# taz.de -- Erde steckt in Wasser-Insolvenz: UN-Bericht fordert radikalen Wandel
       
       > Vielerorts nutzen Menschen mehr Wasser, als Regen und Flüsse ihnen zur
       > Verfügung stellen. Ein UN-Bericht fordert deswegen ein Umdenken.
       
 (IMG) Bild: Der Olivenhain in Tunesien muss wegen Wasserknappheit bewässert werden
       
       Der globale Mangel an Süßwasser ist so dramatisch, dass die Universität der
       Vereinten Nationen die Welt als „Wasser-bankrott“ bezeichnet. [1][In einem
       neuen Bericht] schreibt sie, in großen Teilen des Planeten verbrauchten
       Menschen mehr Wasser, als durch Regen und Schneeschmelze nachkommt. So
       beuten sie das „ersparte“ Grundwasser aus, das mancherorts Tausende Jahre
       zum Wiederauffüllen braucht.
       
       „Unser Girokonto, das Oberflächenwasser, ist leer“, sagte der Berichtsautor
       Kaveh Madani, der an der UN-Universität forscht. „Das Sparbuch, das wir von
       unseren Vorfahren geerbt haben, Grundwasser, Gletscher und so weiter: Auch
       das ist erschöpft.“ Weltweit seien Symptome des „Wasser-Bankrotts“ zu
       sehen.
       
       Dem UN-Bericht zufolge leben drei Viertel der Weltbevölkerung in Regionen,
       die nicht das ganze Jahr über sicheren Zugang zu Wasser haben. 4 Milliarden
       Menschen erleben mindestens einen Monat lang starke Wasserknappheit. 2
       Milliarden Menschen leben auf Böden, die absinken, weil Grundwasser
       führende Gesteinsschichten kollabieren, die sogenannten Aquifere.
       
       Von einer Wasserkrise zu sprechen, sei nicht mehr genug, heißt es im
       Bericht. „Krisen“ seien kurzfristig zu durchstehen, um danach wieder zum
       Normalzustand zurückzukehren. Doch „die langfristige Nutzung von Wasser hat
       erneuerbare Zuflüsse überschritten, was zu einer unwiderruflichen
       Schädigung geführt hat.“ Wasserversorgung und das Funktionieren von
       Ökosystemen könnten nicht überall wiederhergestellt werden.
       
       ## Regionale Unterschiede bleiben wichtig
       
       „Die unzureichende globale Wassersicherheit ist in vielen Regionen kein
       Ausnahmezustand mehr, sondern ein sich stetig verschlechternder
       Dauerzustand“, sagte Rike Becker, Forscherin am Imperial College London,
       dem Science Media Center (SMC). Das sollte jedoch „nicht ein Gefühl der
       Resignation und des Scheiterns auslösen“. Nationale und lokale Ansätze
       böten häufig die wirksamsten und schnellsten Lösungen, weil sie an
       regionale Bedürfnisse angepasst seien.
       
       Auch Thorsten Wagener von der Universität Potsdam betonte gegenüber dem
       SMC, dass der Begriff „Wasser-Insolvenz“ zwar eine gute Zusammenfassung der
       Situation sei, aber die großen regionalen Unterschiede wichtig seien. „Es
       ist für das Thema Wasser schwierig, die Welt mit einem Mittelwert zu
       beschreiben“, sagte er.
       
       Deutschland zum Beispiel habe „generell mehr Wasserangebot, als wir
       nutzen“. [2][In Regionen wie Brandenburg] gebe es jedoch immer wieder
       Wasserprobleme, die sich „in trockenen Jahren auch auf ganz Deutschland
       oder sogar Europa ausbreiten können“.
       
       Becker sieht den deutschen Wasserverbrauch noch aus einem anderen Grund
       kritisch, denn er finde „überwiegend im Ausland statt“. Über 80 Prozent des
       deutschen Wasserverbrauchs sei „importiertes“ Wasser aus Ländern wie
       Indien, Pakistan und Ägypten.
       
       Damit ist gemeint, dass Waren und Lebensmittel unter zu hohem
       Wasserverbrauch im Ausland hergestellt und dann in Deutschland verkauft
       werden. Dadurch „tragen wir wesentlich zur Übernutzung von Aquiferen, zu
       hohen Grundwasserentnahmen und Wasserverschmutzung in anderen Regionen
       bei“.
       
       ## Wasserkonflikte eskalieren immer häufiger
       
       Zwar sei nicht jedes Land Wasser-bankrott, sagte Madani, aber
       „Wassersysteme sind durch Handel, Migration, Klimafolgen und geopolitische
       Abhängigkeiten miteinander verbunden“.
       
       1,2 Milliarden Menschen leben dem UN-Bericht zufolge in Regionen, deren
       Landwirtschaft unter starkem Wassermangel leidet. 170 Millionen Hektar
       Ackerland – in etwa so viel Fläche wie Deutschland, Frankreich, Spanien und
       Italien zusammen – stehen unter Wasserstress. Besonders angespannt sei die
       Situation im Nahen Osten, Nordafrika und Südasien.
       
       Konflikte um Wasser nehmen deshalb stark zu: 2014 waren es laut dem Bericht
       etwa 70, 2024 schon über 400. Zunehmend kollabiere darüber hinaus in
       Städten die Wasserversorgung, wie zum Beispiel im vergangenen Herbst im
       iranischen Teheran, [3][wo eine Dürre die ohnehin überlastete
       Wasserversorgung der Stadt nahezu zum Erliegen brachte]. Ähnliche Fälle
       habe es im südafrikanischen Kapstadt, im indischen Chennai und im
       brasilianischen São Paulo gegeben.
       
       Die zunehmende Erderhitzung verstärkt laut dem Bericht all diese Trends,
       weil Gletscher, die Süßwasser speichern, schmelzen und Umschwünge zwischen
       extrem trockenem und extrem nassem Wetter zunehmen.
       
       ## Lokale Lösungen nicht vergessen, warnt Forscherin
       
       Um dem neuen Zustand des „Wasser-Bankrotts“ etwas entgegensetzen zu können,
       fordern Madani und sein Team eine Neuausrichtung des globalen Umgangs mit
       Wasser: Es müsse anerkannt werden, dass einige kaputte Wassersysteme nicht
       zu reparieren seien, dass künftige Schäden unbedingt zu vermeiden seien und
       dass Gerechtigkeit im Zentrum der Wasserpolitik stehen müsse.
       
       Zum Beispiel gebe es bestimmte landwirtschaftliche Praktiken, die in einem
       Wasser-Bankrott schlicht nicht mehr möglich sind. Zum Beispiel müssten
       bestimmte Flächen, die nur mithilfe von intensiver Bewässerung Ertrag
       abwerfen, aufgegeben werden. Die Bäuer*innen dürften dann aber nicht
       alleingelassen werden, sondern bräuchten Hilfe in Form von Expertise und
       Krediten beim Übergang zu anderen Formen der Landwirtschaft oder sogar zu
       neuen Jobs wie im Ökotourismus.
       
       Der UN-Bericht konzentriert sich in seinen Lösungsvorschlägen stark darauf,
       weltweit einen Bewusstseinswandel herbeizuführen und in den verschiedenen
       UN-Prozessen zu verankern. Dieser Fokus auf eine globale Agenda, warnt die
       Londoner Forscherin Becker, sei risikoreich: „Angesichts der aktuellen
       geopolitischen Situation sind schnelle, global abgestimmte politische
       Entscheidungen wohl kaum realistisch“, sagte sie. „Da der Handlungsdruck
       hoch und die Herausforderungen lokal sehr unterschiedlich sind, dürfen
       lokale Wassermanagement-Anstrengungen nicht in den Hintergrund geraten.“
       
       21 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://unu.edu/inweh/collection/global-water-bankruptcy
 (DIR) [2] /Klimarisiko-in-Deutschland/!6142887
 (DIR) [3] /Trockenheit-in-Iran/!6130644
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jonas Waack
       
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