# taz.de -- Bundesagrarminister Alois Rainer: Gut für den Bauernverband, aber nicht für die Bauern
       
       > Der CSU-Politiker erfüllt der Agrarlobby fast jeden Wunsch. Das schadet
       > der Umwelt – und langfristig auch den Landwirten. Dabei gibt es
       > Alternativen.
       
       Kaum ein Minister der schwarz-roten Bundesregierung ignoriert den Stand der
       Wissenschaft so konsequent wie [1][Alois Rainer]. Der CSU-Politiker, der im
       Kabinett für Landwirtschaft zuständig ist, behauptet zum Beispiel, die
       Menschen müssten [2][nicht weniger Fleisch] und Milch konsumieren. Dabei
       ist der Zusammenhang offensichtlich: Würden weniger Fleisch und
       Milchprodukte gegessen, würden weniger Tiere gehalten und entsprechend
       [3][weniger Treibhausgase] ausgestoßen.
       
       Laut Umweltbundesamt verursachte die Landwirtschaft 2023 inklusive der
       Emissionen aus Böden und Maschinen [4][14 Prozent des Ausstoßes] in
       Deutschland. Rund [5][40 Prozent] davon entfielen 2020 nach Berechnungen
       der Denkfabrik Agora Agrar auf die Nutztierhaltung und Wirtschaftsdünger
       wie Gülle. Zudem trägt der Anbau des Futters zum Beispiel dazu bei, dass
       Pflanzen- und Tierarten aussterben oder das Grundwasser mit Schadstoffen
       belastet wird.
       
       Ganz abgesehen davon, dass die Menschen in Deutschland im Durchschnitt mehr
       Fleisch essen, als Ernährungswissenschaftler für gesund halten. Aber
       weniger Fleisch und Milch würden weniger Gewinne für die Bauern bedeuten.
       Und die gehen Rainer offenbar über alles. In seinem ersten Amtsjahr hat er
       weitgehend das umgesetzt, was die Agrarlobby von ihm erwartet. Deshalb ist
       seine erste Grüne Woche, die weltgrößte Landwirtschaftsmesse in Berlin,
       auch ein Wohlfühltermin für ihn.
       
       ## Klimaschädliche Subvention
       
       Die CDU/CSU-SPD-Koalition hat dem Deutschen Bauernverband schon viele
       Gefallen getan: Seit Anfang des Jahres können sich Landwirte wieder knapp
       die Hälfte der Energiesteuer auf Diesel erstatten lassen, mit dem sie zum
       Beispiel ihre Traktoren antreiben. Das kostet den Staat [6][430 Millionen
       Euro] pro Jahr und reduziert Anreize, klimaschädlichen Kraftstoff
       einzusparen.
       
       Als eine seiner ersten Amtshandlungen ließ Rainer die Pflicht für viele
       Höfe streichen, eine [7][Stoffstrombilanz] aufzustellen. Sie zeigte anhand
       von Belegen, wie viel Stickstoff und Phosphor durch Dünger auf den Betrieb
       kommen und wie viel in Form von Produkten abfließen. Mit dieser Bilanz
       hätte man sehr einfach ermitteln können, welche Höfe wirklich zu viel
       düngen. Das wollte der Bauernverband aber offenbar nicht. Ihm kommt es ganz
       gelegen, dass Rainer die Düngeregeln noch weiter abschwächen will.
       
       Dabei bringt die Landwirtschaft nach Zahlen seines eigenen Ministeriums
       immer noch [8][rund 70 Kilogramm Stickstoff] pro Hektar und Jahr mehr aus,
       als sie durch pflanzliche oder tierische Produkte bindet. Der Überschuss
       verschmutzt das Grundwasser, aus dem das meiste Trinkwasser gewonnen wird,
       und verursacht dadurch potenzielle Gesundheitsrisiken. Zu viele Nährstoffe
       aus der Landwirtschaft tragen auch zum Algenwachstum in den Meeren bei. In
       der Ostsee führt das immer wieder zu Fischsterben durch Ersticken, wenn die
       Algen verwesen und dabei dem Wasser Sauerstoff entziehen.
       
       ## Stallumbauprogramm eingestampft
       
       Selbst dem Bauernverband zu viel war, dass Rainer das wichtigste
       [9][Förderprogramm für mehr Tierschutz] in der Landwirtschaft beendet. Die
       Zuschüsse für Ställe beispielsweise mit Auslauf im Rahmen des
       Bundesprogramms zum Umbau der Tierhaltung sollen bald wegfallen. Die
       staatliche Kennzeichnung der Haltungsform für Schweinefleisch ließ er
       gleich zweimal verschieben, möglicherweise auf den Sankt-Nimmerleins-Tag.
       [10][Höhere Steuern auf Fleisch] fürs Tierwohl hatte Rainer sogar schon vor
       seinem Amtsantritt abgelehnt.
       
       Dabei leben die meisten Tiere in Deutschland unter Bedingungen, die
       [11][Umfragen zufolge] von vielen Menschen kritisiert werden. Zum Beispiel
       kommen die meisten Schweine in der konventionellen Haltung nie an die
       frische Luft, ihnen wird ein Teil des Schwanzes abgeschnitten, die Eckzähne
       werden abgeschliffen. Viele Milchkühe können sich wegen einer schmerzhaften
       Erkrankung der Beine nicht normal bewegen.
       
       Auch die Ausbeutung beispielsweise von „Erntehelfern“ hat Rainer
       erleichtert. Saisonkräfte dürfen seit 1. Januar [12][90 statt wie bisher 70
       Arbeitstage] beschäftigt werden, ohne dass Sozialversicherungsbeiträge
       fällig werden. Den Sozialkassen entgehen dadurch Einnahmen, während die
       Arbeiter häufig schlechter abgesichert sind.
       
       Hinzu kommt: Der Bund – nicht die Chemieindustrie – übernimmt auf Rainers
       Initiative die Behandlungskosten der Berufskrankheit „[13][Parkinson durch
       Pestizide]“ bei Landwirten. Dafür erhöht das Agrarministerium seinen
       jährlichen Zuschuss zur landwirtschaftlichen Unfallversicherung um 20
       Millionen Euro.
       
       ## Hauptsache, Agrarunternehmer verdienen mehr
       
       Die Liste ließe sich noch fortsetzen. Sie verdeutlicht: Rainer betreibt
       eine Klientelpolitik für die Agrarlobby. Er kümmert sich wenig um die
       Umwelt, die Landarbeiter, die Steuerzahler oder die Tiere. Hauptsache, die
       Landwirte – also die Agrarunternehmer – verdienen mehr. Das mag kurzfristig
       funktionieren. Aber auf lange Sicht schadet Rainers Politik auch den Bauern
       selbst.
       
       Der Klimawandel wird ihre Erträge zunehmend gefährden, wenn er nicht – auch
       durch Beiträge der Landwirtschaft – gebremst wird. Wenn viele Bauern weiter
       zu wenig verschiedene Pflanzenarten anbauen, wird ihr Risiko von
       Ernteausfällen steigen. Wenn die deutschen Landwirte nicht auf mehr
       Tierschutz setzen, werden sie mit ihren schon wegen der höheren
       Arbeitskosten teureren Fleisch- und Milchprodukte gegen Billigkonkurrenz
       verlieren. Wenn sie durch Überdüngung und Pestizide die Artenvielfalt
       reduzieren, können darunter auch Insekten leiden, die Pflanzen der
       Landwirte bestäuben.
       
       Deshalb muss Rainer auch im Interesse der Landwirte die Düngeverordnung so
       verändern, dass sie Überdüngung wirklich verbietet. Die meisten Landwirte
       müssten eine Stoffstrombilanz keinesfalls fürchten. Sie würde es den
       Behörden ermöglichen, gezielt lediglich jene Minderheit zu sanktionieren,
       die weiterhin überdüngt. Und die Bilanz zu erstellen, ist gar nicht so
       aufwendig wie vom Bauernverband behauptet: Der [14][Nationale
       Normenkontrollrat] hat herausgefunden, dass die Unternehmen nur rund
       [15][fünf Stunden] für die Aufstellung der Bilanz aufwenden müssten – pro
       Jahr.
       
       ## Agrarsubventionen nur noch für die „guten“ Bauern
       
       Privilegien wie die Erstattung von Energiesteuern auf Diesel für Traktoren
       sollten wegfallen. Sie sind nicht nur ungerecht gegenüber anderen Branchen,
       sondern sie subventionieren auch eine treibhausgasintensive Antriebsart.
       Schon lange sind Anlagen auf dem Markt, die den [16][Reifendruck von
       Traktoren] so regeln, dass der Dieselverbrauch sinkt. Tatsächlich
       verzichten aber viele Bauern darauf, da sie für den Sprit ohnehin wenig
       zahlen müssen. Dazu kommt, dass Elektromotoren für kleinere Maschinen ohne
       Dieselsubventionen wettbewerbsfähiger wären.
       
       Unterstützung aus den Haushalten sollte es vielmehr für Landwirte geben,
       die ihre Tiere deutlich besser halten als vorgeschrieben. Solche Zuschüsse
       müssten auch Bauern zukommen, deren Tiere im Vergleich besonders gesund
       sind, also nicht etwa an schmerzhaften Krankheiten leiden.
       
       Die EU sollte – mit Unterstützung der Bundesregierung – ihre derzeit
       jährlich rund 60 Milliarden Euro Agrarsubventionen nur noch an die
       Landwirte zahlen, die mehr für Umwelt und Tiere leisten, als sie es wegen
       der einschlägigen Gesetze tun müssen. Rainer muss das schon jetzt
       bestehende Recht nutzen, mit EU-Geldern die vergleichsweise artgerechte
       Haltung von Tieren auf der Weide zu unterstützen. Bisher wird vor allem pro
       Hektar subventioniert. Die Umweltanforderungen sind gering.
       
       Sollte diese Umverteilung nicht reichen, könnte der Staat die
       Landwirtschaft auch durch Abgaben auf Pestizide, Mineraldünger und Fleisch
       verbessern.
       
       ## „Höfesterben“ bedeutet nicht das Ende der Landwirtschaft
       
       Gehen dann nicht alle unsere Bauern pleite? Mehrere Fakten sprechen
       dagegen: Wichtige Märkte wie Milch und Rindfleisch schützt die EU durch
       Zölle gegen Billigimporte, die möglicherweise unter schlechteren
       Bedingungen produziert werden. Sogar Handelsabkommen zum Beispiel mit
       Kanada räumen lediglich begrenzte Kontingente zu niedrigen oder gar keinen
       Zöllen ein.
       
       [17][Dänemark] hat mit seiner Steuer auf Pestizide bewiesen, dass ein
       EU-Land auch allein solche Schritte gehen kann, ohne seine Landwirtschaft
       im europäischen Wettbewerb zu ruinieren. Es kommt auf die Höhe und das
       Zusammenspiel mit den anderen Rahmenbedingungen an, die der jeweilige Staat
       setzt.
       
       Wie wenig Einfluss die Agrarpolitik auf das Höfesterben hat, belegt
       eindrücklich ein [18][Diagramm] mit der Zahl der Höfe im Zeitverlauf. Die
       Kurve zeigt seit 1950 im weitgehend gleichen, sehr steilen Winkel nach
       unten. Egal, wer regiert hat. Für einen minimalen Einfluss der Politik
       spricht auch, dass die Entwicklung fast überall auf der Welt ähnlich ist:
       in der EU sowieso, in den USA, in Australien, in Japan, selbst in Staaten
       wie Norwegen oder der Schweiz, die ihre Landwirtschaft besonders stark
       abschotten und subventionieren. Betriebsschließungen lassen sich daher kaum
       mit Umwelt- oder Tierschutzauflagen erklären.
       
       Das „Höfesterben“ führt übrigens auch nicht dazu, dass hierzulande
       signifikant weniger Lebensmittel produziert würden. Obwohl die Zahl der
       Betriebe stark gesunken ist, bleibt die landwirtschaftlich genutzte Fläche
       bei ungefähr [19][17 Millionen Hektar] stabil. Die aufgegebenen Höfe werden
       also nicht durch Betriebe im Ausland ersetzt – sondern durch ihre Nachbarn.
       
       16 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Alois-Rainer-Landwirtschaftsminister/!t6096815
 (DIR) [2] /Klimabilanz-von-Lebensmitteln-Agrarminister-sieht-keinen-Grund-fuer-weniger-Fleisch/!6133048
 (DIR) [3] /Deutsche-Gesellschaft-fuer-Ernaehrung/!6013701
 (DIR) [4] https://www.umweltbundesamt.de/themen/landwirtschaft/landwirtschaft-umweltfreundlich-gestalten/klimaschutz-in-der-landwirtschaft#weitere-emissionen-der-landwirtschaft
 (DIR) [5] https://www.agora-agrar.de/publikationen/die-zukunft-von-landnutzung-und-ernaehrung-in-deutschland#downloads
 (DIR) [6] https://www.bmel.de/SharedDocs/Pressemitteilungen/DE/2025/053-agrardieselr%C3%BCckverg%C3%BCtung.html
 (DIR) [7] /Plaene-des-Agrarministeriums/!6095394
 (DIR) [8] https://www.bmel-statistik.de/fileadmin/daten/0111260-0000.xlsx
 (DIR) [9] /Stallhaltung-in-Deutschland/!6046400
 (DIR) [10] /Besonders-klimaschaedliche-Lebensmittel/!6085293
 (DIR) [11] https://albert-schweitzer-stiftung.de/aktuell/tierwohl-umfrage-2025
 (DIR) [12] /Ausbeutung-von-Landarbeitern/!6128014
 (DIR) [13] /Parkinson-durch-Pestizide/!6072903
 (DIR) [14] https://www.normenkontrollrat.bund.de/Webs/NKR/DE/home/home_node.html
 (DIR) [15] https://dserver.bundestag.de/btd/18/127/1812731.pdf
 (DIR) [16] /Alternative-Antriebe-fuer-Traktoren/!5990694
 (DIR) [17] https://pan-germany.org/pestizide/hat-die-daenische-pestizidsteuer-die-dortige-landwirtschaft-ruiniert/?print=print
 (DIR) [18] https://twitter.com/peter_breunig/status/1744319180084584840
 (DIR) [19] https://www-genesis.destatis.de/datenbank/online/statistic/41271/table/41271-0001
       
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