# taz.de -- Streit um Erinnerung in Salzwedel: Wo die Familie Hirsch Mode verkaufte
       
       > Das Haus, das in Salzwedel an prominenter Ecke steht, wird vielleicht
       > doch nicht abgerissen. Seine jüdischen Bewohner wurden von den Nazis
       > ermordet.
       
 (IMG) Bild: Erinnerungen in Stein: Salzwedel streitet um den Abriss des Hauses in der Burgstraße 59
       
       Unter den Fachwerkhäusern, die im Herzen des Städtchen Salzwedel in der
       Altmark stehen, fällt eines besonders auf. Es steht an der Stelle, an der
       sich die Straße verengt, gegenüber einem Café, in dem es [1][den berühmten
       Salzwedeler Baumkuchen] gibt, und verbreitet mit seinem Laubengang
       italienisches Flair. Das Gebäude hat zwei Etagen mit jeweils acht Fenstern,
       im zweiten Stock ist eine Glasscheibe durch eine Holzverschalung ersetzt
       worden.
       
       Nicht nur die Säulen des Laubengangs, sondern auch die bunten Zeichnungen,
       die die Wand vor der Eingangstür schmücken, erinnern eher an südliche
       Gefilde als an einen Ort in Sachsen-Anhalt. Sie zeigen Sehenswürdigkeiten
       der Stadt wie ein Tor der Burg und die Lorenzkirche.
       
       Auch ein Denkmal für die Toten der Weltkriege ist aufgemalt. Doch wo „die
       gefallenen Söhne“ betrauert werden, verdeckt ein weißes Quadrat die
       Buchstaben. Vielleicht eine militarismuskritische Intervention? An den
       Hauswänden finden sich weitere politische Losungen: „Fuck Nazis and the
       State“ heißt es da in einem etwas holprigen Englisch, aber mit klar
       antifaschistischer und herrschaftskritischer Botschaft.
       
       Rätselhaft bleibt eine Parole auf einem der Fenster im zweiten Stock des
       Hauses. „No Love for Anarchy“ steht da. Ob es dabei um einen mit Farbe
       ausgetragenen Streit unter Linken handelt?
       
       Sehr eindeutig sind hingegen die ausgedruckten Botschaften auf den Zetteln,
       die im Laubengang des Hauses hängen. „Clara Weil, David Hirsch, Hanna
       Hirsch, Rachel Hirsch, Wir vergessen Euch nicht“, ist dort zu lesen. Es
       sind die Namen der vier ehemaligen jüdischen Bewohner*innen des Hauses.
       
       An sie erinnern auch vier Stolpersteine vor dem Haus, in dem die Familie
       Hirsch über viele Jahre einen „Mode- und Putzladen“ betrieb. In ihrem
       Sortiment führten sie neben Bekleidung auch Hüte und Wäsche.
       
       David Hirsch wurde 1906 geboren und starb im Warschauer Ghetto. Seine Frau
       Hanna Hirsch, Jahrgang 1911, wurde in Auschwitz ermordet, die 1939 geborene
       Tochter Rachel Hirsch in Theresienstadt. Die 1883 geborene Clara Weil starb
       bei der Deportation.
       
       ## Auf Kosten der Bewohner
       
       Auf einem weiteren Zettel im Laubengang wird daran erinnert, dass das Haus
       in der Burgstraße 59 in der Reichspogromnacht angegriffen wurde. An diesen
       Tag waren Synagogen, Geschäfte und Wohnhäuser von jüdischen Menschen
       Angriffsziele eines von den Nazis gesteuerten Mobs. „Am 9. November 1938
       zerstörte die SA die Schaufenster des Hauses“, steht auf dem Zettel. Danach
       ordnete die Baupolizei an, dass die Fenster auf Kosten der
       Bewohner*innen zu ersetzen seien. In seinem verwüsteten Zustand würde
       das Haus das Stadtbild „verschandeln“.
       
       Umso beklemmender, dass das seit mehreren Jahren leerstehende Wohnhaus nun
       erneut wie ein Schandfleck behandelt wurde. Der Altmarkkreis Salzwedel
       hatte 130.000 Euro für den Abriss des Hauses bereitgestellt, das als
       sanierungsbedürftig gilt. Anfang November sollten die Bagger rollen.
       
       Der Hinterhof der Burgstraße 59 ist bereits eine Steinwüste, wie beim Blick
       über einen Bauzaun in der Nebenstraße schnell zu erkennen ist. Für den
       Abriss der Burgstraße 59 waren schon alle Vorbereitungen getroffen. Sogar
       die Schilder, die die Baustelle ausweisen sollten, waren bereits
       aufgestellt.
       
       Doch nicht alle in Salzwedel sind mit dem Abriss einverstanden. Teilnehmer
       des örtlichen Stolperstein-Spaziergangs vom 9. November besetzten am
       folgenden Morgen die Baustelle und forderten, das Gebäude als Gedenk- und
       Erinnerungsort für jüdisches Leben in Salzwedel zu erhalten.
       
       Zunächst rückte die Polizei an und erteilte Platzverweise, gegen 17
       Personen wurde Anzeige wegen des Anfangsverdachts des Hausfriedensbruchs
       gestellt. Doch die Aktion hat die Debatte über die Zukunft des Gebäudes neu
       eröffnet. Für dessen Erhalt setzt sich nun die [2][Genossenschaft
       Transformatives Wohnen] (TraWo) ein. Vor vier Jahren gegründet, will sie
       marode Gebäude in Salzwedel vor dem Abriss bewahren und bezahlbaren
       Wohnraum schaffen.
       
       ## Genossenschaft im Gespräch
       
       Eine ehemalige Buchhandlung in der Stadt hat sie bereits übernommen. Jetzt
       ist die TraWo mit der Jewish Claims Conference in Frankfurt im Gespräch,
       die neben den Erb*innen der ermordeten Voreigentümer*innen einen
       Anteil an dem Haus hält. Die Genossenschaft könnte versuchen, diesen Anteil
       zu übernehmen. Sie hat angeboten, das Haus treuhänderisch zu verwalten, bis
       eine Lösung gefunden ist.
       
       Die Stadt Salzwedel hat inzwischen reagiert und ein Abrissmoratorium bis
       Ende Februar 2026 ausgesprochen. Bis dahin soll ein Konzept erarbeitet
       werden, wie das Gebäude saniert und erhalten werden kann.
       
       27 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.salzwedel.de/de/stadt/stadtgeschichte/baumkuchen.html
 (DIR) [2] https://trawo-eg.de/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Peter Nowak
       
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