# taz.de -- Politische Gefangene in Venezuela: Amnestie oder Amnesie?
> In Venezuela schließt die Regierung das berüchtigte Gefängnis Helicoide
> und verabschiedet ein Amnestiegesetz. Doch Kritiker zweifeln an echtem
> Wandel.
(IMG) Bild: Mahnwache vor El Helicoide: Immer wieder protestierten hier Angehörige politischer Gefangener für deren Freilassung
In Venezuelas Hauptstadt Caracas erhebt sich das Helicoide als gigantische
Betonspirale. Das Gebäude ist ein Relikt futuristischer Versprechen, die
sich in Instrumente politischer Kontrolle verwandelt haben. Das Helicoide
wurde in den 1950er Jahren als hochmodernes Einkaufszentrum für Venezuela
konzipiert; heute dient es als Hauptquartier des staatlichen Geheimdienstes
und ist wohl eines der berüchtigtsten politischen Gefängnisse
Lateinamerikas. Menschenrechtsorganisationen haben dort immer wieder
Folter, Misshandlung und willkürliche Inhaftierungen angeprangert.
Ein paar Straßen weiter geht Gabriel Vásquez seiner täglichen Routine nach.
Der 26-Jährige wohnt in der Nähe des Helicoide, spaziert durch die Gegend
und geht an dem Bauwerk vorbei, ohne es direkt anzusehen. Vásquez sagt der
taz, mit nervösem Lachen, dass er seinen Blick nur ungern darauf richtet.
Für ihn strahlt das Helicoide eine Art „kollektiven Respekt“ aus: Er
empfindet nicht unbedingt Angst, sondern eher das Bewusstsein, dass sich
dort zu viel Schmerz konzentriert. „So nah daran zu leben, ist seltsam:
Draußen geht das Leben weiter, als wäre nichts geschehen, aber man weiß,
dass hinter diesen Mauern das Leid ganz nah ist“, sagt Vásquez.
Am 3. Januar hatten US-Streitkräfte Präsident Nicolás Maduro und seine Frau
Cilia Flores gefangen genommen und in die USA überstellt, wo er sich wegen
Drogenhandels vor einem Bundesgericht verantworten muss.
## Immer noch derselbe Staat, dieselben Strukturen
In der Folge wurde [1][Maduros Stellvertreterin Delcy Rodríguez] amtierende
Präsidentin. Ihr Ziel: die Kontinuität des Staates zu gewährleisten. Im
selben Monat kündigte die Regierung jedoch die Schließung des Helicoide und
dessen Umwandlung in ein Zentrum für soziale und kommunale Dienste an. Die
Entscheidung wurde als Teil eines Amnestieprojekts für politische Gefangene
und der schrittweisen Freilassung von Häftlingen präsentiert, eingebettet
in einen offiziellen Prozess der „Heilung“ und „nationalen
Wiederannäherung“.
Auf der Straße wirkt derweil alles normal. Die Geschäfte sind geöffnet, der
Verkehr fließt, die Nachbarn unterhalten sich. Nachdem die Regierung Anfang
Januar politische Gefangene aus dem Helicoide freiließ, verstärkte die
Polizei jedoch die Überwachung: strenge Kontrollen am Eingang, Patrouillen
in der Umgebung. Normalität und eine verstärkte Sicherheitspräsenz gehen
Hand in Hand.
Für Vásquez aber offenbart sich darin ein tiefgreifender Widerspruch des
venezolanischen Regimes: Derselbe Regierungsapparat, für den das Helicoide
lange Zeit ein Machtsymbol und Instrument der politischen Unterdrückung
war, will nun dessen Schließung abwickeln.
Vásquez meint, die [2][Reformen] müssten mit einer Reflexion über die
Vergangenheit einhergehen. „Mir gefällt die Idee, es als historisches
Museum zu erhalten, um zu verstehen, was dort geschehen ist: die Verhöre,
die Kälte, der psychologische Terror … Erinnern bedeutet nicht, den Schmerz
erneut zu durchleben, sondern die Fehler nicht zu wiederholen.“
## Ein Gesetz des Vergessens
Die Ankündigung der Schließung von El Helicoide fiel mit der Verabschiedung
des Amnestiegesetzes durch Abgeordnete der Regierungspartei zusammen. Das
Gesetz sieht die Überprüfung der Fälle von politischen Gefangenen von 1999
bis 2026 vor. Der Staat verkauft die Maßnahme als Mechanismus für
„Versöhnung und Frieden“.
Nach dem Inkrafttreten des Gesetzes kündigte die Regierung Tausende von
Freilassungen und die Aufhebung restriktiver Maßnahmen an.
Menschenrechtsorganisationen meldeten jedoch Diskrepanzen zwischen
offiziellen Zahlen und verifizierten Freilassungen.
Delcy Rodríguez spricht dennoch von einem nationalen Versöhnungsprozess.
Sie sagt, dass die Venezolaner „wissen müssen, wie man um Vergebung bittet
und wie man Vergebung empfängt“. Kritiker argumentieren, dass diese
Betonung auf Vergebung die Gefahr birgt, dass die Regierung vermeiden will
wirklich Rechenschaft abzulegen.
Gonzalo Himiob, Vizepräsident der NGO „Foro Penal“, die sich für politische
Gefangene und Menschenrechte einsetzt, sieht das Land in einer komplexen
Situation. Die Freilassung ehemaliger Häftlinge ist für ihn keine echte
Amnestie – für die brauche es einen langfristigen Prozess.
Der derzeitige Gesetzestext sehe keine Wiedergutmachungen vor und erkenne
den Opferstatus der Gefangenen nicht an, sagt Himiob. „Wenn beispielsweise
eine Person bereits frei ist, weil sie eine sehr lange Haftstrafe verbüßt
hat, obwohl sie unschuldig war, fällt diese Person nicht unter die
Amnestie.“
## Hoffnung auf die Freiheit
Für andere dagegen hat die Schließung eine Tür zur Freiheit geöffnet – und
eine neue Hoffnung geweckt. So etwa für viele der Mütter, Aktivisten und
Studierenden, die in den letzten Monaten im Land demonstriert haben.
Luisa Barrios erreichte Anfang Januar die Nachricht, dass ihr Sohn Luis
Gonzales Anfang Januar unter Auflagen aus dem Gefängnis von Tocorón
freigelassen wurde. Es ist eines der Gefängnisse, das die kriminelle Gruppe
Tren de Aragua seit fast einem Jahrzehnt für Operationen nutzt. Der junge
Mann sei nur deshalb inhaftiert worden, weil er einen Stein in seiner
Tasche hatte, sagt Barrios.
Im folgenden Monat beschloss Luisa, sich den Bürgerbefreiungskomitees
anzuschließen. Dabei halten Frauen vor Haftanstalten Mahnwachen ab und
fordern die Freilassung ihrer Angehörigen. Für sie mangelt es nach wie vor
an Gerechtigkeit. „Es gibt viele, die wie mein Sohn inhaftiert sind und
unschuldig waren. Ich glaube nicht, dass es vollständige Gerechtigkeit
gibt, solange sie nicht wirklich frei sind, ohne Bedingungen oder
Einschränkungen“, sagt Barrios.
Fraglich ist also nicht nur die Umsetzung der Amnestie, sondern auch, ob
sie eine umfassende Gerechtigkeit bringt – oder der Regierung nur als
politisches Manöver dient. Die Zivilgesellschaft forderte deshalb – mit
Verweis auf internationale Menschenrechtsstandards – dass Verantwortliche
zur Rechenschaft gezogen und Missbrauch durch staatliche Akteure
aufgearbeitet werden muss.
## Das Gewicht der Erinnerung
Auch die Erinnerung an das, was in Haftanstalten wie dem Helicoide
geschieht, ist in Venezuela umkämpft. So sieht es etwa der Soziologe und
Politikexperte Felipe Toros. „Es gibt viele Akteure mit unterschiedlichen
Versionen der Vergangenheit, die Anerkennung und Legitimität suchen und
damit ihre Machtpositionen stärken wollen“, sagt der 28-Jährige der taz.
„Jeder dieser ‚Erinnerungsunternehmer‘ will den anderen seine eigene
Erzählung aufzwingen.“
Die Schließung von Gefängnissen, die Debatte um das Amnestiegesetz – in
Toros’ Augen kann das Vergessen in dieser Form als Waffe eingesetzt werden,
um Ansprüche von Opfern zu verwässern, Straflosigkeit zu ermöglichen und
die Reform von Missständen zu ersticken. Die unmittelbare Gefahr besteht
seiner Meinung nach darin, dass diejenigen, die auf Wahrheit und
Anerkennung bestehen, zum Schweigen gebracht werden.
## Widersprüche des Systems
Die Vertreter des Systems haben eine andere Perspektive. Alexander Ruiz ist
ein Anwalt mit langjähriger Erfahrung im Staatsapparat, der derzeit eine
hochrangige Position im Ministerium für Strafvollzug innehat. Der
60-Jährige besteht im Gespräch mit der taz darauf, dass Beschwerden von
Gefangenen durch die heimischen Kanäle laufen müssen, bevor internationale
Institutionen wie der UN-Menschenrechtskommissar eingeschaltet werden.
Menschenrechtsorganisationen weisen dagegen darauf hin, dass Ausnahmen
zulässig sind, wenn eine unabhängige Justiz in einem Land nicht garantiert
werden kann. „Ja, ich weiß, dass die Leute sagen, dass dieses System die
Maßnahmen durchführt, und sie fühlen sich dadurch unsicher, aber es ist das
einzige System, das wir haben“, sagt Ruiz.
Seiner Ansicht nach würde eine Einschaltung internationaler Institutionen
bei der Aufarbeitung nur „weitere Probleme mit sich bringen“. Ruiz, der
regierungsfreundlich ist, stellt jedoch auch den Umfang der Amnestie und
die Schließung des Helicoide infrage. Ihm zufolge müssten rechtsstaatliche
Standards gewahrt werden.
Während sich Ruiz in einem Hochsicherheitsbüro in Caracas befindet, sitzt
Yerson Parra auf der Treppe seines Hauses für ein Videogespräch mit der
taz. Hinter ihm spielen einige Kinder Karneval. Parra wird von einer der
staatlichen Wohlfahrtsorganisationen versorgt, der „Missionen“, die Hugo
Chávez einst zur Armutsbekämpfung ins Leben gerufen hatte. Mitte Februar
aber löste Delcy Rodríguez sieben dieser Einrichtungen per Dekret auf.
In Parras Gemeinde säße ein Nachbar seit mehreren Tagen vor einer anderen
Strafanstalt und warte auf die Freilassung eines Verwandten, von dem alle
vor Ort wüssten, dass er aufgrund eines undurchsichtigen Verfahrens
inhaftiert wurde, erzählt Parra. „Ich habe niemandem etwas zuleide getan,
meine Familie ist chavistisch“, sagt Parra, „aber ich war mit der
Verfolgung nicht einverstanden. Ich glaube, wir müssen alles vergessen und
neu anfangen.“
Aus dem Englischen von Leon Holly
Die Autorin war 2025 Teilnehmerin des hybriden Workshops [3][Green Panter
Amazonien] der [4][taz Panter Stiftung] mit Klimajournalist*innen.
13 Mar 2026
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## AUTOREN
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