# taz.de -- Highspeed-Bahnnetz in der EU: Morgens in Mannheim, abends in Lissabon
> Die EU-Kommission will Hunderte Milliarden in den Aufbau eines
> Highspeed-Bahnnetzes durch Europa investieren. Wird das genauso schön,
> wie es klingt?
(IMG) Bild: In der Bahn lässt es sich gut träumen
Am Morgen ein Rendezvous auf den Champs-Élysées, abends im Wiener Nachtcafé
– mit diesem gesungenen Terminplan setzte [1][die Band Kraftwerk] vor einem
halben Jahrhundert dem „Trans-Europ-Express“ ein musikalisches Denkmal,
einem luxuriösen Schnellzug quer durch Europa.
Geht es nach dem EU-Verkehrskommissar Apostolos Tzitzikostas, sollen
europäische Highspeedzüge schon bald ganz andere Tagesdistanzen
zurücklegen: Wer an einem Morgen im Jahr 2040 etwa in Mannheim in die Bahn
steigt, soll bereits zum Sonnenuntergang über die Tejomündung nach Lissabon
rollen.
Im November legte Tzitzikostas seinen [2][ehrgeizigen Plan für ein
europäisches Highspeednetz] vor. Bis 2040 sollen die EU-Staaten
durchgängige Korridore von Tallinn bis Lissabon und vom Polarkreis bis nach
Palermo ausbauen. Bis 2050 sollen sie das Netz weiter verdichten, insgesamt
will Brüssel eine Verdreifachung der Strecken.
Der Fokus liegt auf Süd- und Osteuropa, in denen teils noch kein einziger
Hochgeschwindigkeitszug fährt. Zwischen wichtigen Knotenpunkten sollen Züge
dann mit 250 km/h verkehren, so schnell können in Deutschland die wenigsten
Züge fahren.
Mehr Tempo beim Ausbau soll Reisende vom Fliegen abhalten und für die
deutlich energieeffizientere Schiene gewinnen. Denn beim Klimaschutz geht
es [3][im Verkehrssektor eher rückwärts], während Europas Energiewirtschaft
ihre Emissionen deutlich gesenkt hat.
Sollten im Energie- und Industriebereich die Klimaziele eingehalten werden,
könnte der Verkehr [4][bald fast die Hälfte aller europäischen Emissionen
verantworten,] [5][prognostizieren Expert*innen.] Die große Mehrheit der
Flüge im europäischen Luftverkehr entfällt auf Strecken, die
Hochgeschwindigkeitszüge übernehmen könnten. Das entspräche rund vierzig
Prozent der Emissionen aller Flüge aus Europa, [6][hat eine Studie
berechnet].
Einen Eindruck der Größenordnung vermittelt auch der Verein Back on Track,
der schätzt, dass ein ausgebautes Nachtzugnetz bis zu zwölf Prozent der
Verkehrsemissionen einsparen könnte. Voraussetzung dafür seien vor allem
wettbewerbsfähige Preise, verlässliche Fahrzeiten und private
Schlafabteile.
## Mitgliedstaaten zahlen den Löwenanteil
Für den Ausbau des Bahnnetzes bis 2040 rechnet die Kommission mit 345
Milliarden Euro, der vollständige Ausbau soll 550 Milliarden Euro kosten.
Im kommenden Jahr will sich der Verkehrskommissar mit Vertreter:innen
der Mitgliedstaaten, der Europäischen Investitionsbank und aus der
Industrie auf eine Finanzierung einigen.
Klar ist bisher nur: Die EU soll sich über Garantien und einen Fonds für
transeuropäische Verkehrsvorhaben beteiligen. Dieser Topf könnte mit dem
kommenden Langzeit-Haushalt der EU deutlich anwachsen: [7][auf 51,5
Milliarden Euro]. Derzeit werden daraus etwa Projekte wie der
Brenner-Basistunnel oder die Rail Baltica von Warschau bis ins estnische
Tallinn mitfinanziert.
Unterstützung soll von der [8][Europäischen Investitionsbank] kommen. Sie
kann Garantien vergeben, um private Investoren anzulocken. Dabei gehe es
nicht um eine Privatisierung des Schienennetzes, stellt der Brüsseler
Verkehrspolitiker Kai Tegethoff (Volt) klar. Vorbild sei der spanische
Netzbetreiber Adif, der einzelne Projekte über grüne Anleihen
mitfinanziert.
Einen Großteil des Geldes allerdings wird Verkehrskommissar Tzitzikostas
bei den Mitgliedsstaaten einsammeln müssen. Für die könnten sich die
Investitionen durchaus bezahlt machen, meint die Ökonomin Laura Porak, die
an der Universität Linz zu volkswirtschaftlichen Potenzialen eines
transnationalen Zugverkehrs forscht – vor allem für Länder mit einer
wettbewerbsfähigen Zugindustrie wie Deutschland und Österreich.
Dennoch hat Porak Zweifel, dass das nötige Geld zusammenkommt. Denn viele
Regierungen stünden derzeit unter Spardruck, weil die EU-Fiskalregeln ihnen
verbieten, neue Schulden aufzunehmen.
## Kritik kommt von Mobilitäts-NGOs
Dass Tzitzikostas auch private Geldgeber mit ins Boot holen will, hält die
Ökonomin Porak für kurzsichtig: „Wenn Brüssel Anlegern eine marktübliche
Rendite garantiert, wird man dieses Geld auch irgendwo auftreiben müssen,
wahrscheinlich bei den Fahrpreisen.“ Als Verkehrsmittel für Wohlhabende sei
die Bahn auch ökologisch kaum von Nutzen.
Kritik an Brüssels Bahnplänen kommt auch von Transport and Evironment, dem
Dachverband europäischer Mobilitäts-NGOs. Die EU gebe ihre Mittel zu großen
Teilen für symbolträchtige Megaprojekte wie [9][Stuttgart 21] oder den
Brenner-Basistunnel aus, [10][rechneten Mitarbeitende des Verbandes vor].
Besser angelegt sei das Geld dagegen in der Vereinheitlichung und
insbesondere der Elektrifizierung des gesamten Schienennetzes. Auf den
vorgesehenen Korridoren im Westbalkan etwa können elektrisch betriebene
Züge oft nicht durchgängig fahren, die Lückenschlüsse bei der
Elektrifizierung gehen zudem kaum voran.
## Das Bahnnetz gleicht einem Flickenteppich
Dass Zugreisen quer durch Europa oft langsam und umständlich sind, liegt
nicht nur an fehlenden Strecken. Europas Bahnnetz gleicht einem
Flickenteppich an Spurbreiten, Stromspannungen und
Verkehrsmanagement-systemen. Das sicherte die einzelnen Staaten einmal
militärisch gegeneinander ab, heute macht es Zugfahrten durch Europa
teurer, langsamer und mitunter unmöglich.
Seit den 1990er Jahren versucht die Europäische Union, das zerklüftete
System zu vereinheitlichen. Mit gemischter Bilanz: Eine bestimmte
Spurbreite, die Normalspur, hat sich seither [11][im europäischen Kernnetz
weitgehend durchgesetzt.] Der digitale Verkehrsmanagementstandard dagegen,
der Zug und Schiene auch über nationale Grenzen hinweg reibungslos
miteinander verzahnen soll, breitet sich nur sehr langsam und zudem in
einer Fülle technischer Ausformungen aus, was die Kosten zusätzlich in die
Höhe treibt.
Verkehrskommissar Tzitzikostas will nun die Harmonisierung voranbringen und
der Europäischen Eisenbahnagentur mehr Befugnisse geben. Sie soll unter
anderem einheitlich regeln, welche Züge künftig fahren dürfen. Laut dem
Europaparlamentarier Kai Tegethoff wird Tzitzikostas aber auch um das Geld
für die Eisenbahnagentur kämpfen müssen – und auch dann könnte sie nur
einen Rahmen setzen.
Denn über die flächendeckende Einführung der Standards wird in den
einzelnen Ländern entschieden. Bei der Deutschen Bahn jedenfalls [12][hat
Digitalisierung aktuell keine Priorität, zunächst will man die marode
Schieneninfrastruktur sanieren].
## Die Rechte von Fahrgästen sollen gestärkt werden
Mehr Handhabe hat Brüssel bei Buchung und Fahrgastrechten. Wer mit dem Zug
durch mehrere Länder fährt, muss sich derzeit noch Tickets bei mehreren
Bahngesellschaften beschaffen – und bangen, dass alle Züge pünktlich sind.
Denn den Ersatzzug nach einem verpassten Anschluss müssen Fahrgäste oft
selbst zahlen: Das Geld ist weg, egal, wer für die Verspätung
verantwortlich ist. Im Frühjahr will die Kommission daher ein Gesetz
vorlegen, das die Rechte von Fahrgästen stärken und Klarheit schaffen soll,
wer in solchen Fällen haftet.
Das Ziel: Ein Ticket, das für eine Verbindung über Grenzen hinweg gilt –
und das Bahnunternehmen auf einer übergreifenden Plattform anbieten können.
Diesem Wunsch aus Brüssel will die Deutsche Bahn im kommenden Jahr ein
Stück weit nachkommen und zumindest alle großen Bahnbetreiber der
Nachbarländer in den DB Navigator holen.
Ob die Deutsche Bahn freiwillig auch kleinere und wenig bekannte Anbieter
aufnimmt, ist aber fraglich. Tzitzikostas will einen verbindlichen Rahmen
für Tickets setzen, an denen mehrere Betreiber beteiligt sind. Zumindest
ein paar Sorgen weniger hätte dann, wer eine Zugfahrt von Mannheim nach
Lissabon wagen will.
20 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Neue-Buecher-ueber-Kraftwerk/!5989868
(DIR) [2] https://transport.ec.europa.eu/news-events/news/commission-launches-plan-accelerate-high-speed-rail-across-europe-2025-11-05_en
(DIR) [3] /Abgeschwaechte-EU-Vorgaben/!6138917
(DIR) [4] https://www.transportenvironment.org/te-deutschland/articles/europas-verkehrssektor-wird-2030-fast-die-halfte-der-emissionen-ausmachen
(DIR) [5] https://www.transportenvironment.org/uploads/files/TE_SoT_2024_report_2024-04-29-155117_davx.pdf
(DIR) [6] https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0966692322001806
(DIR) [7] https://www.cer.be/cer-press-releases/european-commission-confirms-continued-support-for-rail-in-proposed-2028-2034-eu-budget-framework
(DIR) [8] /Europaeische-Ruestungsziele/!6060080
(DIR) [9] /Bahnhofsprojekt-Stuttgart-21/!6131131
(DIR) [10] https://www.dnr.de/aktuelles-termine/aktuelles/neuer-eu-haushalt-fuer-saubere-transporttechnologien-made-europe
(DIR) [11] https://eur-lex.europa.eu/legal-content/EN/TXT/HTML/?uri=CELEX%3A52020DC0433
(DIR) [12] https://netzpolitik.org/2025/deutsche-bahn-digitalisierung-aufs-abstellgleis/
## AUTOREN
(DIR) Lino Wimmer
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