# taz.de -- Caracas nach US-Angriff: Neues, altes Venezuela
> Seit Diktator Maduro in die USA entführt wurde, denken die Menschen in
> Venezuela wieder an die Zukunft. Doch dafür müssen sie auch in die
> Vergangenheit blicken.
(IMG) Bild: Auf den Straßen von Caracas geht das Leben weiter – aber ist mit einer unsichtbaren Angst unterlegt
In dem Arbeiterviertel von Caracas, in dem Fabiana Zambrano* lebt, hört die
Musik niemals auf. Es ist Mitte Januar, aus den Lautsprechern dröhnt Salsa.
Einige Nachbarn genießen unter der tropischen Sonne ein Bier. Doch es liegt
eine beunruhigende Stimmung in der Luft. Seit Tagen ist der städtische
Alltag – Einkaufen, Gespräche an Straßenecken, das Kommen und Gehen von
Motorrädern und Marktstände – [1][mit einer unsichtbaren, allgegenwärtigen
Angst unterlegt]. In manchen Vierteln der venezolanischen Hauptstadt stehen
an jeder Ecke Sicherheitskräfte.
„Es ist, als würde ich in zwei Welten gleichzeitig leben“, sagt Fabiana,
die gerade ihre Wäsche wäscht. Sie ist Schriftstellerin und arbeitet in
Caracas. Sie sehe sich die Nachrichten an, versuche zu verstehen, was
passiert. „Es gibt Menschen, die es schaffen, mit all dem umzugehen. Für
mich ist da ein ständiges Störgefühl. Ich kann nicht begreifen, was
geschieht.“
Die Spannung, die Fabiana spürt, ist nicht abstrakt. Vor wenigen Tagen
wurde sie von der Generaldirektion für Militärische Spionageabwehr auf
offener Straße festgenommen. Fünfzig Minuten lang behielten sie Fabianas
Ausweispapiere ein, fotografierten sie und nahmen ihr das Handy ab. Es
liege Bedrohung in der Luft, obwohl niemand sie direkt bedrohe, sagt sie:
„Das ist ein seltsames, heiß-kaltes Gefühl, das schwer zu beschreiben ist.
Nur wer Venezuela erlebt hat, kann es verstehen.“
[2][Am 3. Januar 2026 stürmten US-Truppen Caracas und nahmen Präsident
Nicolás Maduro und seine Frau Cilia Flores fest]. Seitdem hat sich die
Wahrnehmung von Macht und Souveränität in Venezuela grundlegend verändert.
Die Intervention – die weithin [3][als Verstoß gegen das Völkerrecht
kritisiert wird] – verstärkt die Angst, das Gefühl der Bedrohung in einem
Land, in dem seit Jahren politische und rechtliche Unsicherheit herrschen.
## Ein Akt des Widerstands
Diese neue Anspannung trifft wohl keine Gruppe so sehr wie die jungen
Menschen Venezuelas, die versuchen, ihre Zukunft zu gestalten. Ihr gesamtes
Erwachsenenleben ist von Krisen geprägt, von Hyperinflation,
Massenauswanderung, Wirtschaftskrise. Als Kinder von Ölarbeitern, Lehrern
und Angestellten des öffentlichen Dienstes erlebten sie, während sie
aufwuchsen, wie Institutionen verfielen, wie politische Loyalität Leistung
ersetzte und die Wirtschaft zusammenbrach. Als nach Hugo Chávez’ Tod 2012
Maduro an die Macht kam, folgten die härtesten Jahre, mit Warteschlangen,
mit Hunger und einer unterschwelligen Wut.
Dazu kommt die politische Repression – und Erinnerungen an die Proteste von
2014 und 2017 bis 2019, an die gefälschte Wahl von 2024, die politischen
Kundgebungen der Folgejahre und die Mahnwachen. Viele von ihnen endeten mit
Verhaftungen, es sitzen wohl Tausende Menschen in Venezuela aus politischen
Gründen im Gefängnis. Mehr als 800 Fälle sind offiziell dokumentiert,
darunter Aktivisten, Menschenrechtsverteidiger – aber auch Unbeteiligte.
Angst und Unsicherheit prägen also das Denken und das soziale Handeln
junger Venezolaner. Für viele von ihnen ist deshalb das Sprechen über die
Zukunft, selbst wenn sie es vorsichtig tun, ein Akt des Widerstands.
Nach dem Angriff der USA am 3. Januar übernahm Delcy Rodríguez, zuvor
Maduros Vize, die Präsidentschaft in Venezuala. Sie rief einen „äußeren
Ausnahmezustand“ aus und ermächtigte die Sicherheitskräfte, gegen
diejenigen vorzugehen, die ihrer Ansicht nach ausländische Aggressionen
unterstützten – die Willkür bleibt also, ebenso wie die Überwachung und
Selbstzensur.
Inmitten wochenlanger, außerordentlicher Sicherheitsmaßnahmen kündigte die
Regierung kürzlich aber auch die Freilassung politischer Gefangener an.
Laut offizieller Angaben sind seit Dezember 2025 mindestens 406 Personen
freigelassen worden. Unabhängige [4][NGOs gehen jedoch davon aus, dass die
Zahl deutlich niedriger liegt] – je nach Quelle zwischen 70 und 100
Personen – und dass weiterhin Hunderte inhaftiert sind. Familienangehörige
und Aktivisten fordern mehr Transparenz.
## Leise Hoffnung
José Enrique*, 26 Jahre alt, ist eher optimistisch. Seit dem 3. Januar
schläft er weniger, er bleibt jetzt länger auf. Doch er frühstückt
weiterhin jeden morgen eine Arepa, checkt seine Social-Media-Accounts,
spielt mit seiner Katze, telefoniert mit seiner Familie, geht zur Arbeit,
unterhält sich mit seinen Kollegen. Und dann checkt er wieder Social Media.
Die Straßenkontrollen, bei denen die Handys untersucht werden, die
Selbstzensur in den sozialen Medien, der Mangel an Demokratie – das alles
sei geblieben. Doch die angekündigte Freilassung politischer Gefangener
macht ihm Hoffnung. „Venezuela bedeutet für mich nach wie vor Unsicherheit.
Aber es tut sich etwas, wir sehen Veränderungen – auch wenn es kleine sind
–, die zuvor undenkbar waren“, betont er.
Dem offiziellen Diskurs über einen Wandel begegnet man in Caracas jedoch
mit Skepsis. Abgesehen von den Ankündigungen der USA und der Person Maduros
bleibt die Machtstruktur intakt. Die Festnahme des Präsidenten hat,
zumindest vorerst, keine tiefgreifende Umgestaltung des politischen Systems
gebracht. Aber viele junge Venezolaner nehmen die neue Situation als
kleineres Übel, im Vergleich zu einem Regime, das – in ihren Worten – das
Land völlig auseinandergenommen hat.
Felipe Gianvittorio, 28, studiert an einer europäischen Universität, auf
Master in „Journalismus in totalitären Regimen und politischen Umbrüchen“.
Seine Familie und seine engsten Freunde leben in Venezuela. Im Videocall
zeigt er sich vorsichtig optimistisch. „Ich glaube, die USA machen Druck,
um den [5][Chavismus] von innen heraus zu zersetzen und ihn so zu
Anpassungen zu zwingen“, bemerkt er. Ein wirtschaftlicher und
demokratischer Übergang könne so geschaffen werden. Aber: „Es könnte ein
langer und schwieriger Prozess sein, der Jahre der Rezession und
Enttäuschung nach sich zieht.“
Felipe ist überzeugt: Je traumatischer der Sturz von Regimen sich
vollzieht, desto lauter wird der Ruf nach Gerechtigkeit. „Wir müssen das
bewahren, was ich die ‚moralische Reserve‘ nenne, also im Grunde Anstand
und demokratischen Widerstand, auch in Zeiten anhaltender Repression. Ich
glaube, meine Generation hat nicht nur gefeiert, dass Nicolás Maduro weg
ist, sondern auch, dass er sich vor Gericht verantworten wird“, schließt
er.
## Tiefe Wunden
Die Präsidentschaftswahlen vom 28. Juli 2024 haben tiefe Wunden
hinterlassen: Die Wahlbehörde fälschte das Ergebnis und behauptete einen
knappen Sieg Maduros gegen den Oppositionskandidaten Edmundo González.
Zuvor war die eigentlich von der Opposition vorgesehene
Präsidentschaftskandidatin [6][María Corina Machado] von allen politischen
Ämtern ausgeschlossen worden. Proteste gegen die Wahlfälschung ließ die
Regierung brutal niederschlagen, Demonstrierende wurde getötet und Tausende
festgenommen.
Für viele junge Menschen war die erste demokratische Erfahrung somit die
erste große Enttäuschung. Barbara Luzardo* war eine von ihnen. Die
25-jährige Hochschuldozentin zählte als Wahlleiterin Stimmen aus und
dokumentierte das offizielle Ergebnis. Wenn sie von dem Wahltag erzählt,
hat sie noch immer Tränen in den Augen. „Ich dachte, dass wir vielleicht
auf demokratischem Weg da rauskommen würden. Die Bekanntgabe des
Wahlbetrugs Minuten später war vernichtend.“
Für viele wird der demokratische Widerstand weiterhin von Personen wie
María Corina Machado verkörpert. [7][Für ihren Kampf um Demokratie und
Freiheit erhielt sie 2025 den Friedensnobelpreis], den sie sowohl dem
venezolanischen Volk als auch [8][US-Präsident Donald Trump widmete], für
dessen erklärte Unterstützung der demokratischen Sache in Venezuela. Diese
Geste löste selbst unter internationalen Verbündeten Diskussionen aus.
Trump plant allem Anschein allerdings nicht, einer demokratischen
Opposition in Venezuela zur Macht zu verhelfen. Er wolle die Führung im
Land selbst übernehmen und die Kontrolle über die Ölverkäufe des Landes
erlangen, erklärte er stattdessen. Und merkte an, Machado verfüge in
Venezuela nicht über genügend Unterstützung. „Wir schätzen ihre Arbeit,
aber ich denke, sie erfüllt unsere Erwartungen nicht. Sie muss entschieden
dafür sorgen, dass die Opposition Teil der Übergangsregierung wird“, so
Trump.
Machado bot Trump unterdessen an, ihm ihren Nobelpreis zu übergeben. Das
Angebot wolle er gerne annehmen, sagte Trump, das Nobelpreiskomitee
erklärte die Weitergabe später allerdings für unzulässig. Am
Donnerstagabend wird Machado zu einem Besuch im Weißen Haus erwartet. Wie
das Zusammentreffen mit Trump ausgehen wird, ist noch völlig offen.
In Caracas sitzt Luis Guillén* in der Dunkelheit der Nacht auf einer Treppe
und wartet darauf, dass das Wasser angestellt wird. In seinem Wohngebiet
ist der Zugang zur Grundversorgung eingeschränkt. „María Corina ist für
viele von uns ein vielschichtiges Symbol“, sagt der 24-jährige
Grafikdesigner. „Ihr Kampf um die Demokratie bei den Wahlen von 2024 ist
unbestreitbar, ebenso wie die Hoffnung auf politische Teilhabe, die sie uns
gegeben hat. Aber viele von uns empfinden diesen überschwänglichen Dank
gegenüber Trump als Geschleime.“
## Uneinig über die Vergangenheit
Um die Gegenwart Venezuelas zu verstehen, ist ein Blick zurück
unerlässlich. Doch der sieht nicht für alle gleich aus: Viele ältere
Venezolaner blicken anders auf die Geschichte als die junge Generation. Für
sie beginnt der Chavismus nicht mit einem Zusammenbruch, sondern mit
Integration. Als [9][Hugo Chávez 1999 die Präsidentschaft] übernahm, sorgte
er für Zugang zu Sozialprogrammen, zu medizinischer Versorgung und
Subventionen. Für viele Menschen, insbesondere Frauen in Städten, bedeutete
das, zum ersten Mal vom Staat wahrgenommen zu werden.
Carmen Morales* gehört zu diesen Menschen. Sie ist 68 Jahre alt und steht
vor einem Supermarkt in der Schlange, um Eier zu kaufen. Die
Sozialprogramme seien ihre Rettung gewesen: „Die Regierung hat mir ein Haus
und medizinische Versorgung gegeben. Ich komme aus einer sehr armen
Familie. Dank dieser Programme und der Bildungsmissionen hat sich mein
Leben verändert“, sagt die pensionierte Sekretärin. Ihre Geschichte zeigt,
wie soziale Programme strukturelle Defizite in breiten
Bevölkerungsschichten aufgefangen haben. In vielen Fällen führte das zu
Loyalität und Dankbarkeit gegenüber Maduro.
Nicht wenige Menschen identifizieren sich deshalb weiterhin mit dem
sozialistischen Projekt. Sie vergleichen es nicht mit einem abstrakten
demokratischen Ideal, sondern mit der Ausgrenzung früherer Jahre. Aus
dieser Perspektive ist die Vorstellung, „alles sei eine Katastrophe“
gewesen, nicht nur falsch, sondern auch beleidigend.
## Verfallene Ölindustrie
Im fünften Stock eines Apartmenthauses im Herzen der Stadt spricht Damián
Cortez* nicht aus politischer oder aktivistischer Perspektive, sondern aus
der Sicht des alltäglichen Staatsbetriebs. Der 65-Jährige bereitet Kaffee
und blickt beim Reden immer wieder über seine Brille hinweg.
„In der Raffinerie von Amuay – einem der größten Komplexe der Welt – gab es
Umweltüberwachungssysteme, strenge Emissionsgrenzwerte, Notfallpläne und
eine durchgängige Verantwortungskette, von den Ingenieuren bis zu den
Aufsichtsbehörden“, erzählt der Ingenieur, der von 1990 bis 2002 bei
Petróleos de Venezuela arbeitete, der größten Erdölgesellschaft
Lateinamerikas.
Die komplexen Anlagen zur Emissions-, Leckage- und Sicherheitskontrolle,
erklärt er, habe ständige Investitionen und Fachkräfte erfordert, um
betriebsbereit zu bleiben – doch das wurde in den letzten Jahren
vernachlässigt. Berichte des Center for Strategic and International Studies
(CSIS) bestätigen, dass Venezuelas Ölinfrastruktur nach jahrzehntelanger
mangelhafter Wartung, fehlenden Ersatzteilen, der Abwanderung von
Fachkräften und strukturellen Investitionskürzungen [10][größtenteils
verfallen oder außer Betrieb genommen wurde], was zu vermehrten
Umweltvorfällen und einer geringeren Gesamtkapazität führte.
Damián verweist auf einen der Hauptgründe für den Zusammenbruch: Die
Regierung verteilte Einkommen um, ohne die Institutionen zu unterstützen,
die die Gewinne erwirtschafteten. Während ein Teil der Bevölkerung davon
profitierte, verlor ein anderer Teil des Landes technisches Personal,
Investitionen, Instandhaltung und operative Autonomie.
## Unsicherheit und Hoffnung liegen nebeneinander
Doch Venezuela schrieb jahrelang den Vereinigten Staaten fast die alleinige
Verantwortung für den wirtschaftlichen Zusammenbruch zu. Die „Blockade“ –
ein Begriff, der Finanzsanktionen, Handelsbeschränkungen und diplomatischen
Druck aus den USA umfasste – wurde zur allgegenwärtigen Erklärung, die in
Radio- und Fernsehsendungen, auf Wandmalereien und bei öffentlichen
Veranstaltungen immer wiederholt wurde.
Deshalb ist der plötzliche Widerspruch so tiefgreifend: Dasselbe Land, das
jahrelang als Ursprung allen Übels dargestellt wurde, gilt nun als
unvermeidlicher Partner beim Wiederaufbau. Nicht etwa, weil das eine
gerechte oder wünschenswerte Lösung darstellt, sondern weil der
venezolanische Staat die materiellen Kapazitäten verloren hat, seine
strategische Infrastruktur aufrechtzuerhalten.
In diesem Wandel – vom äußeren Feind zum unverzichtbaren Akteur – offenbart
sich mehr als nur eine geopolitische Veränderung. Er zeigt die Erschöpfung
einer Erzählung, die absolute Souveränität versprach, aber eine abhängige
Wirtschaft, eine zerstörte Industrie und eine Bevölkerung hinterließ, die
gezwungen ist, zwischen ideologischen Narrativen und unvollkommenen
Lösungen zu wählen.
Heute schaltet Damián seinen Computer nur noch ein, wenn es keinen
Stromausfall gibt, und stellt sein Wissen Firmen anderer Länder zur
Verfügung. Denn seit er aus der venezolanischen Arbeitswelt ausgeschieden
ist, findet er hier keinen Job mehr. Carmen, die den Chavismus weiterhin
als Ideologie verteidigt, lebt derweil weiter. Doch der Staat ist nicht
mehr in der Lage, ihr zu garantieren, was er ihr einst versprochen hat.
Von einem Gebäude in Caracas aus verschmelzen Dächer, Kabel und Antennen zu
einem urbanen Mosaik, das seinen eigenen Rhythmus atmet. Die Lichter der
Stadt erstrahlen, und auf den Straßen geht das Leben weiter: Menschen
arbeiten, junge Leute lernen, Nachbarn warten auf dem Markt, andere
unterhalten sich oder gehen nach Hause. Unsicherheit und Hoffnung liegen
nebeneinander, Wachsamkeit und Selbstbestimmung, Erinnerungen an schwere
Zeiten und Pläne für die Zukunft. Dazwischen versuchen die Menschen einfach
ihren Alltag aufrechtzuerhalten und sich vorzustellen, zögernd und ganz
privat, wie ihr Venezuela in Zukunft aussehen könnte.
*Namen aus Sicherheitsgründen von der Redaktion geändert
Aus dem Spanischen Sunny Riedel
Die Autorin war 2025 Teilnehmerin des hybriden Workshops [11][Green Panter
Amazonien] der [12][taz Panter Stiftung] mit Klimajournalist*innen.
16 Jan 2026
## LINKS
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