# taz.de -- Gedenken in der Ukraine: Blumen für Opa
       
       > Seit 2009 werden in der Ukraine Stolpersteine für Holocaustopfer verlegt.
       > Dezentrale Erinnerung ist auch für Gedenken in Putins Angriffskrieg
       > wichtig.
       
 (IMG) Bild: In Kyjiw leuchtet neuerdings die Erinnerung an Jakiw Wynokur, der 1941 in Babyn Jar ermordet wurde
       
       In diesem Winter sind viele Kyjiwer Fußwege fest vereist. Doch an manchen
       Stellen lugen quadratische Löcher durch den Schnee: ein metallisches
       Schimmern auf zehn mal zehn Zentimetern. Wie auf der Wosdwyshenska-Straße
       im Bezirk Podil. Auf der Messingplatte steht: „Hier lebte Jakiw Wynokur,
       geb. 1913, verhaftet Sept. 1941, getötet Sept. 1941, Babyn Jar“.
       
       Ein sogenannter [1][Stolperstein] in Gedenken an Opfer des
       Nationalsozialismus während des Zweiten Weltkriegs, wie es schon
       Zehntausende in Deutschland und anderen europäischen Ländern gibt.
       
       Jakiw Wynokur war am 29. September 1941 noch keine 30 Jahre alt, als er dem
       Aufruf der deutschen Besatzer folgte, wonach sich alle jüdischen Menschen
       der Stadt an einer bestimmten Kreuzung im Westen der Stadt einzufinden
       hatten. Von dort wurden sie in die [2][Schluchten von Babyn Jar] geführt
       und erschossen. Häftlinge des nahen Konzentrationslagers Syrez mussten in
       improvisierten Öfen die Leichen verbrennen.
       
       Mehr als 33.000 überwiegend jüdische Menschen ermordeten die
       Nationalsozialisten hier im September 1941 an nur zwei Tagen. Das Massaker
       von Babyn Jar ist einer der größten nationalsozialistischen Massenmorde auf
       dem Gebiet der damaligen Sowjetunion.
       
       Jakiw Wynokurs Frau und ihre zwei Töchter − die jüngste im Juni 1941
       geboren, acht Tage nach dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion −
       schickte unterwegs ein deutscher Soldat zurück. Warum genau, ist nicht
       überliefert. Er selbst, seine Eltern und Schwester wurden in Babyn Jar
       ermordet.
       
       „Wir hatten nie einen richtigen Ort zum Trauern oder um Blumen abzulegen“,
       sagt heute Wynokurs Enkelin Iryna Chortowa. „Es gab keinen Gedenkstein, zu
       Sowjetzeiten wurde jüdische Geschichte verschwiegen. Damals gab es auch
       keine zivilgesellschaftlichen Aktionen wie die Ehrenwiese für gefallene
       Soldaten jetzt auf dem Maidan.“
       
       Als ihr Opa dann einen Gedenkstein an der damaligen Familienadresse
       bekommen sollte, stellte sie fest, dass das Haus nicht mehr da und die
       Adresse um einige Meter verschoben war. „Früher waren da kleinere Häuser,
       ich wurde noch im Hinterhaus geboren“, erinnert sich Chortowa.
       
       Doch nun kam der Wynokur-Stolperstein zwischen historisch angehauchte
       Neubauten, immerhin auf eine belebte Straße zwischen Cafés, wo ihn mehr
       Leute entdecken können. „Der Stein zeigt: Hier lebten ein Mensch und seine
       Familie, an deren Geschichte so lange nichts erinnerte. Und wir als
       Nachfahren können hier nun Blumen ablegen.“
       
       ## Zehn Steine für 33.000 Tote
       
       Chortowa lebt immer noch in Kyjiw. Die 50-Jährige mit den langen, schwarzen
       Haaren arbeitet an Jugendkunstschulen und hatte 2021 für den Stolperstein
       die Biografie ihres Opas zusammengetragen. Auf das Gedenkprojekt
       angesprochen, betont sie sogleich, wie sie damals alle noch lebenden
       Angehörigen in den USA und Israel mobilisierte, um Dokumente über ihren
       Großvater zusammenzutragen.
       
       Mit der im Familienarchiv grob rekonstruierten Biografie „bewarb“ sich die
       Familie für einen der ersten Stolpersteine in Kyjiw. „Wir haben uns so
       gefreut, dass wir ausgewählt worden!“ Damals, zum 80. Jahrestags des
       NS-Massakers in Babyn Jar, war es Ziel des Projekts, unterstützt vom
       Ukrainian Center for Holocaust Studies, der Deutschen Botschaft und der
       Stadt Kyjiw, mit 80 Stolpersteinen wenigstens einigen der Babyn-Jar-Opfer
       kleine Denkmale zu setzen.
       
       Vor Kyjiw haben bereits ab 2009 drei westlichere Städte der Ukraine erste
       Stolpersteine verlegt: neun in Perejaslaw, fünf weitere in Riwne und
       Tscherniwzi verlegte 2021 zum 80. Jahrestag des Beginns des Holocaust gar
       eine ganze „Stolperschwelle“ in Gedenken an die Juden, die 1942 aus dem
       Stadion „Makkabi“ deportiert worden waren.
       
       Im Herbst 2021 bekam Kyjiw die ersten zehn Stolpersteine für Opfer des
       Massakers in Babyn Jar. Nur wenige Monate später startete Russland seinen
       Angriffskrieg. Das Projekt pausierte zunächst, Priorität hatten
       Verteidigung und Mobilisierung. Bis im Herbst 2025 wieder vier neue
       Stolpersteine gesetzt wurden. Und damit bekommt die historische
       Gedenkinitiative gleich mehrere aktuelle Dimensionen.
       
       Anna Sidelnikowa ist im Kyjiwer Stolpersteinprojekt zuständig für die
       Öffentlichkeitsarbeit. Sie freut sich, dass trotz Schnee und Eis viele
       Stolpersteine geputzt sind: „Wir beziehen immer auch die Anwohner ein,
       damit sie sich dann verantwortlich fühlen für die kleinen Denkmale vor der
       Haustür.“
       
       ## Umkämpftes Gedenken
       
       Sidelnikowa sieht im Projekt einen wichtigen Beitrag zu aktuellen
       Erinnerungsdebatten in der ukrainischen Gesellschaft. Denn viel wird
       gestritten um angemessene Gedenkformen und -orte: Da den kommunalen
       Friedhöfen immer mehr der Platz ausgeht für die sogenannten Heldenalleen,
       feierliche Grabreihen für gefallene ukrainische Soldat:innen, wurde im Ende
       August 2025 im Südwesten Kyjiws eine neue Militärgedenkstätte eröffnet. Die
       ist umstritten wegen ihrer Lage außerhalb der Stadt, aber auch aus
       ökologischer Sicht.
       
       In Charkiw, der zweitgrößten Stadt des Landes, gibt es neben dem Friedhof
       auch im Zentrum digitale Erinnerungstafeln an die Gefallenen, in anderen
       Städten wie Saporischschja oder Riwne werden Fotowände mit Kurzbiografien
       aufgestellt. Manchmal gibt es Erinnerungsplaketten an Wohnhauswänden. Am
       berühmtesten ist wohl das Gedenkflaggenmeer auf dem Kyjiwer Maidan.
       
       Die Suche nach richtigen und angemessenen Gedenkformaten ist schmerzhaft,
       geht es doch um gerade noch lebendige Verwandte, Kolleginnen oder Freunde.
       Und solange der Krieg andauert, wird ihre Zahl steigen. Diskussionen darum
       sind deshalb besonders in sozialen Netzwerken oft sehr emotional.
       
       ## Echte Menschen, statt nur Zahlen
       
       „Aktuell ist das Erinnern bei uns sehr konzentriert auf Soldaten“, sagt
       Anna Sidelnikowa. Sie versteht das, sind doch ihr Mann und ihre älteste
       Tochter in der Armee. „Klar, die Soldaten sind es, die unser Leben hier,
       wie wir es kennen – in Demokratie, Sicherheit und Freiheit –
       zusammenhalten. Aber irgendwann wird sich auch die Frage nach dem Erinnern
       an Zivilisten stellen.“
       
       Laut dem UN-Menschenrechtsmonitoring war 2025 das für ukrainische
       Zivilist:innen „tödlichste Jahr“ seit Russlands Überfall: Mit mehr als
       2.500 sind demnach im vergangenen Jahr 30 Prozent mehr Nichtmilitärs in der
       Ukraine – vor allem durch Russlands immer weiter zunehmenden Luftangriffe
       mit Drohnen und Raketen – getötet worden als 2024 und 70 Prozent mehr als
       2023. Bei der Suche nach Erinnerungspraktiken für diese Menschen könnten
       die Stolpersteine inspirieren.
       
       Persönlich wichtig ist das Stolpersteinprojekt für Sidelnikowa noch aus
       einem anderen Grund: „Ich komme aus der Oblast Donezk, bin 2014
       weggegangen, als Russland seinen Krieg dort begann. Und ich will, dass man
       sich irgendwann an alle Namen derjenigen erinnert, die seitdem getötet
       wurden.“ Das Stolpersteinprojekt hat sich zudem zur Aufgabe gemacht, alle
       Namen der Babyn-Jar-Opfer zu rekonstruieren.
       
       ## Ukrainische Jugendliche lernen online
       
       Das Konkrete, die Namen, die persönlichen Biografien sind es auch, meint
       Sidelnikowa, was Jugendliche in die Stolpersteinrecherchegruppen zieht:
       „Der Geschichtsunterricht in Schulen ist noch sehr abstrakt: Da gibt es vor
       allem Zahlen. Solche Projekte, in denen es um das Schicksal realer Menschen
       in der eigenen Umgebung geht, sind für viele interessanter.“
       
       Und weil Schule in der Ukraine seit Jahren – erst wegen der Covidpandemie,
       dann wegen Russlands Kriegs – mehr online als in Präsenz stattfindet, seien
       solche nicht digitalen Projekte nonformaler Bildung gefragt. Besonders zu
       Themen, die die für Jugendliche typische Suche nach Identität fördern.
       
       Die ukrainischen Jugendlichen seien sehr aktiv dabei, sich selbst und die
       Rolle der Ukraine in der Welt zu erkunden, beschreibt Sidelnikowa:
       Besonders seit 2022 sind ukrainische Bücher, Musik, Traditionen, Gedichte
       schreiben und die Beschäftigung mit Geschichte populär.
       
       Im Verteidigungskrieg gegen Russland, das die Ukraine seit Jahrhunderten
       unterdrückt, beantworten viele die Sinnfrage mit und über die ukrainische
       Kultur. So besuchen viele Erwachsene etwa nicht nur Ukrainischkurse, wenn
       sie selbst russischsprachig aufgewachsen sind, sondern solche zu
       ukrainischer Geschichte. „Unsere Generation hatte all das nicht in der
       Schule, wir können da noch viel Neues lernen“, so Sidelnikowa.
       
       Engagiert bei der Setzung der neuesten Stolpersteine ist auch der
       17-jährige Ilija Larin: „Mir ist die Geschichte meiner Gesellschaft
       wichtig: Indem ich mich engagiere, werde ich Teil davon und das fühlt sich
       gut an.“ Er habe sich schon als Kind für Geschichte interessiert, mochte
       Legenden und Mythen und wollte wissen, woher die kommen. „Ich habe das
       Gefühl, dass sich viele Leute gerade jetzt mehr für Geschichte
       interessieren, weil sie selbst Teil von ihr geworden sind“, betont er.
       „Jede Diskussion über Geschichte bringt neues Wissen. Je mehr wir wissen,
       desto realer wird sie. Und so bestimmt sie unsere Haltung zum Leben.“
       
       Und einen Schritt weiter geht Kateryna Osyptschuk, eine junge Anthropologin
       mit internationalem Master in Geschichtswissenschaften, die sich besonders
       für Public History engagiert und bereits 2021 Teil eines
       Stolpersteinrechercheteams war. „Die Beschäftigung mit Geschichte,
       besonders im öffentlichen Raum“, sagt sie, „gibt uns eine Chance, mit
       historischen Beispielen über die Gegenwart zu sprechen.“
       
       Osyptschuk sieht staatliche Erinnerungsinstitute kritisch, engagiert sich
       lieber für zivilgesellschaftliche Geschichtsarbeit. Besonders beeindruckt
       haben sie die Angehörigen der gewürdigten Person. „Die stundenlangen
       Interviews als unsere Erstquellen haben uns den Menschen hinter den
       Biografien nahegebracht. Die ‚Stolpersteine‘ bringen dann konkrete Menschen
       zusammen und die Personen symbolisch in die Stadt zurück, aus der sie mit
       Gewalt weggeholt wurden und wo sie – wenn sie überlebten, sich verstecken
       oder fliehen konnten – oft nicht mehr in ihre Wohnungen zurückkonnten, weil
       die belegt waren.“
       
       In manchen Biografien fanden sich hilfsbereite Nachbarn oder Bekannte, die
       verfolgte Juden versteckt hatten. In anderen wiederum waren es gerade
       Nachbarn, die sie an die mörderischen Besatzer verrieten. So wie es heute
       in den von Russland besetzten ukrainischen Gebieten passiert. Stereotype
       gegenüber jenen, die dort geblieben sind, beschäftigen den ukrainischen
       Diskurs ebenso wie die Suche nach einer klaren Definition von Kollaboration
       die ukrainische Justiz.
       
       Der Blick in die Geschichte könne auch da helfen: „All diese Geschichten
       sind nicht abstrakt, sondern ganz konkret: Und wir sehen daran, dass es um
       Wahl, Entscheidungen und Handlungen geht“, sagt Kateryna Osyptschuk. „Damit
       kann die Geschichte heute Rückhalt für Widerstand sein. Und uns mehr
       vereinen, anstatt zu polarisieren.“
       
       ## Judenhass auf dem Maidan
       
       Wie so viele will Osyptschuk weg vom anonymen sowjetischen Monumentalismus
       – wie dem übergroßen Babyn-Jar-Denkmal in Kyjiw aus dem Jahr 1976. Hin zu
       dezentraleren, persönlicheren Gedenkformen: „Das bildet lebendige
       Erinnerungsgemeinschaften“, meint sie. Und diese realen Kontakte könnten
       auch nicht politisiert werden. Wie die Stolpersteine Angehörige der
       Babyn-Jar-Opfer mit heutigen Kyjiwer:innen zusammenbringe, organisiere
       ihr Freundeskreis regelmäßig vegane Abendessen in Gedenken an einen veganen
       Freund, der jüngst als ukrainischer Soldat im Kampf gegen Russland gefallen
       ist.
       
       Mehr Einigkeit statt Spaltung wünscht sich auch Jakiw Wynokurs Enkelin
       Iryna Chortowa, und mehr Sensibilität für Judenfeindlichkeit. Viele
       ukrainische Städte stellen heute rund um das Lichtfest große
       Chanukka-Leuchter auf Straßen und Plätzen auf, so auch auf dem Kyjiwer
       Maidan. „Beschädigt wurden sie nicht, aber es gab antijüdische Treffen
       dort“, sagt Chortowa kritisch.
       
       ## Nicht unmenschlich werden
       
       Mehrmals hätten sich im Dezember ein paar Dutzend Menschen dort versammelt,
       mutmaßlich rechtsradikale Gruppen. Sonst finde Antisemitismus besonders in
       sozialen Netzwerken statt, auch die Stolpersteine erhielten immer wieder
       Hetzkommentare. Viele Leute wüssten einfach zu wenig über die jüdische
       Kultur und den Holocaust, meint die Lehrerin. Das Thema komme zu spät und
       zu abstrakt im Schulunterricht vor.
       
       Außerdem zeigt die Beschäftigung mit den Verbrechen der deutschen Besatzer
       im ukrainischen Kontext nicht nur die mörderischen Ausmaße des
       nationalsozialistischen Antisemitismus, sondern auch die Unterdrückung
       jüdischer Kultur und Geschichte in der Sowjetunion: „Damals galt es als
       peinlich, jüdisch zu sein. Juden drohten Beschränkungen bei der
       Parteimitgliedschaft oder im Hochschulstudium“, erinnert sich Iryna
       Chortowa.
       
       „Meine Mutter hatte darum unter Nationalität im Pass nicht mehr jüdisch,
       sondern ukrainisch eintragen lassen. All diese Geschichten sollten uns
       darüber nachdenken lassen, wer wie zum Aggressor wird. Was können wir tun,
       um nicht selbst unmenschlich zu werden? Wir, die wir jetzt Opfer des
       Krieges sind, dürfen nicht selbst zum Angreifer werden.“
       
       27 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://de.wikipedia.org/wiki/Stolpersteine
 (DIR) [2] https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Babyn_Jar
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Peggy Lohse
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Schwerpunkt Krieg in der Ukraine
 (DIR) Holocaust-Gedenktag
 (DIR) Stolpersteine
 (DIR) Erinnerungskultur
 (DIR) Babyn Jar
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) Schwerpunkt Stadtland
 (DIR) Gedenkpolitik
 (DIR) Holocaust
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Streit um Erinnerung in Salzwedel: Wo die Familie Hirsch Mode verkaufte
       
       Das Haus, das in Salzwedel an prominenter Ecke steht, wird vielleicht doch
       nicht abgerissen. Seine jüdischen Bewohner wurden von den Nazis
       ermordet.
       
 (DIR) Verteidigung der Erinnerungskultur: Aufarbeitung von unten
       
       Zwischen herausgerissenen Stolpersteinen einerseits und
       Vereinnahmungstendenzen andererseits: Warum es ein Weiter-so in der
       Erinnerungskultur braucht.
       
 (DIR) Stolperstein-Rundgang in Charlottenburg: Spazieren hilft gegen Vergessen
       
       Stolperstein-Spaziergänge erinnern an die Novemberpogrome. Ein Zentrum
       jüdischen Lebens in Berlin war und ist Charlottenburg.