# taz.de -- Alter Schulstreit in neuer Ausstellung: Der Krieg der Kleckse beginnt in Hannover
       
       > Pelikan oder Geha – das war mal eine wichtige Frage. Eine Ausstellung
       > erinnert an den Beitrag dieser beiden hannoverschen Unternehmen zum
       > Schreibenlernen.
       
 (IMG) Bild: Schulbildende Spuren der Füller aus Hannover
       
       Woran denken Sie, wenn Sie das Wort Füller hören? Ich denke an die
       Tintenflecken, an von der noch ungewohnten Schreibhaltung verkrampfte
       Zeige- und Mittelfinger und an die Handkante, mit der man das Geschriebene
       verschmierte. An den Geruch von Tintenkiller, mit dem man versuchte, das
       wieder wegzukriegen. Und an die kleinen durchsichtigen Kügelchen.
       
       Wer die kennt, gehörte zur Pelikanfraktion. Die Kügelchen verschlossen bei
       Pelikan die Tintenpatronen, man konnte sie am Ende aus der leeren Patrone
       quetschen. Und sammeln, weil sie hübsch waren. Damit spielen, wenn der
       Unterricht langweilig war. Oder sie als Munition benutzen in abgesägten und
       entleerten Filzstiften, die als Spuckröhrchen fungierten.
       
       Die Kugeln waren das entscheidende Argument für Pelikanfüller. Die
       bedauernswerten Menschen, die mit Geha schrieben, hatten die nämlich nicht.
       Es kann wohl niemand mehr nachvollziehen, wie dieser Markenkrieg – Pelikan
       gegen Geha – Einzug in die Klassenzimmer fand. Aber wer in den 60er, 70er
       oder 80er Jahren zur Schule gegangen ist, kennt den.
       
       Im Nachhinein wirkt es wie eines dieser psychologischen Experimente, bei
       denen man Kindern verschiedenfarbige Leibchen anzieht, die Blauen gegen die
       Grünen antreten lässt und schauen kann, wie sich in Rekordzeit so ein
       Ingroup- und Outgroup-Verständnis formt, in dem man sich eine Million
       Gründe erfindet, warum die eigene Gruppe in jedem Fall schöner, schlauer
       und besser ist und die andere irgendwie komisch und doof.
       
       Das Lustige ist, dass sich hinter diesem Krieg der Kleckse auch noch ein
       irrwitziges Stückchen Kultur- und Industrie- und Stadtgeschichte verbirgt,
       das zu weiten Teilen in Hannover spielt.
       
       Die Firmensitze und Werksgelände von Pelikan und Geha lagen zeitweise nur
       wenige Straßenzüge voneinander entfernt. Noch heute zeugen das
       Pelikanviertel und das Gehacarré davon, wie wichtig sie in der Stadt einmal
       waren.
       
       ## Ein klassisches Gründerzeitkind
       
       Pelikan ist allerdings älter. Ein klassisches Gründerzeitkind, das ein
       atemberaubendes Wachstum hinlegte, vom Tinten- und
       Künstlerfarben-Produzenten zum Büroartikelhersteller. Mit dieser Art von
       großbürgerlich-patriachalem Verständnis, das längst ausgestorben ist: Man
       sammelte Kunst und baute Werkswohnungen, band die mühsam ausgebildeten
       Facharbeiter mit üppigen Sozialleistungen an sich, manche blieben über
       Generationen hinweg „Pelikaner“.
       
       Ein kleines bisschen kann man sich davon heute noch anschauen. Aus dem
       Werksgelände ist mittlerweile ein schickes Quartier mit Hotels,
       Restaurants, Wohnungen und Büros geworden. Es gibt Führungen, die eine
       Ahnung davon vermitteln, was hier früher mal spielte.
       
       Und es gibt den „Tintenturm“. Hier unterhält Pelikan einen Showroom mit
       Werksverkauf und nebenan im alten Festsaal gibt es wechselnde Ausstellungen
       mit Exponaten aus dem Firmenarchiv.
       
       In dem Saal tagte der Pelikan-Vorstand, versammelten sich die
       Außendienstmitarbeiter, aber auch der „Arbeitskreis Schreiberziehung“. Dem
       widmet sich die aktuelle Ausstellung „[1][Gänsefeder, Pelikano, Tastatur]“
       (noch bis Juni), die in Zusammenarbeit mit dem Historischen Museum Hannover
       entstand.
       
       Pelikan lieferte früh nicht nur Farben und Tinte, sondern auch pädagogische
       Materialien. Das intensivierte sich mit dem Schulschreibfederhalter
       Pelikano, der in den 60er Jahren auf den Markt kam – und schon deshalb in
       den Schulen als Sensation galt, weil er eben mit Patronen funktionierte und
       damit das Umwerfen der Tintenfässchen entfiel.
       
       In der Ausstellung lässt sich hübsch nachvollziehen, wie sehr das
       Schreibenlernen schon immer ein Feld war, auf dem Kulturkämpfe ausgefochten
       wurden – nicht erst seit den immer wieder aufbrandenden Diskussionen darum,
       [2][wozu man eigentlich noch Schreibschrift braucht]. Einerseits ein
       gewaltiger Fortschritt: Mit der allgemeinen Schulpflicht wurde auch der
       breiten Bevölkerung eine Kulturtechnik zugänglich, die ursprünglich wenigen
       vorbehalten war. Gleichzeitig – davon zeugen die hier ausgestellten
       Schreiblernhefte – war der Drill zum Schönschreiben eben auch ein
       Disziplinierungsinstrument, mehr Unterwerfung als Aufklärung.
       
       ## Einladung zum Nostalgietrip
       
       Wer mag, kann sich in dieser Ausstellung aber auch einfach auf einen
       Nostalgietrip begeben, ausprobieren, wie schwierig es ist, mit einem
       Gänsekiel zu schreiben, sich über alte Werbespots amüsieren oder die teuren
       Liebhaber- und Sammlerstücke bestaunen, die Pelikan immer noch produziert.
       
       Die Firma selbst ist längst der Globalisierung zum Opfer gefallen und
       existiert eigentlich nur noch als Marke in einem schwer durchschaubaren
       internationalen Firmenkonglomerat. Schon 1996 übernahm ein malaysisches
       Unternehmen die Aktienmehrheit der Pelikan AG. Vorher – 1990 – hatte man
       allerdings den jahrzehntelangen Mitbewerber Geha aufgekauft. Womit
       zumindest dieser Markenkrieg ein für alle Mal entschieden war.
       
       19 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.hannover.de/Veranstaltungskalender/Ausstellungen/Historisches-Museum-Hannover/G%C3%A4nsefeder,-Pelikano,-Tastatur
 (DIR) [2] /Umstrittene-Grundschulreform/!5326693
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Nadine Conti
       
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