# taz.de -- Mathematikgebäude der TU Berlin: Universitäres Probewohnen
       
       > Wohnungskrise? Der Platz ist schon da, er muss nur bewohnbar gemacht
       > werden. In der TU Berlin zeigen Studierende modellhaft, wie es gehen
       > kann.
       
 (IMG) Bild: In der TU Berlin wird studentisches Wohnen geprobt
       
       Das Mathematikgebäude der Technischen Universität Berlin ist fast leer, als
       die Abendsonne noch die obersten Etagen des imposanten Bauwerks bescheint.
       Die langen Gänge führen zu defekten Aufzügen und verschlossenen Türen. Nur
       im 7. Stock lässt sich eine Tür öffnen, an der ein Zettel mit der
       Aufschrift „Ausstellung“ hängt.
       
       Aus den dahinterliegenden Zimmern erklingt geselliges Treiben.
       Geschirrklirren ist zu hören. Eine Gruppe von Studierenden sitzt hier und
       isst an einem langen Holztisch gemeinsam Nudeln. Sie zeigen damit: Mit kaum
       mehr als ein paar Trennwänden und Vorhängen lassen sich derzeit
       [1][unbenutzte Trakte des Mathegebäudes] – das Haus erlitt 2023 einen
       schwerwiegenden Wasserschaden – zu gemeinschaftlichen Wohnräumen
       umfunktionieren.
       
       Drei Zimmer, die während des Semesters Seminarräume sind, nutzt das Team
       als Ausstellungsfläche für ihre selbstorganisierte Initiative „[2][Campus
       as Commons]“. Das Projekt will kollektive Wohnformen entwickeln, mit denen
       sich „leerstehende Flächen im ungenutzten Mathematikgebäude in temporären
       Wohnraum verwandeln lassen“, erzählt Püren Bahçivan. Die Studentin und
       Co-Leiterin der Initiative führt die Besucher:innen an diesem Abend mit
       Jonathan Hoff und Jesco Lippke durch die Ausstellungsräume. Gemeinsam
       hatten die drei Komilliton:innen vergangenen Herbst ein Studienprojekt
       im Rahmen eines „Urban Design“-Masters gestartet. Inzwischen hat sich das
       Projekt zur selbstverwalteten studentischen Initiative entwickelt, das von
       einem 11-köpfigen Team der Fachrichtungen Architektur, Stadtplanung und
       Urban Design an der TU Berlin getragen wird.
       
       ## Prototypen für das ganze Haus
       
       Eingezogene Holzwände bilden Wohnparzellen, in deren Nischen sich durch
       Vorhänge abtrennbare Betten befinden. Schreibtische stehen vor den
       deckenhohen Glasfenstern mit Blick über die Stadt. Die Installation gibt
       eine klare Vorstellung davon, wie hier gemeinschaftlich gelebt werden
       könnte. Die verwendeten Wohnmodule stellen 1:1-Protoypen eines
       Nutzungsmodells dar, das sich auf alle leerstehenden Räume des Gebäudes
       erweitern ließe: bis zu 350 Student:innen könnten dabei eine Unterkunft
       finden. Ein Reaktion auch auf [3][die extrem angespannte Wohnungslage in
       Berlin].
       
       Nachhaltigkeit war das Prinzip bei dem Modellbau. Die verwendeten
       Materialien wurden wiederverwertet, erläutert Püren Bahçivan. Einige bunt
       bemalte Holzwände hatten zuvor ein Leben als Theaterkulissen. „Alles ist
       auf einen einfachen Auf- und Abbau hin entworfen“, betont sie. Temporäre
       Einrichtungen seien zwar einfacher und schneller zu planen, doch neben den
       Provisorien entwickelte die Gruppe auch permanente Lösungsvorschläge für
       die Gebäudenutzung.
       
       Ob die aber realistisch sind? „Ja und nein“, heißt es. Wohnraum wäre leicht
       zu bereitstellen – wenn hier gewohnt werden dürfte. Das Areal, auf dem sich
       das Mathematikgebäude befindet, ist im städtischen Zonenplan aber als
       Gemeinbedarfsfläche eingetragen, die keine wohnliche Nutzung vorsieht. Die
       Regulierungen für eine Umzonung seien kompliziert, das Nadelöhr stelle die
       Bauverwaltung dar, erklärt Jesco Lippke. Aber das Team sieht
       unterschiedliche Möglichkeiten, mindestens längerfristige Provisorien
       bewilligen zu lassen. Dafür sind die Studierenden im Austausch mit dem
       TU-Präsidium und planen, mit dem Konzept auch direkt auf den Berliner Senat
       zuzugehen.
       
       Mit ihrer Initiative verbindet die Gruppe Forderungen. Bemängelt wird, dass
       weder die Universitäten noch der Senat [4][die prekäre Wohnsituationen für
       Studierende] anerkennen. Für sie ist klar: „Die Berliner Universitäten
       müssen mehr Verantwortung für die Wohnraumversorgung ihrer Studierenden
       übernehmen.“ Auch der Senat müsse dringend beginnen, eine andere
       Wohnpolitik zu fördern, mit größerer Berücksichtigung von sozialen
       Kriterien, sagen die angehenden Stadtplaner:innen.
       
       ## Viel Bürofläche steht leer
       
       2 Millionen Quadratmeter Bürofläche stehen nach Angaben der Gruppe allein
       in Berlin leer, ein „enormes Potenzial“: Rund 50.000 Studierende könnten
       hier rein rechnerisch untergebracht werden. Mit der Umnutzung leerstehender
       Gebäude ließe sich auch viel ressourcenschonender Wohnraum schaffen als mit
       teurem Neubau.
       
       Im April droht den Projekträumen ein Ende, da das Institut sie zum Start
       des neuen Semesters womöglich wieder zum Unterricht verwendet. Die
       Installation ließe sich aber auch weiternutzen und als Forschungshub für
       Campus-Transformation in das universitäre Angebot integrieren, sagt
       Jonathan Hoff.
       
       Mittlerweile ist es vor den Glasfronten des TU-Gebäudes dunkel geworden.
       Übernachten ist den Studierenden hier zwar gegenwärtig nicht erlaubt, aber
       aufhalten können sie sich rund um die Uhr, erklärt Püren Bahçivan. Und fügt
       schmunzelnd an: Nur einmal, als der Sicherheitsdienst die Student:innen
       in Pyjamas fand, mussten die das Gebäude verlassen.
       
       17 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Marode-Hochschulen-in-Berlin/!6156774
 (DIR) [2] https://www.tu.berlin/econ-isr/forschung/aktuell/campus-as-commons-reuse-for-affordable-student-housing
 (DIR) [3] /Im-Haifischbecken/!t5612115
 (DIR) [4] /Wohnungsnot-bei-Studis-und-Azubis/!6113733
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Nathan Pulver
       
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