# taz.de -- Sanierung der Bahnstrecke Hamburg-Berlin: Die Generalverzögerung
       
       > Ende April sollte die Strecke zwischen Hamburg und Berlin saniert sein.
       > Jetzt gab die Bahn bekannt, dass sich das verzögert: „auf unbestimmte
       > Zeit“.
       
 (IMG) Bild: Generalsanierung heißt letztlich: komplett neu machen. Bauarbeiten an der Bahnstrecke Hamburg–Berlin bei Wittenberge
       
       Julian Fassing hat zwei Fotos zur Begründung, warum die Bahn mal wieder
       nicht pünktlich ist. Auf dem einen lugen die Enden dicker schwarzer Kabel
       noch ein wenig hervor, auf dem anderen liegen die Stränge entlang eines
       Gleises unter einer dicken Schneeschicht und sollten eigentlich längst
       montiert sein, um die Signalanlagen entlang der Strecke in Betrieb zu
       nehmen.
       
       „Das Material lässt nicht zu, es bei diesem Schnee und bei dieser Kälte zu
       verbauen“, sagt der Projektleiter der Generalsanierung der Bahnstrecke
       Hamburg–Berlin. Und das, an diesem Montagabend Mitte Februar, seit sechs
       Wochen schon: Weder könnten die Arbeiter:innen den teils bis zu 70
       Zentimeter gefrorenen Boden aufbuddeln noch die elektrischen Signalanlagen
       anschließen. So verkündet die Deutsche Bahn an diesem 16. Februar, dass
       sich die eigentlich auf Ende April geplante Fertigstellung deshalb
       verschiebt. Die Rede ist zunächst von einer Verzögerung auf „unbestimmte
       Zeit“.
       
       Nun redet also auch die Bahn vom Wetter, worauf sie doch einer bekannten
       Werbekampagne aus dem vergangenen Jahrtausend zufolge gar nicht angewiesen
       sei, um den Betrieb aufrechtzuerhalten. Und das inmitten einer ziemlich
       kritischen Phase für die Zukunft des Bahnverkehrs in ganz Deutschland: Für
       neun Monate sollte die stark belastete Strecke zwischen den beiden größten
       Metropolen des Landes gesperrt sein, um sie einmal im Ganzen aus dem
       maroden Zustand zu holen.
       
       Zuletzt hatte die Bahn den Streckenzustand nur noch mit der Schulnote 3,7
       bewertet – zu schlecht, um störungsfrei allein mehr als 30.000 Fernreisende
       täglich zu transportieren. Nun dauert die Sanierung länger als die
       veranschlagten neun Monate. [1][Am 13. März soll der neue Zeitplan
       vorgestellt werden.]
       
       ## „Mammutprojekt der gesamten DB“
       
       Es ist ein Paradigmenwechsel: Jahrzehntelang wurschtelte die Deutsche Bahn
       auf ihrem insgesamt 34.000 Kilometer langen Netz mal hier, mal da ein
       bisschen im laufenden Verkehrsbetrieb. Das Konzept Generalsanierung mit der
       Bündelung von Baumaßnahmen während einer Totalsperrung soll zumindest das
       4.000 Kilometer lange Hochleistungsnetz – vielbefahrene Abschnitte, die im
       Netz neuralgische Punkte bilden – bis Mitte der 2030er Jahre wieder auf
       Vordermann bringen. „Die Generalsanierung ist das Mammutprojekt der
       gesamten DB“, sagte die heutige Bahnchefin Evelyn Palla, als der Konzern
       das Konzept vor drei Jahren anstieß.
       
       Die Sanierung zwischen Hamburg und Berlin ist nicht die Erste ihrer Art,
       aber an ihr wird sich wohl entscheiden, ob das Konzept funktioniert – und
       fortgesetzt wird. Schon ohne die angekündigte Verzögerung waren Zweifel und
       Kritik an langen Sperrungen groß: Dass sie ganze Städte, ganze Regionen vom
       Bahnverkehr abkoppele, dass sie gar nicht so viel bringe wie versprochen,
       dass die Arbeiten doch auch mit Kurzzeitsperrungen und also im laufenden
       Betrieb zu bewerkstelligen wären.
       
       Und nach der Ankündigung, dass die Bauarbeiten nicht pünktlich zu Ende
       gebracht werden, schnellte der Puls bei ziemlich vielen ziemlich in die
       Höhe: „Ein Staatskonzern zerstört das Vertrauen in den Staat“, kommentierte
       die Zeit nach der Bekanntgabe der Bauverzögerung. Und die Regierungschefs
       von Schleswig-Holstein, Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und
       Berlin verfassten einen Brandbrief an Bahnchefin Palla: „Unverzüglich“
       müsse sie darlegen, wann die Arbeiten tatsächlich fertig werden; sämtliche
       Mehrkosten durch die Verzögerung solle die Bahn übernehmen. Und: Nächstes
       Mal solle bitte besser und früher kommuniziert werden.
       
       ## Das Konzept steht auf dem Prüfstand
       
       „Jetzt beginnt die Aufholjagd“, verkündeten zwar die
       Projektverantwortlichen um Fassing – das Wetter ist schließlich wieder
       deutlich besser. Doch mehr als ein paar wenige Wochen Verzögerung kann sich
       die Bahn letztlich nicht leisten: Schon jetzt verschiebt sich wegen der
       Verzögerung zwischen Berlin und Hamburg die angesetzte und als
       „Qualitätsoffensive“ bezeichnete Sanierung zwischen Hannover und Hamburg.
       Viel mehr als der Zeitplan von Reparaturen aber steht wohl das ganze
       Konzept Generalsanierung auf dem Prüfstand, schließlich ist die Einführung
       des Konzepts für insgesamt rund 40 Strecken eine politische Entscheidung
       noch unter dem früheren Verkehrsminister Volker Wissing (damals FDP)
       gewesen – die also auch wieder zurückgenommen werden kann.
       
       Eine langanhaltende Verzögerung zwischen Hamburg und Berlin über das
       anvisierte Dreivierteljahr hinaus ist da kein gutes Argument, um
       Generalsanierungen zu verteidigen. Zumal Verzögerung auch bedeutet:
       Verteuerung. Mit 2,2 Milliarden Euro rechnet die Bahn bislang für die
       Strecke zwischen Hamburg und Berlin; insgesamt wird es wohl [2][ein
       dreistelliger Milliardenbeitrag zum Abschluss aller Generalsanierungen
       sein.]
       
       Auch hat die Deutsche Bahn mit der Ende 2024 abgeschlossenen ersten
       Generalsanierung der Riedbahn zwischen Mannheim und Frankfurt noch keinen
       vollends überzeugenden Beweis angetreten, dass sie Generalsanierung kann:
       Zwar wurde hier die anvisierte fünfmonatige Bauphase eingehalten, doch die
       Kosten stiegen deutlich. Und: „Wir haben seit der Wiederinbetriebnahme der
       Strecke im Schnitt über 60 Prozent weniger Störungen als vorher“,
       resümierte Ende 2025 der Chef des für die Infrastruktur zuständigen
       Bahnunternehmens DB InfraGo, Philipp Nagl. Ziel waren allerdings 80
       Prozent, was im Fazit ein Stück weit für Ernüchterung sorgte.
       
       Hinzu kommt: Die Riedbahn wurde auf einer Länge von rund 70 Kilometern
       saniert – Hamburg und Berlin liegen 280 Kilometer auseinander. „Die große
       Herausforderung ist vor allem die Masse“, beschrieb Julian Fassing Ende
       Dezember der Welt dann auch den zentralen Unterschied zur Riedbahn.
       
       ## Viele Kilometer sind zu wuppen
       
       Der 46-Jährige muss es wissen: Er war dort schon Projektleiter. Da in den
       kommenden Jahren dreistellige Kilometerlängen selbstverständlich gewuppt
       werden sollen, muss Hamburg–Berlin also den Nachweis erbringen, dass die
       Bahn das auch kann.
       
       Man habe schon viel Wissen von der Generalsanierung der Riedbahn nutzen
       können bei den [3][Arbeiten zwischen Hamburg und Berlin], erklärte Fassing.
       Und auch von dort soll wieder ganz viel Wissen genutzt werden, um künftige
       Generalsanierungen gelingen zu lassen.
       
       Eine Erkenntnis hat die Bahn schon umgesetzt – und das Erwartungsmanagement
       heruntergeschraubt: Seit Anfang Februar geht es mit den Strecken
       Hagen–Wuppertal–Köln und von Nürnberg bis Regensburg weiter. Auch hier sind
       die Strecken komplett gesperrt, ähnlich umfassend sollen sie saniert
       werden.
       
       Von einer Generalsanierung ist nicht mehr ausnahmslos die Rede. Häufiger
       dagegen vom bodenständigeren Begriff „Korridorsanierung“.
       
       28 Feb 2026
       
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