# taz.de -- Prozess gegen Antifas: La Ola für die Angeklagten
> In Düsseldorf beginnt der nächste Antifa-Großprozess. Die sechs
> Angeklagten sollen in Budapest und Erfurt Rechtsextreme angegriffen
> haben.
(IMG) Bild: Soli-Kundgebung für die Angeklagten vor dem OLG Düsseldorf
Noch bevor Richter Lars Bachler die Verhandlung beginnt, ertönen
Sprechchöre im Hochsicherheitssaal des Oberlandesgerichts Düsseldorf. „Ihr
seid nicht allein“ und „Free all Antifas“ rufen die Zuhörenden den fünf
Frauen und dem Mann zu, die vor ihnen hinter meterhohen Glasscheiben auf
der Anklagebank sitzen. Sie applaudieren, machen La-Ola-Wellen. Paula P.,
Emilie D., Clara W., Nele A., Luca S. und Moritz S. winken freudig zurück,
formen mit ihren Fingern Herzen.
Aber die Vorwürfe, welche die Bundesanwaltschaft gegen die sechs erhebt,
wiegen schwer: Bildung einer kriminellen Vereinigung und auch versuchter
Mord. Die jungen Linken aus Thüringen, Sachsen und Hamburg, 23 bis 25 Jahre
alt, sollen im Februar 2023 in Budapest am Rande des [1][„Tags der Ehre“,
einer NS-Folklore von Neonazis aus ganz Europa], Teilnehmende angegriffen
haben. Eine Angeklagte, Emilie D., soll zudem an einem Angriff auf zwei
Rechtsextreme in Erfurt im Januar 2023 und auf ein lokales
Thor-Steinar-Geschäft im April 2022 beteiligt gewesen sein.
Der nun am Dienstag in Düsseldorf begonnene Prozess ist das jüngste
Großverfahren gegen Antifaschist*innen. Erst im Herbst war in München die
[2][Nürnbergerin Hanna S. wegen der Budapest-Angriffe zu fünf Jahren Haft
verurteilt worden]. In Ungarn steht der nonbinären Thüringer*in [3][Maja
T. ein Urteil bevor]. In Dresden startete erst kürzlich ein weiterer
Prozess gegen sieben Antifaschist*innen.
Nach den nun Angeklagten war nach den Budapest-Angriffen mit einer
Großfahndung gesucht worden – zwei Jahre lang vergeblich. Erst zu
Jahresbeginn 2025 stellten sie sich selbst. Seitdem sitzen sie in Haft.
## Der Saal ist voll
Vor dem Oberlandesgericht solidarisiert sich am Dienstag bereits am frühen
Morgen eine Kundgebung mit den Angeklagten. So viele Besucher*innen
sind gekommen, dass die Sicherheitskontrollen nicht hinterherkommen und
sich der Auftakt beträchtlich verzögert. Am Ende sind alle 160 Plätze im
Saal belegt.
Angereist sind auch mehrere Eltern und Geschwister der Beschuldigten.
Birgit W., die Mutter von Clara W., kritisiert den Prozess als
„aufgebauscht“. Sie sei für rechtsstaatliche Verfahren, um die Vorwürfe zu
klären. Aber es sei abwegig, dass ihr Kind und die anderen als
„Staatsgefährder“ behandelt würden. Und: Ein Einsatz gegen den Faschismus
sei richtig und nötig.
Die Beschuldigten selbst hatten, nachdem sie sich gestellt hatten, erklärt,
der Vorwurf des versuchten Mordes sei eine „politisch motivierte Eskalation
und an Lächerlichkeit kaum zu überbieten“. Es gehe den Behörden darum, vor
antifaschistischer Praxis abzuschrecken. Am Wochenende legten einige, ohne
sich namentlich zu bekennen, [4][in einer Erklärung in der taz nach] – und
verteidigten antifaschistischen Widerstand, auch militanten.
„Auch wenn gewaltvoller Widerstand gegen Nazis heute von vielen moralisch
abgelehnt wird, kann seine historische Bedeutung nicht geleugnet werden“,
heißt es darin. Heute, angesichts des immer stärkeren Rechtsrucks, sei man
wieder an einem Punkt, wo sich alle fragen müssten, „bis zu welchem Punkt
man das staatliche Gewaltmonopol schwerer gewichtet als die Notwendigkeit,
Faschismus zu bekämpfen“.
## Knochenbrüche und Platzwunden
Die Bundesanwaltschaft verweist in ihrer Anklage auf die konkreten
Angriffe. Eine Stunde dauert die Verlesung ihres Schriftsatzes. Und sie
stellt heraus, wie schwer die Rechtsextremen attackiert und teils verletzt
wurden. Auch mit Schlagstöcken und teils Hämmern sei auf die Attackierten
eingeschlagen worden, oft gegen den Kopf.
Diese erlitten Knochenbrüche und Platzwunden, in einem Fall auch einen
Schädelbasisbruch. Auf die Verkäuferin im Thor-Steinar-Laden sei mehr als
20 Mal mit einem Schlagstock eingeprügelt worden sein. Drei der Attacken
wertet die Bundesanwaltschaft als versuchten Mord. Der Staat könne
Selbstjustiz nicht hinnehmen, betont Bundesanwalt Bodo Vogler später.
Die Angeklagten lassen sich bei der Verlesung nichts anmerken. Und sie
schweigen auch am Dienstag dazu, ob sie tatsächlich an den Taten beteiligt
waren. Die Anklage beruft sich hier vor allem auf Bilder von
Überwachungskameras in Budapest und Erfurt, welche die Angeklagten zeigen
sollen.
## Verteidiger kritisieren Anklage
Die Verteidiger*innen kritisierten wiederum die „völlig überzogene“
Anklage. Die Taten hätten vor Amtsgerichten verhandelt werden sollen, nicht
vor einem Oberlandesgericht, mit dem Anschein eines Terrorismusverfahrens,
noch dazu weit weg von allen Wohn- und Tatorten. Auch der Vorwurf des
versuchten Mordes sei von verschiedenen Gerichten bezogen auf die
Budapest-Angriffe bereits zurückgewiesen worden – dennoch erhebe ihn die
Bundesanwaltschaft erneut. Dies sei taktisch motiviert, es gehe um eine
„Machtdemonstration“, sind die Anwält*innen überzeugt. Auf rechter Seite
sei bei zahlreichen schweren Taten nicht derart hochgehängt ermittelt
worden.
Gleich zu Beginn berät das Gericht indes, ob der Prozess überhaupt
öffentlich verhandelt werden kann – weil vier der Angeklagten zur Tatzeit
Heranwachsende waren. Verteidigung und Bundesanwaltschaft haben dagegen
keine Einwände. Auch das Gericht stimmt letztlich zu. Richter Bachler aber
betont, man nehme es sehr ernst, dass die USA inzwischen die [5][„Antifa
Ost“, der auch die Angeklagten zugerechnet werden], als terroristische
Vereinigung eingestuft hätten und dies unwägbare Folgen für diese haben
könnte.
In einer Woche wird der Prozess fortgesetzt. Und dieser wird dauern:
Angesetzt sind bereits jetzt Termine bis 2027.
13 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Fahndung-gegen-Linksaussen/!5985352
(DIR) [2] /Urteil-im-Budapest-Komplex/!6116073
(DIR) [3] /Prozess-gegen-Maja-T-verzoegert-sich/!6118718
(DIR) [4] /Antifa-Prozess-in-Duesseldorf/!6140128
(DIR) [5] /Aktivistinnen-zu-US-Terrorvorwurf/!6136525
## AUTOREN
(DIR) Konrad Litschko
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Antifa
(DIR) Antifa Ost
(DIR) Linksextremismus
(DIR) Justiz
(DIR) Budapest
(DIR) Rechtsextremismus
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Schwerpunkt Antifa
(DIR) Antifa Ost
(DIR) Maja T.
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Antifa-Prozess in Düsseldorf: Militantes Bekenntnis
Am Dienstag beginnt der nächste Großprozess gegen sechs
Antifaschist*innen. Eine Erklärung der Angeklagten liegt der taz exklusiv
vor.
(DIR) Aktivistinnen zu US-Terrorvorwurf: „Die Antifa Ost gibt es gar nicht“
Die USA haben die Antifa-Ost als Terrorgruppe eingestuft. In Deutschland
gehe die Entwicklung in die gleiche Richtung, klagen zwei
Unterstützerinnen.
(DIR) Prozess gegen Maja T. verzögert sich: Mehr Druck auf das System Orbán
Maja T. werden Angriffe auf Neonazis in Budapest vorgeworfen, das Urteil
verzögert sich. Abgeordnete fordern eine Staatenbeschwerde gegen Ungarn.