# taz.de -- Die Künstlerzeitschrift „Entwerter/Oder“: Jung und auf Ärger vorbereitet
       
       > Eine Ausstellung im Berliner Willy-Brandt-Haus stellt die 1982 in
       > Ostberlin gegründete originalgrafische Zeitschrift „Entwerter/Oder“ vor.
       
 (IMG) Bild: „Entwerter/Oder“, Ausgabe 100 aus dem Jahr 2016
       
       Haptik statt Hochglanz: Texte auf Schreibmaschinenpapier, man spürt es
       knistern, der Durchschlag variiert; Einbände aus rauer Kartonage, Schuber,
       Holzboxen, Mappen; Farben, deren Auftrag eine Textur bildet, dann ein Kopf
       aus verschiedenen Wesenheiten und Verknüpfungen, das ist die Ausstellung
       „Entwerter/Oder und das sogenannte ‚Zeitschriftenunwesen‘“. Ein angemessen
       sperriger Titel!
       
       „Finale Grande“ steht als Motto unter dem Kopf, in Signalrot geschrieben
       und gezeichnet von dem Maler Frank Siewert für das Heft Nr. 102 der
       original-grafischen Zeitschrift Entwerter/Oder. Die Ausgabe wird die letzte
       sein.
       
       Ins Leben gerufen wurde Entwerter/Oder 1982 von dem Autor und gelernten
       Kartografen Uwe Warnke und dem Puppenspieler Siegmar Körner. Seit 1984
       fungiert Warnke als alleiniger Herausgeber.
       
       ## Der Schrift Zeit lassen
       
       Entwerter/Oder, eine Zeitschrift, die der Schrift Zeit ließ, kann als der
       Beitrag Friedrichhains zur unabhängigen Kunstszene der späten DDR
       betrachtet werden und war mit einem Sonderheft zur Visuellen Poesie früh in
       beiden Deutschländern unterwegs.
       
       Jetzt zeigt sich das Ostberliner Kind Entweder/Oder großgeworden in
       Westberlin, im Willy-Brandt-Haus am Halleschen Tor. Dass es dafür die
       Regine-Hildebrandt-Galerie im zweiten Stock gekriegt hat, ist eine schöne
       Volte. [1][Die langjährige Brandenburger Arbeitsministerin] nahm die
       Programmatik im Wort Sozialdemokratie ernst.
       
       „Wir waren jung und auf Ärger vorbereitet. Wir hatten nichts zu verlieren.
       Wir taten etwas, ohne zu fragen. Genau das war das Politikum“, sagt Warnke.
       Stichwort Politikum: Den Ausstellungsauftakt bildet die erste
       Entwerter/Oder-Ausgabe. In den Notaten Körners und Warnkes unter
       verschiedenen Synonymen wird eine Gesellschaft deutlich, die sich fast nur
       noch im Selbstgespräch befindet.
       
       Ein Thema bei Warnke ist das 1981 in Polen verhängte Kriegsrecht. Erinnert
       sei daran, dass das östliche Nachbarland der DDR trotz aller
       internationalistischen Bekundungen Gegenstand abschätziger Witze auf
       Schulhöfen und in Pausenräumen war. In einem längerem Prosatext Körners
       wird nächtens im Elbflorenz Dresden ein „Trennungswall“ zwischen Anstand
       und Abschaum errichtet.
       
       ## Berlin als schöpferische Herausforderung
       
       Zum Schöntrauern taugt Entwerter/Oder nicht, dafür zur Erinnerung daran,
       dass Berlin, bevor die Stadt eine nervtötende Zumutung wurde, eine
       schöpferische Herausforderung war. 1988, ein Jahr nach den 750-Jahrfeiern
       in Ost und West, erschien unter dem mehrdeutigen Titel „berliner mauern“
       die dritte thematische Ausgabe von Entweder/Oder: Friedhofsfotos von
       [2][Harald Hauswald] mit Kreuz und Engeln vor dem antifaschistischen
       Schutzwall, der die alte Scheiße nicht abhalten konnte und konservierte;
       Szenen einer eingemauerten Beziehung in einem Dramentext von Christian
       Hussell, oder „Soll ich die Baumeister rühmen“, eine Ortsbegehung von
       Christoph Schnauß an die Ecke Oranienburger / Friedrichstraße.
       
       Schnauß erwähnt ausdrücklich den Schriftzug „Nie wieder Krieg“ an der
       Rückseite der Stahlbeton-Ruine, in der das Kunsthaus Tacheles Berlin nach
       der Maueröffnung zu einem so schwierigen wie lukrativen Mythos verhelfen
       sollte, einem, der seinen Urhebern nicht nur gutgetan hat.
       
       Der Schriftzug hatte seinen Grund an diesem Ort. Das Gebäude, ehemals ein
       Kaufhaus und Schauraum der AEG, war Sitz der Deutschen Arbeitsfront und des
       Zentralbodenamts der SS, in seinem Dachgeschoss waren Kriegsgefangene
       untergebracht, kurz vor der Befreiung fluteten die Nazis einen der Keller.
       
       Es ist nicht so, dass in den zugigen Höfen des 2023 eröffneten
       [3][Stadtquartiers „Am Tacheles“] an diese Geschichte nicht erinnert wird.
       Nur ist auf dem Weg „von der Legende zum Lebensort“, der „urbanes Leben neu
       denkt: mit Design, Kunst, Kulinarik und Kultur auf höchstem Niveau“ (O-Töne
       aus einem Verkaufsexposé), mehr verloren gegangen als der Ort einer
       ruhelosen Jugend. Bevor der Grund zurückschlägt, eines der Anagrammgedichte
       von [4][Bert Papenfuß] aus der Entwerter/Oder-Jubiläumsausgabe Nr. 100 von
       2017: „Das Beschauliche ist das Abscheuliche“. Gilt auch hintenrum.
       
       10 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Landtagswahlen-in-Brandenburg/!6034527
 (DIR) [2] /Retrospektive-von-Harald-Hauswald/!5709591
 (DIR) [3] /Zukunft-des-Berliner-Tacheles/!5956889
 (DIR) [4] /Gedenken-an-Bert-Papenfuss/!5965557
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Robert Mießner
       
       ## TAGS
       
 (DIR) DDR
 (DIR) Kultur in Berlin
 (DIR) Ostberlin
 (DIR) Magazin
 (DIR) Kunst
 (DIR) Film
 (DIR) DDR
 (DIR) Ausstellung
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Filme über Berlin in der Wendezeit: Krepieren, wie ich will
       
       Sie machen die Verwerfungen der Wendezeit sichtbar. „Heute noch, morgen
       schon“ im Museum Nikolaikirche in Berlin ist eine Ausstellung zum
       Binge-Watchen.
       
 (DIR) Bildband zu DDR-Fotografin: Den Kollektivgeist sparte sie sorgsam aus
       
       Im Auftrag des DDR-Regimes fotografierte Sibylle Bergemann das Werden des
       Marx-Engels-Denkmals. Wie freigeistig sie war, beweist ein Bildband der
       Serie.
       
 (DIR) Ausstellung „Robotron“ in Leipzig: Großrechner und Altmeister
       
       Die Ausstellung „Robotron. Code und Utopie“ der Leipziger Galerie für
       Zeitgenössische Kunst nimmt die Technologiepolitik der DDR in den Blick.