# taz.de -- Blick zurück aufs Paradies: Kann das alles Zufall sein?
       
       > Die Gegenwart mal aus der ausgedachten Zukunft eines
       > Science-Fiction-Romans zu betrachten, schärft den Blick. Wie viel
       > Wahnsinn ist da schon im Gange?
       
 (IMG) Bild: Ein Relikt aus der guten alten Zeit der Zukunft: die Wärmepumpe
       
       Heute mal eine zentrale metaphysische Frage: Gibt es Zufall? Oder ist alles
       vorherbestimmt? Ehrlich gesagt: Keine Ahnung. Aber manchmal fällt es mir
       schwer, an den Zufall zu glauben. Da sitze ich im Regen von Oberbayern und
       lese nichtsahnend einen Roman, der aus der Zukunft von 2119 auf unsere Zeit
       zurückblickt und sie so zusammenfasst: „Die Vergangenheit war bevölkert von
       Idioten“. Kurz darauf mache ich den Fernseher an und sehe die Spitzen der
       schwarz-roten Regierungskoalition den „Kompromiss“ zur [1][„Abschaffung des
       Heizungsgesetzes“] verkünden. Zufall?
       
       Es liegt natürlich an dem Buch, das ich lese: „Was wir wissen können“ von
       Ian McEwan: Ein englischer Literaturwissenschaftler beschreibt 2119 seine
       Suche nach einem verschollenen Gedicht von 2014, das die Schönheit der
       Natur und der Liebe preist. Und erzählt nebenbei im Rückblick, was zwischen
       2014 und 2119 so alles passiert ist.
       
       Es klingt wie eine Wahlkampfrede der Grünen in den 80er Jahren: Atomkriege,
       [2][Artensterben], [3][Europa zum großen Teil überflutet], verarmt und
       technologisch rückständig. Die Erzählungen des Wissenschaftlers Thomas
       Metcalfe in dem Buch durchzieht das Bedauern über den Verlust von Natur,
       Wohlstand, Wissen, Freiheit und Lebensqualität.
       
       Für ihn ist unsere Gegenwart „eine Welt, die uns wie ein Paradies vorkommt;
       ein größerer Reichtum an Blumen, Bäumen, Insekten, Vögeln und Säugetieren …
       der Wein war von besserer Qualität als unser Wein, ihre Nahrung
       abwechslungsreicher, [4][die Luft, die sie atmeten, war reiner] und weniger
       radiokativ, die medizinische Versorgung effizienter und technisch besser“.
       Er spricht vom Jetzt und Hier als dem Schlaraffenland der Biodiversität,
       Klimastabilität und Vernunft. Und von der „großen Disruption“, die Mitte
       des 21. Jahrhunderts dieses goldene Zeitalter beendete, das wir jeden Tag
       als Jammertal begreifen.
       
       ## Souveräne Ignoranz
       
       McEwan nutzt sein Konstrukt für bitterböse Kritik am schlechten Jetzt. Denn
       das ist die gute alte Zeit der Zukunft, „in der viele Probleme der
       Menschheit noch hätten gelöst werden können. Damals, als zu wenige
       begriffen, wie grandios ihre natürliche und auch die menschengemachte Welt
       war“.
       
       Ist es da Zufall, dass ich gerade noch einen [5][CDU-Parteitag verdaue, der
       souverän das Klima- und Naturthema ignoriert hat]? Auf Seite 117 lese ich
       über uns, „diese Vorfahren müssen ignorante, verkommene und destruktive
       Rüpel gewesen sein“ – während das Radio von der [6][Rede des US-Präsidenten
       berichtet, der weiter von seinen fossilen Albträumen halluziniert]. Kein
       Zusammenhang?
       
       Der Wissenschaftler im Roman wundert sich später über seine Ahnen, die „für
       eine Woche Urlaub dreitausend Kilometer fliegen … uralte Wälder abholzen
       für Papier, mit dem sie sich den Hintern abwischten …“ – während sich die
       Regierung gerade ihre Klimapläne für 2030 und 2040 zusammenfantasiert.
       Alles Zufallsprinzip?
       
       Wahrscheinlich. Aber dann lese ich über die nächste Forderung aus Politik
       und Wirtschaft, den [7][EU-Emissionshandel zu „reformieren“]: Also das
       einzig funktionierende Klimaschutz-Instrument der EU drastisch zu
       beschneiden, zu stutzen, zu verstümmeln. Mein Blick fällt aufs Datum: Es
       ist der letzte Dienstag im Februar – der jährliche „Weltkastrationstag“.
       Echt jetzt?
       
       27 Feb 2026
       
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