# taz.de -- Exilierte Oppositionelle zu Nicaragua: „Maduros Sturz hat die Bevölkerung aufgeweckt“
       
       > Dora María Téllez war Gesundheitsministerin in Nicaragua – bis sie in
       > Opposition ging zum Ortega-Regime. Das sieht sie jetzt wackeln.
       
 (IMG) Bild: Dora María Téllez im Mai 1981 in Managua
       
       taz: Frau Téllez, als US-amerikanische Streitkräfte Venezuela angegriffen
       haben und Präsident Nicolas Maduro zusammen mit seiner Ehefrau in die USA
       verbracht haben – wie kam diese Nachricht im Januar bei Ihnen an?
       
       Dora María Téllez: Die militärische Aktion der USA mit Bombardements
       gegenüber Venezuela und der Entführung Maduros ist ganz eindeutig eine
       Intervention und Aggression gegen die nationale Souveränität. Und doch wird
       sie von großen Teilen der Venezolaner*innen gut aufgenommen, was
       daran liegt, dass sie seit mehr als zwei Jahrzehnten eine repressive
       Diktatur erlitten, mit schweren Menschenrechtsverletzungen, [1][in der
       Tausende inhaftiert] und gefoltert wurden. Unter der von Nicolás Maduro
       errichteten Diktatur haben mehr als acht Millionen Menschen das Land
       verlassen.
       
       taz: Was bedeutet diese militärische Einmischung konkret für die
       Venezolaner*innen? 
       
       Téllez: Trumps klar benanntes Ziel ist die Kontrolle über das
       venezolanische Öl. Trotzdem bietet sich eine Chance für einen
       demokratischen Wandel, der die Rückkehr von Millionen
       Venezolaner*innen und ein Leben in Frieden ermöglicht. Ein
       schwieriger Weg, zumal die verbliebene Führungsspitze des „Madurismo“ ohne
       Maduro bereits mit den USA Abkommen getroffen hat, die ganz im Sinne von
       Trumps Kontrolle der Bodenschätze sind. Venezuela befindet sich an diesem
       Scheideweg: eine demokratisch legitimierte Regierung oder eine im
       Trump’schen Interesse.
       
       taz: Welche Auswirkungen hat diese militärische Intervention auf den Rest
       des lateinamerikanischen Kontinents? 
       
       Téllez: Sie findet großen Anklang bei rechtsgerichteten oder
       rechtsextremen, auch sogenannten libertären Parteien, die
       populistisch-autoritär und mit der Trump-Regierung verbunden sind. Die
       Ereignisse in Venezuela sind beispielhaft für das völlige Versagen aller
       Länder des amerikanischen Kontinents und Europas gegenüber der Etablierung
       von Diktaturen.
       
       taz: Auch Ihr Land, Nicaragua, leidet unter einer brutalen Diktatur. 
       
       Téllez: Das Regime hat Hunderte von Menschen politisch inhaftiert,
       gefoltert und sogar getötet. Mehr als 350 Menschen wurden ermordet, weil
       sie protestiert haben. Die gesamte politische Führung der sozialen
       Organisationen und sozialen Bewegungen wurde ins Exil getrieben, ist
       inhaftiert oder wird bedrängt. Bisher waren alle internationalen
       Mechanismen des interamerikanischen Systems und der Vereinten Nationen
       unfähig, dem Leiden der Nicaraguaner*innen Einhalt zu gebieten. Das
       Völkerrecht schützt zwar die Souveränität der Länder, aber nicht die
       Menschenrechte. Maduro konnte doch ungehindert 2024 die Wahlen
       manipulieren. Wundert es dann, dass viele Menschen in Venezuela
       militärische Maßnahmen, wie die von Trump, tatsächlich begrüßen?
       
       taz: In Mittelamerika, aber auch weltweit scheint sich der Autoritarismus
       auszubreiten. Wie beurteilen Sie diese Entwicklung? 
       
       Téllez: Früher kamen autoritäre Regimes durch Militärputsche, militärische
       Interventionen usw. an die Macht. Jetzt durch Wahlen, also mit
       Unterstützung der Bevölkerung. Das ist ein bemerkenswerter, äußerst heikler
       Unterschied. Es handelt sich um einen Autoritarismus, der im Wesentlichen
       populistisch ist, der das Gefühl der wachsenden Unsicherheit in den
       westlichen Gesellschaften ausnutzt. Dabei offenbart sich, wie fragil
       Institutionen sind und dass viele Gesellschaften bereit sind, die Grenzen
       der Macht aufzuheben.
       
       taz: Wie erklären Sie sich das? 
       
       Téllez: Das Gefühl der Unsicherheit hat unter anderem durch die weltweit
       angewachsene Macht der Kartelle zugenommen. Da nützen anders klingende
       Polizeistatistiken wenig, wenn ich mich unsicher fühle. Die Herausforderung
       ist, uns mit den alltäglichen Problemen der Menschen auseinanderzusetzen
       und diese mit der Verbesserung ihrer Lebensbedingungen und der
       Menschenrechtslage im Allgemeinen in Verbindung zu bringen.
       
       taz: Was meinen Sie damit konkret? 
       
       Téllez: Die Linke hat in gewisser Weise den Bezug zu sozialen Realitäten
       verloren. In den Vereinigten Staaten und in Europa ist das
       [2][Wohnungsproblem ein sehr ernstes Problem] für junge Menschen. Und das
       hat nichts mit Airbnb oder Ferienwohnungen oder Migrant*innen zu tun. Es
       ist ein Investitionsthema, weil es keine ausreichend breiten Investitionen
       für Wohnraum gibt, und kein dynamisches und ausreichendes Angebot, zu dem
       junge Menschen Zugang hätten.
       
       Man muss sich mit den wirtschaftlichen, sozialen, spirituellen und
       emotionalen Problemen der heutigen jungen Generationen auseinandersetzen,
       die mit anderen Problemen konfrontiert sind als wir es waren. Letztlich
       sagen die Leute: Gib mir eine Wohnung und mach mit dem Rest, was du willst.
       Oder schick die Einwanderer*innen, oder die Schwarzen oder die
       Muslim*innen weg. Sie glauben am Ende, dass die Lösung ihres Problems
       darin bestünde, andere arme Menschen zu misshandeln. An diesem Punkt
       versagen wir wirklich.
       
       taz: Was bedeutet also der Sturz Maduros durch die USA für die Opposition
       in Nicaragua? 
       
       Téllez: In Nicaragua hat der Sturz von Nicolás Maduro die Bevölkerung
       aufgeweckt und ihr viel Mut gemacht. Ist das nicht logisch, wenn man
       bedenkt, dass wir seit Jahrzehnten unter einer Diktatur leben? Die Menschen
       wollen, dass sich das ändert. Während wir friedlich kämpfen, führt das
       Regime Krieg. Das ist eine völlig ungleiche Situation. Dann sehen die
       Menschen, dass es jemanden gibt, der mächtiger ist und einen Diktator
       stürzt, und freuen sich darüber. Sie hoffen, dass der Sturz Maduros dazu
       beitragen wird, die Krise des Regimes von Daniel Ortega und Rosario Murillo
       zu verschärfen.
       
       taz: Sie wurden 2021 inhaftiert und in Hochsicherheitsgefängnissen
       untergebracht, isoliert, ohne Licht, ohne Kontakt. Was hat Ihnen damals
       Hoffnung gegeben? 
       
       Téllez: Innerhalb eines Gefängnisses werden Analysen durch fehlende
       Informationen erschwert. Dir fehlt der Kontakt zu anderen Menschen, du
       weißt nicht, was draußen vor sich geht. Es bleibt einem nur das, was man
       für sicher hält. Sicher ist: Ich bin hier und werde hier bleiben. Und ich
       werde versuchen, mich an diesem Ort so gut wie möglich zu behaupten. Und
       ich werde hier rauskommen! Die Verhörbeamten behaupteten: niemand erinnere
       sich an uns. Aber ich war mir sicher, draußen gibt es Menschen, die
       fordern, dass wir freigelassen werden. Diese Gewissheit und Solidarität
       sind sehr wichtig.
       
       taz: 2023, als Sie freikamen und in die USA verbannt wurden, waren Sie fast
       70 Jahre alt. Wie ist es in diesem Alter wieder bei null anzufangen? 
       
       Téllez: In weniger als 24 Stunden, nachdem wir aus dem Land vertrieben
       worden waren, hatten wir alles verloren. Renten, Geburtsurkunden,
       Karrieren, Eigentum, absolut alles. Ich stehe hier vor einer wenig
       bekannten Realität. Zudem habe ich mehr Jahre hinter mir als vor mir. Aber
       ich habe meine Stärke, mein Wissen und meine Position im Leben. Damit werde
       ich neu anfangen.
       
       taz: Sie haben das Exil als Krankheit beschrieben. Was meinen Sie damit? 
       
       Téllez: Viele Menschen, die aus politischen Gründen ins Exil gegangen sind,
       haben ein Trauma und eine posttraumatische Belastungsstörung. Das kann sie
       in eine tiefe Depression führen, aber auch zu äußerster
       Widerstandsfähigkeit. Dazwischen gibt es eine Reihe von Zwischentönen.
       Menschen, die sich dem Alkohol oder Drogen zuwenden. Für junge Menschen ist
       das politische Exil extrem hart. Sie leben mit Schmerzen. Ich sage ihnen,
       man muss mit Freude leben, wo immer man ist. Das Regime will das Leben der
       Menschen im Inneren und im Äußeren zerstören. Freude ist ein Akt des
       Widerstands. Das Leben als etwas Positives zu sehen, ist ein Akt des
       Widerstands. Zu studieren, einen Beruf zu erlernen, einen Abschluss zu
       machen, sich beruflich weiterzuentwickeln, sind Akte des Widerstands.
       
       taz: Was ist Ihre Vision für Nicaragua? 
       
       Téllez: Das Streben nach Einheit der Opposition ist zwar ein großartiges,
       aber unrealistisches Ziel. Einheit setzt voraus, dass wir alle gleich sind,
       doch wir sind nicht alle gleich. Angesichts der Diktatur in Nicaragua gibt
       es ein gemeinsames Ziel: Demokratie zu etablieren. Darunter gibt es viele
       Unterschiede, und es ist wichtig, sie anzuerkennen und zu akzeptieren. Der
       nächste Schritt ist die Suche nach gemeinsamen Punkten: die
       Wiederherstellung der Demokratie in Nicaragua, die Durchsetzung fairer,
       transparenter Wahlen, die Bekämpfung der extremen Armut im Land.
       
       taz: Und dann? 
       
       Téllez: Dann müssen wir auf der Grundlage der Gemeinsamkeiten handeln. Wir
       sind uns alle einig in der Kampagne für die Freiheit der politischen
       Gefangenen. Jede*r macht seine Kampagne auf ihre Weise – perfekt. Aber wir
       alle machen sie. Wir alle machen Kampagne für Sanktionen gegen das
       Ortega-Regime, um einen Übergang zur Demokratie zu erzwingen. Jede*r macht
       es auf ihre Weise, aber wir sind alle dabei. Das ist wichtig. Oft sind es
       lediglich große Einheitsbekundungen und wenig Taten. Lasst uns handeln!
       Jede*r mit seiner Kampagne, mit ihrem Schwerpunkt – zur selben Geschichte.
       Die Förderung der Einheit im Handeln ist also ein erster wesentlicher
       Schritt.
       
       taz: Wie stellen Sie sich den Übergang vor? 
       
       Téllez: Dem größten Teil der Opposition ist bewusst, dass wir vor einem
       baldigen Übergang stehen und uns darauf vorbereiten müssen. Ein kleinerer
       Teil der Opposition denkt in Begriffen wie provisorische Regierungen, oder
       glaubt an Wunder, die es nicht gibt, oder militärische Interventionen, oder
       dass die Vereinigten Staaten die Probleme lösen werden. Nichts davon wird
       passieren. Es wird einen ausgehandelten schwierigen Übergangsprozess geben,
       wie es überall der Fall war. Dafür müssen die Forderungen der
       nicaraguanischen Gesellschaft auf den Tisch und wir müssen auch anerkennen,
       dass noch mindestens 15 Prozent der nicaraguanischen Bevölkerung die
       Regierung Ortega Murillo unterstützen.
       
       ## taz: Was heißt das?
       
       In einer Demokratie können wir die nicht ausgrenzen. Niemand, auch nicht
       die Linke, kann die endgültige Wahrheit für sich beanspruchen. Wir brauchen
       selbstkritisches Handeln, Toleranz und die Erkenntnis, nicht die Wahrheit
       gepachtet zu haben, ist wichtig. Es braucht Bündnisse und ein Ende des
       brutalen, oft aggressiven Sektierertums.
       
       taz: Welche Rolle spielen denn die Exilierten dabei? 
       
       Téllez: In Costa Rica, Panama, den USA, Spanien und anderen europäischen
       Ländern gibt es eine große nicaraguanische Diaspora. Die Bedingungen sind
       hart, und in vielen Ländern, zum Beispiel in Deutschland, erhalten nur
       wenige Menschen Asyl. Unter Trump wird es auch zunehmend schwieriger für
       Nicaraguaner*innen in den USA zu leben. Im vergangenen Jahr wurden
       von dort 8.000 Nicaraguaner*innen abgeschoben. Für uns ist daher ein
       Übergang in Nicaragua extrem wichtig. Es ist unser Zuhause. Daher
       organisieren sich die Menschen in der Diaspora. Es gibt politische
       Organisationen, soziale Organisationen, Netzwerke von Exilierten,
       Gemeinschaften, die sich gegenseitig unterstützen, all das funktioniert auf
       unterschiedliche Weise.
       
       taz: Wie gefestigt ist aktuell das Ortega-Murillo-Regime? 
       
       Téllez: Das Ortega-Murillo-Regime ist keine ideologische Diktatur. Sie ist
       weder links noch rechts, sondern einfach eine weitere Diktatur, ohne
       Verbündete auf dem Kontinent. Es befindet sich in einer äußerst schweren
       Krise, da es auf nationaler Ebene völlig isoliert ist und sich mit dem
       ganzen Land verfeindet hat. Es hält sich durch Gewalt, durch Unterdrückung,
       durch Belagerung, durch Inhaftierung von Personen, durch Verbrechen, durch
       Mord. Und durch die Inhaftierung von Hunderten von Gefangenen ohne
       Gerichtsverfahren, ohne Anklage.
       
       Es hält sich durch Drohungen, durch Deportation von Oppositionellen. Es ist
       eine isolierte Diktatur, die eine Verfassung nach ihrem Maß geschaffen hat,
       aber keine mehrheitliche soziale Basis und Unterstützung in Nicaragua hat.
       Dadurch ist es geschwächt. Mit internen Säuberungen verfolgt das
       Ortega-Murillo-Regime selbst engste ehemalige Vertraute, von denen sie
       vermutet, dass sie irgendwann gegen es konspirieren könnten.
       
       ## taz: Könnte Nicaragua das nächste Venezuela werden?
       
       Die interne Krise des Ortega-Murillo-Regimes innerhalb seiner eigenen
       Reihen verschärft sich. Es gibt Teile der Armee, der Polizei und der
       sandinistischen Front, die Veränderung wollen. Parallel dazu macht die
       Politik der Trump-Regierung Druck durch den Verlust eines wichtigen
       Verbündeten wie dem Regime von Nicolás Maduro in Venezuela. All dies sind
       Faktoren, die Hoffnung geben, dass ein demokratischer Übergang möglich ist.
       
       19 Mar 2026
       
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