# taz.de -- Wohnungsnot und Sozialpolitik: „Das ist absoluter sozialer Sprengstoff“
> Die Wohnungsnot ist das drängendste Problem Berlins, sagt Caritas-Chefin
> Ulrike Kostka. Von der Politik fordert sie mehr präventive Sozialpolitik.
(IMG) Bild: Nothilfe gegen das Erfrieren: Kältehilfe-Einrichtung der Caritas
taz: Frau Kostka, zu Beginn der Kältehilfe hatten die Wohlfahrtsverbände
eine bessere Finanzierung von Präventionsangeboten gegen Wohnungslosigkeit
gefordert. Ist der Senat dem nachgekommen?
Ulrike Kostka: Von besserer Finanzausstattung war gar keine Rede, es ging
beim neuen Doppelhaushalt vor allem darum, überhaupt die Angebote zu
erhalten. Das war ein ziemlicher Kampf – aber insgesamt ist es uns ganz gut
gelungen. Was uns Sorge macht, ist, dass die Bezirke teilweise weniger
Mittel zur Verfügung haben und es daher gerade bei kleineren Projekten zu
Einschränkungen kommen wird. Zum Teil haben Projekte, die bezirklich
finanziert sind, auch noch keine Zuwendungsbescheide fürs nächste Jahr. Das
verunsichert natürlich.
taz: Die Caritas betreibt ja Beratungsstellen der ambulanten
Wohnungslosenhilfe und der allgemeinen Sozialberatung. Wer kommt da so hin?
Kostka: Mittlerweile wirklich Menschen in den unterschiedlichsten
Lebenslagen. Denn es ist nicht immer nur eine Frage von Einkommen, sondern
es geht um die Verfügbarkeit von Wohnraum überhaupt. Es kommen Menschen aus
der Mittelschicht, weil sie vor einer Eigenbedarfskündigung stehen und
keine Wohnung finden. Es kommen alte Menschen, die mit ihrer Rente
Mieterhöhungen nicht mehr tragen können. Es kommen alleinerziehende Mütter,
Familien. Teilweise haben die Menschen auch Probleme, die sich häufen, von
Schulden bis Suchtproblematik.
taz: Man merkt die Wohnungsnot und steigende Mieten direkt in der
Beratungsarbeit?
Kostka: Das merkt man total und beides sind absolute Hauptthemen in allen
Beratungsstellen. In unserer Ehe- und Familienberatung hören wir zum
Beispiel, dass Paare, die sich trennen wollen, das nicht können, weil sie
keine zweite Wohnung finden. Bei sehr zerstrittenen Paaren kann das eine
hohe Belastung sein. Gleichzeitig freuen wir uns auch, dass wir immer
wieder Erfolg haben, Menschen in Wohnungen zu vermitteln.
taz: Wie das? Es gibt doch fast keine.
Kostka: Es ist auch eine Frage von Kontakten. Wir sind gut vernetzt,
arbeiten eng mit Wohnungsbaugesellschaften zusammen. Manche Hilfesuchenden
können wir ins geschützte Marktsegment vermitteln, andere befähigen wir,
Wohnungen zu suchen, indem wir helfen, dass sie wirklich alle nötigen
Papiere für ihre Bewerbungen zusammenhaben. So können wir über 80 Prozent
der Menschen, die kommen, unterstützen, eine Wohnung zu finden. Wahr ist
aber auch: Jede Wohnung ist Goldstaub. [1][Und deswegen ist das
Allerwichtigste, dass die Wohnungen nicht verloren gehen – also die
Prävention von Wohnraumverlust]. Wenn eine Wohnung erst mal verloren ist,
wird sie meistens teurer vermietet oder ist ganz weg vom Markt.
taz: Vor ein paar Monaten wurde bekannt, dass unter den rund 54.000
staatlich untergebrachten Menschen in Berlin 30 Prozent Kinder und
Jugendliche sind. Hat Sie das überrascht?
Kostka: Nein. Ich habe schon vor etwa zehn Jahren bei einer
Kältehilfe-Pressekonferenz davon gesprochen, dass auch Kinder und
Jugendliche von Wohnungslosigkeit betroffen sind. Das war damals ein
absoluter Aufreger und wurde vehement abgelehnt. Aber es ist leider so.
[2][Wenn Familien wohnungslos werden, dann werden auch Kinder wohnungslos].
Und in den Unterkünften der Stadt ist die Situation für Kinder absolut
ungut, vor allem in den angemieteten Hostels und Pensionen, in denen es
keine soziale Betreuung gibt. Solche Verhältnisse verringern natürlich die
Startchancen der Kinder.
taz: Reagiert die Politik angemessen auf das Problem?
Kostka: Das Land hat teilweise reagiert. Es gibt inzwischen Unterkünfte
speziell für Familien mit Kindern, es gibt auch Housing First für Frauen
mit Kindern.
taz: Schön und gut, aber das sind kleine Projekte. Und wir reden von 15.000
Kindern und Jugendlichen.
Kostka: Ja, dazu zählen ja auch jene, die noch in Flüchtlingsheimen leben,
obwohl sie längst ausziehen dürften, weil die Eltern einfach keine Wohnung
finden. Das wird eben immer schwieriger. Die Sozialverwaltung geht davon
aus, dass die Zahl der Wohnungslosen bis 2035 auf bis zu 90.000 steigen
wird. Das ist absoluter sozialer Sprengstoff. Darum muss die [3][Schaffung
von bezahlbarem Wohnraum an erster Stelle] einer neuen Koalition nach den
Wahlen im September stehen.
taz: Es gibt die Befürchtung, dass durch die neue Grundsicherung mit den
schärferen Sanktionsregeln Verarmung und sogar Wohnungslosigkeit zunehmen
werden. Teilen Sie das?
Kostka: Wir finden Sanktionierung schwierig. Einerseits ist es ein Problem,
wenn Menschen ihre Termine nicht wahrnehmen. Es gibt immer ein Stück
Eigenverantwortung, das leugnen wir nicht als Caritas, das entspricht
unserem christlichen Menschenbild. Andererseits kann es gute Gründe geben
für versäumte Termine – die Frage ist also, wie trifft man mit Sanktionen
die richtigen. Letztlich muss es darum gehen, die Menschen in die Beratung
zu bringen, die auch wirklich helfen muss, um in Jobs zu kommen. Auch ist
der Fokus auf Sanktionen und das Thema Totalverweigerer falsch – das ist
eine relativ kleine Gruppe.
taz: Und wenn 100 Prozent gekürzt wird, was sollen die Leute essen? Zumal
ja in Berlin viele vom Regelsatz einen Teil der Miete zahlen, weil die
Wohnung so teuer ist, dass das Jobcenter sie nicht ganz übernimmt.
Kostka: Ja, hier besteht das Risiko der Verelendung. Man wird sich das in
der Realität angucken müssen. Eigentlich dürften die Sanktionen nicht den
Teil des Regelsatzes betreffen, der für Miete draufgeht. Das müssten die
Jobcenter wissen, die Miethöhe ist ja bekannt.
taz: Aber die Grundsicherung an sich ist hoch genug?
Kostka: Es ist schon schwierig, davon zu leben. Zwar wird der Regelsatz in
einem wissenschaftlich informierten Verfahren begründet, aber immer nur
rückwirkend. Und es gibt in vielen Bereichen ordentliche Preissteigerungen,
daher sind einzelne Bereiche – etwa Schulausstattung – zu gering berechnet.
Aber grundsätzlich ist es wichtig, dass der Satz nicht zu hoch ist, damit
es Anreize für den Arbeitsmarkt gibt.
taz: Kommen wir zum Thema Kältehilfe: Die Caritas ist Gründungsmitglied und
also 36 Jahre dabei. Wie läuft es dieses Jahr?
Kostka: Der Bedarf an Hilfeplätzen ist sehr hoch, steigt eigentlich jedes
Jahr. Wir als Caritas haben das Glück, dass wir unsere Plätze, in
Pfarrgemeinden, in katholischen Einrichtungen, auch tatsächlich zur
Verfügung haben. Aber ich habe von anderen Trägern gehört, dass sie oft,
wenn eine Unterkunft aus irgendwelchen Gründen nicht mehr genutzt werden
kann, extreme Schwierigkeiten haben, etwas Neues zu finden. Daher sind wir
froh, dass wir in Berlin wieder 1.000 Plätze zusammen bekommen haben.
taz: Und die reichen?
Kostka: Man sollte das nicht zu sehr ausdehnen. Das ist ein
Erfrierungsschutz und nicht mehr. Unser Ziel ist nicht, lauter
Notunterkünfte zu bekommen, das würde das Land zu sehr aus der
Verantwortung nehmen. Es müssen ja die Ursachen der Wohnungslosigkeit und
Obdachlosigkeit bearbeitet werden.
taz: Im nächsten Jahr stehen in Berlin Wahlen an. Was erwarten Sie sich
davon?
Kostka: Ganz wichtig ist, dass eine präventive Sozialpolitik an oberster
Stelle der nächsten Landesregierung steht. Sozialpolitik ist für mich sehr
umfassend, betrifft auch Wohnungspolitik, Gesundheitspolitik. Zum anderen:
Berlin muss einfach besser funktionieren. Die Sozialämter sind überlastet,
es gibt eine wahnsinnige Bürokratie, durch die zu viel verpufft. Dazu das
Gewurstel in der Haushaltspolitk, das Träger Energie kostet und
verunsichert. Ich wünsche mir ein besseres administratives Funktionieren,
das würde auch Ressourcen freimachen für mehr Hilfen.
taz: Bessere Verwaltung versprechen alle, bessere Sozialpolitik vor allem
die Linken. Wie ist das: Muss man als Christin nicht automatisch links
sein?
Kostka: Ich schätze es sehr, dass wir überparteilich sind. Wir haben schon
hervorragend mit den Linken zusammengearbeitet und tun das nach wie vor.
Aber wir arbeiten auch mit anderen Parteien gut zusammen. Unsere
Forderungen stellen wir an alle demokratischen Parteien. Und natürlich muss
immer Sozial- und Haushaltspolitik miteinander verknüpft werden, man muss
seine Forderungen ja realpolitisch umsetzen können. Das ist die Kunst in
der Politik.
taz: Es gibt ja den Spruch von Jesus, dass eher ein Kamel durchs Nadelöhr
geht, als dass ein Reicher ins Himmelreich kommt. Wie kann man das anders
interpretieren, als dass eine echte Umverteilung stattfinden muss?
Kostka: Das ist erst mal ein Bild, das sagt, vor Gott sind alle Menschen
gleich. Alle Menschen verdienen die gleichen Chancen und müssen die
gleichen Rahmenbedingungen haben. Aber die Realität ist eine andere. Die
Frage ist vor allem: Wie können diese Ungleichheiten für Kinder und
Jugendliche ausgeglichen werden?
taz: Dafür ist doch Politik da, oder?
Kostka: Ja, das ist eine politische Verantwortung und man muss an Fragen
der Umverteilung denken: Vermögenssteuer, Erbschaftssteuer, da gibt es
verschiedene Hebel. Aber es geht auch darum, was Kindern aus armen Familien
etwa in der Schule zugetraut wird – oder auch armen Erwachsenen. Wir haben
viele in der Caritas, die uns unterstützen und selbst wenig haben. Zugleich
gibt es viele Menschen, die Vermögen haben oder Erbschaften und das
sinnstiftend einsetzen wollen. Was ich sagen will: Wir werden mit einer
rein materiellen Umverteilung nicht die Gesellschaft komplett ändern.
taz: Wie meinen Sie das?
Kostka: Zum Beispiel hatten wir kürzlich unsere Weihnachtspäckchen-Aktion,
bei der 4.800 Päckchen gepackt wurden für unsere Einrichtungen. Da kamen
die unterschiedlichsten Ehrenamtlichen zusammen: Menschen, die selber
Grundsicherung bekommen, arbeiten Seit an Seit mit jemandem vom Lions Club.
Hier sehen wir uns als Caritas in einer wichtigen Rolle: Teilhabe
ermöglichen, Menschen zusammenbringen, dass sie sich gesehen fühlen und
sich selbstwirksam erleben. Das sind alles so kleine Bausteine, die nicht
heute die Welt verändern, aber ein Stück zur Veränderung beitragen.
30 Dec 2025
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