2023 leugnet, oder „schriftlich oder mündlich Unterstützung für
juristische Verfahren gegen israelische Bürger in einem anderen Land oder
vor einem internationalen Gericht geäußert hat“.
All dies gilt auch für einzelne Mitarbeiter. Damit erlaubt Israel in den
besetzten palästinensischen Gebieten nur noch solche ausländischen
Organisationen und Helfer, die die in Den Haag anhängigen [4][Verfahren
gegen Israel] ablehnen.
Die Vorschrift betont, dass dies „keine vollumfängliche Liste“ sei und ein
ablehnender Bescheid auch aus „zusätzlichen, hier nicht ausdrücklich
aufgeführten Erwägungen“ getroffen werden kann – etwa aufgrund von
„Information jeder zuständigen israelischen Behörde“. Wenn Angaben der
Organisation und Behördeninformationen sich widersprechen, „ist davon
auszugehen, dass die Information der israelischen Behörde verlässlicher
ist“.
Das neue Regelwerk ist auf heftige Kritik gestoßen, und nur wenige
Organisationen haben es erfüllen können. [5][Israels Außenministerium
erklärte], 30 internationale NGOs dürften im Gazastreifen weiterarbeiten,
und nannte die Welthungerhilfe aus Deutschland, Catholic Relief Services,
Halo Trust und andere Gruppen. „Manche NGOs verweigern Transparenz“, so das
Ministerium.
## „Humanitärer Zugang ist rechtliche Verpflichtung“
Doch „humanitärer Zugang ist nicht optional, konditional oder politisch, er
ist eine rechtliche Verpflichtung unter dem humanitären Völkerrecht“,
[6][erklärten die Chefs zahlreiche großer Hilfswerke und UN-Agenturen
gemeinsam] am 31. Dezember, darunter UN-Flüchtlingskommissar Filippo
Grandi, WHO-Generalsekretär Tedros Adhanom Ghebreyeses und
UN-Menschenrechtskommissar Volker Türk.
[7][Die Außenminister von Kanada, Dänemark, Finnland, Frankreich,
Großbritannien, Island, Japan, Norwegen, Schweden und der Schweiz] – nicht
aber Deutschlands – riefen Israels Regierung am 30. Dezember dazu auf,
internationalen Hilfswerken die weitere Arbeit in Gaza „in einer
nachhaltigen und planbaren Weise“ zu ermöglichen: „Jeder Versuch, ihre
Handlungsfähigkeit zu beschneiden, ist inakzeptabel.“
Sollten die Hilfswerke ihre Arbeit einstellen, müsste jede dritte
Gesundheitseinrichtung im Gazastreifen schließen, so die Erklärung weiter.
[8][MSF teilt mit], es habe im Jahr 2025 rund eine halbe Million Menschen
im Gaza-Streifen erreicht und über 100 Millionen Euro dort ausgegeben,
unter anderem für 22.700 chirurgische Eingriffe. Für 2026 seien erneut 100
bis 120 Millionen budgetiert, deren Wegfall zahlreichen Menschen den Zugang
zu Gesundheitsversorgung nehmen werde.
Auch die Vereinten Nationen und ihre Partner müssten weiterarbeiten dürfen,
einschließlich des UN-Palästina-Hilfswerks UNRWA, so die Außenminister. Am
Montag hatte Israels Parlament beschlossen, der UNRWA-Zentrale im besetzten
Ost-Jerusalem Strom und Wasser abzustellen.
Der für die neuen Regeln zuständige Diaspora-Minister Amichai Chikli ist
Mitglied der Likud-Partei von Israels Ministerpräsident Benjamin Netanyahu.
Während er internationalen Hilfswerken die Arbeitsgrundlage entzieht, lud
er im vergangenen Oktober den bekanntesten britischen
Rechtsextremistenführer Tommy Robinson, einen mehrfach vorbestraften
Gewalttäter und Hetzer gegen Migranten und Muslime, [9][offiziell nach
Israel ein] und nannte ihn einen „wahren Freund“.
1 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://x.com/AmichaiChikli/status/2006444246811947071
(DIR) [2] https://x.com/AmichaiChikli/status/2006444246811947071
(DIR) [3] https://govextra.gov.il/mda/ngo/registration
(DIR) [4] https://en.wikipedia.org/wiki/ICJ_case_on_Israel's_occupation_of_the_Palestinian_territories
(DIR) [5] https://x.com/IsraelMFA/status/2006378043464417721
(DIR) [6] https://reliefweb.int/report/occupied-palestinian-territory/inter-agency-standing-committee-iasc-statement-revoke-planned-international-ngo-ban-humanitarian-leaders-urge-israeli-authorities
(DIR) [7] https://www.gov.uk/government/news/jointstatementon-the-gaza-humanitarian-response
(DIR) [8] https://prezly.msf.org.uk/msfs-vital-humanitarian-activities-in-gaza-at-risk-from-israeli-registration-rules
(DIR) [9] https://x.com/AmichaiChikli/status/1974106254877368488
## AUTOREN
(DIR) Dominic Johnson
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