# taz.de -- Kaffeewette für Kältehilfe: Charity als Armutszeugnis
> Viele regen sich auf, weil Kai Wegner die „Kaffeewette“ für die
> Obdachlosenhilfe verbieten wollte. Aber das Problem ist, dass sie
> überhaupt nötig ist.
(IMG) Bild: Ein Obdachloser sitzt im Nachtcafe am Bahnhof Zoo, ein neues Projekt der Kältehilfe. Kaffee gibt es auf Spendenbasis
Es ist schon merkwürdig: Die Welt scheint gerade (wieder einmal)
auseinander zu brechen – und Berlin diskutiert über Kaffee. Der Tenor der
letzten Tage war: Wie kann der Regierende Bürgermeister nur unsere
„Kaffeewette“ verbieten und damit verhindern, dass Bürger:innen Gutes
tun für die Obdachlosen in der Kältehilfe? Bei all der Empörung blieb eins
allerdings merkwürdig unterbelichtet: die Tatsache nämlich, dass die
Charity-Aktion – wie Wohltätigkeit so oft – zuallererst auf ein krasses
Staatsversagen hinweist.
Denn wieso ist überhaupt eine Sponsoring-Aktion notwendig, damit Obdachlose
im Winter eine Tasse Kaffee bekommen? Das liegt natürlich daran, dass die
schiere Existenz der Kältehilfe ein politisches Armutszeugnis ist: Weil der
Staat es nicht auf die Kette bekommt, Obdachlose vernünftig unterzubringen,
springt jeden Winter seit 40 Jahren die Zivilgesellschaft in Form der
Wohlfahrtsverbände und Kirchen ein. Die Politik erstattet ihnen zwar die
gröbsten Kosten für die Übernachtungsplätze – aber schon beim Personal
läuft nichts ohne Ehrenamt und Engagement.
Dass sich vor diesem Hintergrund Bezirke und Bezirksbürgermeister für ihre
Wohltätigkeit feiern lassen, ist ein starkes Stück. Wenn Politik und
Verwaltung ihre Arbeit machen würden, wäre der ganze Zirkus nicht nötig.
Das heißt nicht, dass Bürger:innen nicht privat Gutes tun sollten – wer
möchte, kann jederzeit der Kältehilfe spenden. Dafür braucht man auch keine
„Kaffeewette“ zwischen Bezirken und privaten Unternehmern. Die darf nun
übrigens doch stattfinden, verkündeten alle Bezirke am Montag gemeinsam. Ab
sofort können Bürger:innen zwei Wochen lang Kaffee an Sammelstellen
abgeben, und in jedem Bezirk, in dem mehr als 500 Päckchen gesammelt
werden, legen Berliner Unternehmer 2.500 Euro für die Kältehilfe des
jeweiligen Bezirks obendrauf.
Dass die Geschäftsleute damit kostenlose Werbung in Form von Erwähnungen in
Berliner Zeitungen bekommen haben, versteht sich von selbst. Gleichzeitig
betont der Reinickendorfer Unternehmer Michael Lind, der die Kaffeewette
vor sechs Jahren initiierte, dass seine Wohltätigkeit nicht um der Werbung
willen geschehe. Er unterstütze seit Jahren Geflüchtetenprojekte und eine
Schule. „Ich mache solche Dinge von Herzen“, betonte er gegenüber der taz.
Dennoch waren die anfänglichen Bedenken der Senatskanzlei, die zuerst der
Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg geäußert hatte, nämlich ob die Kaffeewette
zwischen Bezirken und Unternehmen nicht gegen das Verbot der Vorteilnahme
verstößt, grundsätzlich auch nicht ganz abwegig.
Doch in diesem Fall ist Korruption nicht wirklich das Problem, die Bezirke
nehmen ja nicht selbst den Kaffee an oder das Geld. Eher möchte man sagen:
Wenn die Politik schon nicht ihrer Aufgabe nachkommt, Obdachlosen ein
Minimum an Zuwendung zu finanzieren, sollte sie wenigstens nicht ihre
Bürger:innen daran hindern.
P.S. Der Kommentar wurde am 20.1. ergänzt um eine Stellungnahme des
Unternehmers Michael Lind, der die Kaffeewette ins Leben gerufen hat.
19 Jan 2026
## AUTOREN
(DIR) Susanne Memarnia
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