# taz.de -- Einkaufszentrum in Ottensen: Shoppen am Gedenkort
> Das Mercado-Einkaufszentrum in Hamburg-Ottensen steht auf einem jüdischen
> Friedhof. Als Erinnerung daran gibt es nur eine unauffällige Gedenkwand.
(IMG) Bild: Oben Shopping, unten alte jüdischen Gräber: Mercado-Einkaufszentrum in Hamburg
Wer reinkommt, fühlt sich gleich geborgen: Wohlig warm ist es hier, nicht
zu voll, und das Gewimmel hält sich in Grenzen im Mercado-Einkaufszentrum
in Hamburg-Ottensen. Recht heimelig ist der kleine Markt aus Gewürz- und
Gemüseständen samt Imbissstationen in der Mitte, Supermarkt, Schuh- und
Teeläden drumherum. Im Obergeschoss liegt eine Filiale der städtischen
Bücherhallen, Kultur muss schließlich auch sein. Zum Schluss noch schnell
zur Drogerie ins Untergeschoss gesaust: Mal sehen, was die heute haben.
Und wie man danach auf der Bank sitzt, umringt von diversen
Einkaufstaschen, bemerkt man endlich diese Gedenktafeln am Treppenabgang.
Es ist der unauffälligst mögliche, den Einkaufsflow am wenigsten störende
Ort des Gebäudes. Nur wer innehält, erfährt etwas über die Geschichte des
Orts: Hier hängen Tafeln mit Namen jener 4.500 Menschen, die auf dem
darunterliegenden einstigen jüdischen Friedhof bestattet sind.
## Friedhof zur NS-Zeit geschlossen
Die Sterbedaten reichen von den 1660er Jahren bis 1934, als das NS-Regime
den Friedhof schloss. 1939, im Jahr des deutschen Angriffskriegs auf Polen,
der den Zweiten Weltkrieg auslöste, wurde das Areal für den Bau eines
Hochbunkers beschlagnahmt und großteils zerstört. Nur wenige Gräber konnten
gerettet und auf den Ohlsdorfer Friedhof umgebettet werden.
Nach Krieg und Holocaust muss dann große Hoffnungslosigkeit geherrscht
haben. Denn die sich mühsam aus Schoah-Überlebenden reorganisierende
jüdische Gemeinde stellte den Friedhof nicht wieder her. Vielmehr verkaufte
sie das Areal mithilfe der Jewish Trust Corporation an den Hertie-Konzern,
der dort 1953 ein Kaufhaus eröffnete.
1988 veräußerte Hertie das Gelände dann an jenen Investor, der das
Einkaufszentrum Mercado plante, samt einer Tiefgarage. Der Bezirk Altona
genehmigte, 1991 begann die Ausschachtung.
Und dann sickerte die Nachricht von der Überbauung des Friedhofs durch,
drang bis nach Israel und in die USA. 30 Protestler der [1][Athra
Kadischa], einer internationalen Gemeinschaft strenggläubiger Juden „zur
Erhaltung heiliger jüdischer Stätten“, reisten an. Sie besetzten die
Baustelle und forderten die Rückgabe des Friedhofs, der – wie im Judentum
üblich – „auf Ewigkeit“ angelegt war und nach religiösem Recht nie hätte
verkauft werden dürfen.
## Störung der Totenruhe durch Garagenbau
Baurechtlich war das Prozedere zwar einwandfrei. Allerdings bedeutete der
Tiefgaragenbau eine Störung der Totenruhe, und das ist ein Straftatbestand.
Der Protest zog Kreise, und ein halbes Jahr später besetzten weitere 100
bis 150 orthodoxe Juden unter anderem aus England und Israel das Areal. Als
dann gar Bilder von Polizisten um die Welt gingen, die betende Juden
abführten, erhöhten auch Politiker aus Israel und den USA den Druck. Der
Bau wurde einstweilen gestoppt.
Der Mercado-Investor, der das Areal für gut 14 Millionen D-Mark erworben
hatte, bot der jüdischen Gemeinde derweil den Rückkauf für 30 Millionen
D-Mark an, vermutlich wissend, dass die Gemeinde das Geld nicht aufbringen
konnte. Eine lebhafte innerjüdische Debatte begann. Der Landesrabbiner
plädierte für eine rituelle Exhumierung. Andere befanden, dies sei nur
zugunsten des Gemeinwohls wie des städtischen Wohnungsbaus zulässig. Bei
Mercado gehe es aber um kommerzielle Interessen, und denen dürfe ein
Friedhof niemals dienen. Dass das einst schon beim Verkauf an Hertie
passiert war, machte die Sache nicht besser.
## Keine Tiefgarage als Kompromiss
Schließlich bat man den orthodoxen Oberrabbiner von Jerusalem um einen
Kompromissvorschlag. Sein Schiedsspruch lautete: Es darf über dem Friedhof
gebaut werden, aber nicht in ihm, also ohne Tiefgarage. Die verbliebenen
400 bis 500 Grabstellen werden mit Beton überwölbt und auf ewig geschützt.
Wie später bekannt wurde, hat die Stadt dem Investor rund 16 Millionen
D-Mark gezahlt – als Ausgleich für die entfallene Tiefgarage und sonstige
Unbill.
Jetzt liegen die Toten also unter dem 1995 eröffneten Einkaufszentrum, das
ein Jahr später besagte Gedenkwand bekam. „Tritt nicht näher, denn die
Stelle auf der Du stehst, ist heiliger Boden“, steht da neben den Namen.
Man liest es und erstarrt: Wo genau liegen die Gräber? Hat man sie
versehentlich schon die ganze Zeit mit Füßen getreten?
Man fühlt sich unwohl und spürt, das Problem reicht tiefer: Denn diese so
ästhetisch und glatt in die Architektur integrierten Texttafeln – als
Ensemble durchaus würdig – bewirken wohl nur bei wenigen Passanten eine
tiefere Reflexion. Denn diese Gedenkwand ist kein echter optischer
Stolperstein. Das hätte sie aber, den Toten zu Ehren, durchaus sein dürfen.
7 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://en.wikipedia.org/wiki/Asra_Kadisha
## AUTOREN
(DIR) Petra Schellen
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
(DIR) wochentaz
(DIR) Hamburg
(DIR) Einkaufszentrum
(DIR) Jüdisches Leben
(DIR) Friedhof
(DIR) Gedenkort
(DIR) Gedenkstätte
(DIR) NS-Gedenken
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Sechseckbau der Uni Kiel: Vorhang zu
Der Sechseckbau direkt neben der Mensa war in Kiel Dreh- und Angelpunkt
studentischen Lebens. Derzeit steht er leer.
(DIR) Das Russische Haus: Putins Außenposten mitten in Berlin
Trotz des Krieges in der Ukraine geht der Betrieb im Russischen Haus in
Berlin-Mitte weiter. Von Deutschland gibt es sogar Geld dafür.
(DIR) Denkmal für einen Kolonialverbrecher: Ein mächtiger Stein des Anstoßes
In Hannover erinnert ein Denkmal an den Kolonialverbrecher Carl Peters. Die
leichteste Lösung, es einfach wegzuschaffen, scheitert am Denkmalschutz.