# taz.de -- Sechseckbau der Uni Kiel: Vorhang zu
> Der Sechseckbau direkt neben der Mensa war in Kiel Dreh- und Angelpunkt
> studentischen Lebens. Derzeit steht er leer.
(IMG) Bild: Kultur und Partys waren mal
Ein Ort zum Verlieben ist der „Sechseckbau“ an der
Christian-Albrechts-Universität zu Kiel schon längst nicht mehr. Der
einstige Dreh- und Angelpunkt des Campuslebens, Ort unzähliger
Theateraufführungen und ausgelassener Partys, an dem sich viele Paare näher
gekommen sein sollen, ist geschlossen. Über seiner schlichten
Brutalismusfassade kreischen an diesem Morgen gut genährte Möwen in der
Sonne.
Jahrelang herrscht hier schon Stillstand. Im vergangenen Sommer musste auch
der letzte verbliebene Nutzer, das Campusradio, das Gebäude verlassen. An
der Tür hängt ein schlichtes gelbes Schild: „Betreten der Baustelle
verboten“. Weil die Brandschutzvorgaben nicht mehr erfüllt werden konnten,
zog der Theaterbereich bereits 2019 aus. Wann und ob saniert wird, ist noch
unklar.
Architektonisch handelt es sich bei dem grauen Klotz mit den wabenförmig
angeordneten Außenwänden um einen Ausreißer. Sein Schöpfer, Friedrich
Wilhelm Kraemer, war als Mitbegründer der einflussreichen „Braunschweiger
Schule“ hauptsächlich dafür bekannt, den Büro- und Verwaltungsbauten des
Wirtschaftswunders seinen Stempel aufzudrücken.
Hier in Kiel hat er allerdings 1963 sein Talent genutzt, um mitten auf dem
Campus einen einzigartigen Freiraum für Kunst und Kultur entstehen zu
lassen, in dem Generationen von Studierenden kreativ sein konnten. Den
Sichtbeton der Außenhaut verzierte er mit vielen kleinen Aluminiumtellern,
die, auf Stiften angebracht, dem Bau einen gewissen Glitzereffekt geben.
Zu denjenigen, die den Sechseckbau von früher kennen, gehört Hiske Harm.
Als Studentin hat sie dort selbst geschriebene Theaterstücke aufgeführt.
„Für Studierende sind ‚dritte Orte‘ wie dieser extrem wichtig“, sagt sie,
im Foyer des Gebäudes stehend. „Wenn solche Orte verloren gehen, führt das
zu noch mehr Vereinzelung.“
## Offener Brief ans Ministerium
Harm ist Mitglied der Initiative „[1][Kultur im Sechseckbau]“, die sich für
eine Wiedereröffnung des Gebäudes einsetzt. In einem offenen Brief an das
schleswig-holsteinische Bildungsministerium in Kiel fordert die Initiative,
die geplante Renovierung der Mensa zu nutzen, um auch die Mängel im
Sechseckbau zu beheben. Das Problem dabei: Eine fällige Renovierung würde
vier Millionen Euro kosten.
Lino Steenbuck, ein anderes Mitglied der Initiative, sagt, dass sich der
Theaterbetrieb der Universität verändert hat, seit er vom Sechseckbau in
einen Nebensaal der Mensa verlegt wurde: „Weil wir den Raum dort teilen
müssen, steht uns heute viel weniger Zeit zur Verfügung.“ Die Proben seien
dadurch deutlich stressiger geworden. Vor allem die neuen Mitglieder des
Ensembles würden darunter leiden: „In der Hektik bleibt kaum Zeit, um etwas
in Ruhe zu erklären“, erzählt er, ehe es die Treppenstufen zur Bühne
hinaufgeht und die Wände aus dickem Stahlbeton langsam alle Reize aus der
Außenwelt verschlucken.
Licht gibt es in diesem Teil des Gebäudes nicht mehr, stattdessen zücken
die beiden mitgebrachte Taschenlampen. Auf den Bühnenbrettern angekommen,
lässt Harm ihre Erinnerungen lebendig werden. Begeistert deutet sie auf den
Boden zu ihren Füßen: „Hier haben wir mal ein Loch reingesägt“, erzählt sie
mit einem Grinsen, „das war für die Aufführung der ‚Knochenbraut.‘“ Das
Stück hatte 2017 Premiere.
Die Funktion einer schräg von der Decke hinabragenden Kabine auf der
anderen Seite des Saals ist auch schnell erklärt: „Darin haben die
Bühnentechniker gesessen und Licht gemacht.“ Das scheint im Nebenraum
wieder von der Decke – und fällt dort prompt auch auf einen Zeitungsbericht
über die erwähnte Aufführung. Über dem Tisch, an dem einmal die
Darsteller*innen für ihren Gang ins Rampenlicht gestylt wurden, hängt
er, liebevoll per Hand mit Datum versehen, an der Wand und verrät, wer die
Hauptrolle gespielt hat.
Wenn Harm erzählt, lassen sich zwischen halb fertigen Kulissenbauten und
Kostümfundus die hektischen Premierentage von damals erahnen. Fast hat man
das Gefühl, man wäre selbst dabei gewesen.
## Mit abgewetztem Polster
Nach einem kurzen Abstecher ins ehemalige Tonstudio des Campusradios, wo
neben einer zersessenen Couch mit abgewetztem Polster noch drei Mikrofone
zum Einsprechen von Hörspielen warten, geht es zurück ins Erdgeschoss. Der
Zauber der vergangenen Ereignisse verschwindet langsam zwischen halb
demontierten Holztresen und aus den Wänden herausklaffenden Kabelkanälen.
Beim Hinausgehen bricht das Licht des Tages und der Lärm der Möwen wieder
über uns herein. Harm, die heute als Berufsschullehrerin arbeitet, wirkt
fast ein bisschen wehmütig. Den Ort so nackt und leer zu sehen, fühlt sich
falsch an.
22 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://sechseckbau.de/
## AUTOREN
(DIR) Lennart Sämann
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Stadtland
(DIR) Schwerpunkt Ostdeutschland
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Nachfolge auf dem Hofgut in Lübeck: Ungewisse Zukunft für ein Lebenswerk
Der Krumbecker Hof ist ein idyllisches Demeter-Landgut der Stadt Lübeck.
Nun soll der langjährige Pächter gehen. Mit 68 sei er zu alt, so die Stadt.
(DIR) Der Rennelberg in Braunschweig: Ein Ort mit üblen Erinnerungen
In Braunschweig steht eine ehemalige Justizvollzugsanstalt zum Verkauf. Wo
in der Nazizeit Oppositionelle gefoltert wurden, soll nun Wohnraum
entstehen.
(DIR) Der Turm von Jena: Ein sozialistischer Fingerzeig
Der Jentower war mal das höchste Haus von ganz Deutschland. Gebaut wurde
er, um Jenas Altstadt klein und doof wirken zu lassen.