# taz.de -- Venezuela nach Maduro-Entführung: Der Deal der Vizepräsidentin
> Wie Delcy Rodríguez mithilfe von US-Präsident Donald Trump in Venezuela
> an die Macht kam – und Oppositionsführerin María Machado ausbootete.
(IMG) Bild: Vor dem Parlament in Caracas: Delcy Rodríguez (Mitte). Daneben Maduros Sohn Nicolas und ihr Bruder Jorge, der Parlamentspräsident
ap | Als Donald Trump 2017 zum ersten Mal das US-Präsidentenamt übernahm,
witterte [1][Delcy Rodríguez] ihre Chance. Nach seinem Sieg bei der
US-Präsidentschaftswahl 2016 startete die damalige venezolanische
Außenministerin Rodríguez eine Charmeoffensive: Sie veranlasste, dass
Citgo, eine Tochterfirma des staatlichen Ölkonzerns, 500.000 Dollar für die
Amtseinführung des US-Republikaners spendete. Damals herrschte in Venezuela
bereits Lebensmittelknappheit. Doch Rodríguez hoffte darauf, ein Abkommen
abzuschließen, das den Weg für Investitionen der USA in ihrem Land ebnen
könnte.
In etwa zur selben Zeit ging Rodríguez auf Republikaner im US-Kongress zu
und bemühte sich um ein Treffen mit dem Chef des Ölkonzerns ExxonMobil.
Doch ihre Bemühungen scheiterten. Wenige Wochen nach seinem Amtsantritt
setzte Trump sich für die Gegner der sozialistischen Maduro-Regierung in
Venezuela ein. Er reagierte damit auf das Drängen des damaligen US-Senators
Marco Rubio – und auf das Vorgehen der Maduro-Regierung gegen die
Opposition, die bei den Parlamentswahlen im Dezember 2015 einen
Erdrutschsieg errungen hatte. Der damalige Parlamentspräsident Juan Guaidó
wurde zum Gesicht der Opposition, die von den USA und der EU unterstützt,
aber vom Regime unterdrückt wurde.
Dennoch blieben Rodríguez’ Annäherungsversuche nicht folgenlos: Sie wurde
dadurch [2][in US-amerikanischen Geschäftskreisen und unter Politikern
bekannt]. Das ebnete ihr auch den Weg für ihren Aufstieg innerhalb der
venezolanischen Regierung, wo sie 2018 zur Vizepräsidentin aufstieg und die
Kontrolle über den Geheimdienst, die Zentralbank und das Erdölministerium
übernahm. „Sie ist eine Ideologin, aber eine pragmatische“, sagt Lee
McClenny. Er war der ranghöchste US-Diplomat in Caracas zu der Zeit, als
Rodríguez versuchte, die Trump-Regierung für sich zu gewinnen. „Sie wusste,
dass Venezuela einen Weg finden musste, um eine sterbende Ölwirtschaft
wiederzubeleben, und schien gewillt, mit der Trump-Regierung
zusammenzuarbeiten, um das zu tun.“
## Pragmatische Partnerin der USA?
Knapp zehn Jahre später ist Rodríguez nach der [3][Entführung von
Staatschef Nicolás Maduro durch die USA] als Interimspräsidentin die
mächtigste Frau Venezuelas. Sie hat Trump offenbar davon überzeugt, offen
für einen „Deal“ zu sein. Nach dem Sturz Maduros lobte Trump Rodríguez als
Partnerin. Zugleich droht er ihr, sie könnte ein ähnliches Schicksal wie
Maduro ereilen, wenn sie den USA nicht [4][„vollständigen Zugang“ zu den
Ölreserven Venezuelas] gewähre.
Die Nachrichtenagentur AP hat Interviews mit zehn früheren
Regierungsvertretern Venezuelas und der USA sowie mit Geschäftsleuten
beider Länder geführt, die geschäftliche Verbindungen zu Rodríguez hatten
und die sie zum Teil bereits seit Jahrzehnten kennen. Die meisten von ihnen
wollten anonym bleiben – teils, weil sie ihre Rache fürchteten. Fast alle
beschrieben sie als klug, manchmal charmant, aber vor allem als skrupellos.
Kritik toleriere sie nicht. Deshalb gilt sie als Hardlinerin.
Rodríguez’ politische Einstellung rührt nicht zuletzt vom Mord an ihrem
Vater her. Als sie sieben Jahre alt war, wurde er in einem venezolanischen
Gefängnis zu Tode gefoltert, wofür Rodríguez auch die USA verantwortlich
machte. Sie schloss sich aber erst relativ spät der linken Bewegung an, die
von Ex-Präsident Hugo Chávez angeführt wurde. Sie folgte damit ihrem
älteren Bruder Jorge Rodríguez. Der verhalf seiner Schwester zu einem
Posten im Präsidialbüro, als er ein ranghoher Beamter unter dem damaligen
Staatschef Chávez war. Am Montag vereidigte er – nunmehr Chef der
venezolanischen Nationalversammlung – sie als Interimspräsidentin.
Nachdem Chávez 2013 an Krebs verstarb, machte Rodríguez unter seinem
Nachfolger Maduro Karriere. Als Vizepräsidentin holte sie ausländische
Berater ins Land, die Erfahrung auf den globalen Märkten hatten, und setzte
sich gegen Rivalen innerhalb der Regierung durch – darunter den einst
mächtigen Ölminister Tareck El Aissami, der 2024 unter der Ägide von
Rodríguez wegen Korruptionsvorwürfen verhaftet wurde.
## Venezuelas Zukunft ist ungewiss
Was die Machtübernahme von Rodríguez für Venezuelas Zukunft bedeutet, ist
offen. Bei der Präsidentschaftswahl 2024 hatte eigentlich der Kandidat der
Opposition gewonnen, das sahen die USA und andere Regierungen jedenfalls
so. Maduro wurde vorgeworfen, seine Wiederwahl einem systematischen
Wahlbetrug zu verdanken. Doch [5][nach Maduros Entführung sagte
US-Präsident Trump], der venezolanischen Oppositionschefin und
Friedensnobelpreisträgerin María Corina Machado fehle es an Rückhalt im
Land, um Venezuela regieren zu können.
Elliott Abrams, Sondergesandter für Venezuela während der ersten Amtszeit
von Trump, ist skeptisch, wie tragfähig Trumps „Deal“ mit Rodríguez ist.
Solange sich diverse Fraktionen innerhalb der Chávez-Bewegung die Macht
teilten, würden kriminelle Banden, Drogenhändler und Gruppen aus dem Nahen
Osten weiter in Venezuela aktiv bleiben. Aber: „Nichts, was Trump gesagt
hat, deutet darauf hin, dass seine Regierung über einen schnellen Übergang
weg von Delcy nachdenkt“, sagt Abrams. „Niemand redet von Wahlen.“
Für die venezolanische Opposition platzt damit ein Traum: Zwar ist ihr
Erzfeind Nicolás Maduro nicht mehr an der Macht, sondern muss sich nun in
New York gegen den Vorwurf des Drogenhandels verteidigen. Doch in Venezuela
lenkt sein repressives Regime weiterhin die Geschicke des Landes. Die
meisten Oppositionsführer, darunter María Corina Machado, befinden sich
deshalb im Exil oder sitzen weiter im Gefängnis.
## Die geplatzten Träume der Opposition
Die Opposition habe Trump nur „ätherischen magischen Realismus“ geboten,
sagt David Smilde, Professor der Tulane University, der sich seit drei
Jahrzehnten mit Venezuela beschäftigt. Sie habe suggeriert, man müsse
Maduro nur einen kleinen Schubs geben, dann würde in Venezuela die
Demokratie einkehren. Trump sei davon offensichtlich nicht beeindruckt
gewesen. „Sie hat weder die Unterstützung noch den Respekt im Land“, sagte
er über Machado. Im Weißen Haus empfangen hat er sie bis heute nicht.
Dabei hat Machado dem US-amerikanischen Präsidenten immer wieder
geschmeichelt, die US-Angriffe gegen angebliche Drogenhändler in
internationalen Gewässern unterstützt und ihm sogar ihren
Friedensnobelpreis gewidmet. Es hat ihr wenig genutzt und ihr stattdessen
in ihrer Heimat Sympathien gekostet. Sie war in den vergangenen Jahren zu
Maduros aussichtsreichster Gegnerin avanciert. Die Regierung untersagte
ihr, an der Präsidentschaftswahl 2024 teilzunehmen, deshalb trat an ihrer
Stelle der pensionierte Botschafter Edmundo González Urrutia an.
Maduro ließ sich nur wenige Stunden nach Schließung der Wahllokale zum
Sieger ausrufen. Doch die detaillierten Auszählungsergebnisse, die Machados
gut organisiertes Wahlkampfteam veröffentlichte, legen nahe, dass González
doppelt so viele Stimmen wie Maduro erhielt.
## Machado bleibt Stimme der Opposition
Dennoch gilt die charismatische Machado und nicht González als Stimme der
Opposition: Sie wirbt um internationale Unterstützung und beharrt darauf,
Maduro abzulösen.
US-Außenminister Marco Rubio bemühte sich noch am Sonntag, Trumps Ansage,
die USA würden in Venezuela die Regierung „übernehmen“, wieder einzufangen.
Er betonte in mehreren Interviews, Washington werde die Kontrolle über die
venezolanische Ölindustrie nutzen, um politischen Wandel zu erzwingen. Die
jetzige Regierung bezeichnete er als illegitim. Doch weder Trump noch
Rodríguez haben sich dazu geäußert, ob und wann in Venezuela Wahlen
stattfinden könnten.
Die venezolanische Verfassung schreibt Wahlen innerhalb von 30 Tagen vor,
sobald ein Präsident dauerhaft nicht mehr im Amt ist. Als Gründe gelten
Tod, Rücktritt, Amtsenthebung oder einen Verzicht auf die Amtsgeschäfte,
der von der Nationalversammlung festgestellt wurde. Nach dem Tod von
Maduros Vorgänger Hugo Chávez 2013 wurde diese Frist strikt eingehalten.
## Welche Pläne hat Rodríguez?
Maduros Verbündete am Obersten Gerichtshof des Landes beriefen sich jedoch
am Samstag auf eine andere Verfassungsbestimmung und erklärten die
Abwesenheit des Staatschefs für „vorübergehend“. Dadurch entfällt die
Pflicht, Wahlen auszurufen, und die Vizepräsidentin kann für bis zu 90 Tage
die Amtsgeschäfte übernehmen. Diese Frist kann auf bis zu sechs Monate
verlängert werden, sofern die Nationalversammlung zustimmt.
In seiner Entscheidung erwähnte das oberste Gericht die Fristen nicht. Das
löste Spekulationen aus, Rodríguez könnte versuchen, länger an der Macht zu
bleiben und die Regierungspartei hinter sich zu vereinen. Machado
kritisierte Rodríguez am Montag als eine der Hauptverantwortlichen für
Folter, Verfolgung, Korruption und Drogenhandel – „sicherlich keine Person,
der internationale Investoren vertrauen können“.
Aber selbst wenn gewählt würde, müssten Machado und González zunächst einen
Weg zurück nach Venezuela finden. González lebt seit September 2024 im
spanischen Exil. Machado hat Venezuela im vergangenen Monat verlassen und
trat nach elf Monaten erstmals wieder öffentlich auf, um in Norwegen ihren
Nobelpreis entgegenzunehmen.
7 Jan 2026
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