# taz.de -- Proteste in Iran: Iran geht hart gegen die Kurden vor
       
       > Während das iranische Regime in Teheran eher auf Verhaftungen setzt, wird
       > in den kurdischen Provinzen scharf geschossen. Weiter demonstriert wird
       > trotzdem.
       
 (IMG) Bild: Diyarbakir, Türkei, 25. November 2025: Protest von kurdischen Frauen am Tag der Elimination von Gewalt gegen Frauen
       
       Die seit dem [1][28. Dezember andauernden Proteste] in Iran machen die
       tiefe Krise des Regimes auf allen Ebenen sichtbar: wirtschaftlicher
       Zusammenbruch, soziale Verelendung, ökologische Zerstörung, politische und
       kulturelle Repression sowie internationale Isolation.
       
       In den ersten zehn Tagen wurden laut der iranischen NGO Human Rights
       Activists News Agency (HRANA) mindestens 36 Menschen getötet und über 2.000
       Personen festgenommen. Auslöser der Proteste war ein erneuter massiver
       Wertverlust der iranischen Währung, der zunächst [2][Ladenbesitzer in
       Teheran] auf die Straße trieb. Von dort weiteten sie sich bisher auf 27 der
       31 Provinzen des Landes aus.
       
       In Teheran reagierten die Sicherheitskräfte mit Tränengas,
       Massenverhaftungen und gezielter Gewalt. Doch während in der Hauptstadt vor
       allem auf Inhaftierungen gesetzt wurde, zeigte sich in den kurdischen
       Gebieten im Westen des Landes eine härtere Strategie.
       
       Als sich die Unruhen ausbreiteten, änderten die iranischen Behörden ihre
       Rhetorik, um zwischen „Demonstranten“ und „Randalierern“ zu unterscheiden.
       Während sie Händler und Ladenbesitzer als legitime Demonstranten mit
       wirtschaftlichen Beschwerden darstellten, bezeichneten sie andere
       Protestierende als von ausländischen Mächten ausgebildete „Agenten“.
       Beobachter sehen in dieser Framing-Strategie einen Versuch, die Proteste zu
       spalten und ein hartes Vorgehen gegen explizit [3][regimekritische
       Demonstranten] zu legitimieren.
       
       ## Kurdische Gebiete im Fokus
       
       Nach Khameneis Rede intensivierten die Sicherheitskräfte ihr Vorgehen
       insbesondere in den kurdisch geprägten Provinzen Ilam und Kermanshah. Sie
       operieren dort nicht mit Gummigeschossen, sondern schießen scharf. In
       Region Malekshahi, die zur Provinz Ilam gehört, eröffneten
       Sicherheitskräfte am Samstag das Feuer auf friedliche Demonstranten und
       töteten dabei mindestens vier Menschen. Aufgrund des Mangels an geeigneten
       medizinischen Einrichtungen in Malekshahi wurden die meisten Verletzten in
       das Imam-Khomeini-Krankenhaus in der Provinzhauptstadt Ilam gebracht.
       
       Anstatt die medizinische Versorgung zu erleichtern, umzingelten
       Sicherheitskräfte das Krankenhaus und schüchterten die vor dem Krankenhaus
       versammelten Zivilisten mit Tränengas und scharfer Munition ein. Zeugen
       berichteten von wiederholten Versuchen der Sicherheitskräfte, das
       Krankenhaus zu betreten, um verletzte Demonstranten zu entführen und die
       Leichen der Getöteten zu entfernen.
       
       Mehr als 24 Stunden lang blieb das Krankenhaus belagert. Iranische
       Exilmedien berichteten mit Verweis auf übereinstimmende lokale Quellen,
       dass die Rababeh-Kamali-Schule gegenüber des Krankenhauses am Dienstag und
       Mittwoch geschlossen wurde und als Stützpunkt für die Koordination der
       Sicherheitskräfte diente.
       
       ## Kurden als Gegener der islamischen Republik
       
       Die besondere Brutalität in den kurdischen Gebieten lässt sich aus der
       Geschichte erklären. So boykottierten die Kurden 1979 das Referendum zur
       Gründung der Islamischen Republik weitgehend. Die anschließende
       militärische Niederschlagung kurdischer Autonomiebestrebungen prägt bis
       heute das kollektive Gedächtnis dieser Region.
       
       Seither ist klar: Jede größere Protestbewegung im Iran entsteht in diesen
       Regionen früh und ist besonders stark. Die hohen Todeszahlen bei
       Demonstrationen sowie die vielen Kurden unter den Hingerichteten sind kein
       Zufall, sondern Teil einer bewussten Abschreckungsstrategie.
       
       Kurdische Parteien und Organisationen haben nun auf die Eskalation
       reagiert. Sie riefen in einer gemeinsamen offiziellen Erklärung zur
       Solidarität auf und warnten zugleich vor Spaltung, Opportunismus und
       politischer Instrumentalisierung der Bewegung. Die aktuellen Proteste
       bezeichneten sie als kollektive Ablehnung der Politik der Islamischen
       Republik und verwiesen dabei auf jahrzehntelange Marginalisierung,
       Unterdrückung und Diskriminierung.
       
       Unter Bezugnahme auf den Aufstand „Frau, Leben, Freiheit“ von 2022, der
       durch die Ermordung von Jina Amini ausgelöst wurde, argumentierten die
       Unterzeichner, dass die aktuellen Proteste eine Fortsetzung dessen
       darstellen und riefen zu einem Generalstreik am 8. Januar in der gesamten
       kurdischen Region auf.
       
       ## Kein Rückhalt für Pahlavi
       
       Während international oft der Eindruck entsteht, die Proteste zielten auf
       eine Rückkehr der Monarchie mit Reza Pahlavi, dem Sohn des ehemaligen
       Schahs, zeigt sich in den kurdischen Regionen ein anderes Bild. Viele
       Kurden haben sowohl unter der Monarchie als auch unter der Islamischen
       Republik gelitten. Für sie geht nicht nur um einen Machtwechsel, sondern um
       Selbstbestimmung und Sicherheit. Ein föderales demokratisches System wird
       immer wieder von kurdischer Seite gefordert, das Misstrauen gegenüber
       zentralistischen Modellen ist groß.
       
       Der Iran steht an einem Wendepunkt. Ein möglicher Zusammenbruch des Systems
       bedeutet nicht zwangsläufig Demokratie und Freiheit für alle Ethnien. Unter
       Kurden ist dieses Bewusstsein stark ausgeprägt. Wenn sich die Proteste
       weiter intensivieren, zahlen sie mitunter einen hohen Preis. Dennoch gingen
       auch am Dienstag in Ilam und Kermanshah wieder tausende Menschen auf die
       Straßen.
       
       7 Jan 2026
       
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