# taz.de -- Lob des deutschen Rentensystems: Gar nicht mal so schlecht
> Meckern über das Rentensystem ist angesagt. Aber ist wirklich alles so
> dramatisch? Was Friedrich Merz von Konrad Adenauer lernen kann.
(IMG) Bild: Die Inflation frißt ihre Rente: Das war das Problem dieser kämpferischen Gruppe im Jahr 1971 in Dortmund
Erstens: Unsere Sozialsysteme stehen vor dem „finanziellen Kollaps.“
Zweitens: Die deutsche Rente ist zudem so kaputt, dass Jüngere am besten
gar nicht mehr in dieses marode System einzahlen. Drittens: Ohne radikales
Umsteuern werden die „Älteren die Jüngeren ausplündern“. Und viertens sieht
Friedrich Merz drastisch steigende Beiträge für die Rente, die die
Wirtschaft strangulieren werden. „Die Sozialversicherung insgesamt liegt
auf der Intensivstation“, so Merz.
Das erste Zitat stammt aus dem Jahr 2000. Der Rentenexperte Bernd
Raffelhüschen prognostizierte damals den Exitus des gesamten deutschen
Sozialstaats. Zweitens: Den Auszug der Jüngeren aus dem Rentensystem, das
dem Untergang geweiht sei, forderte 1999 die CSU. Drittens: Die
Ausplünderung der Jungen durch die Alten hielt Ex-Bundespräsident Roman
Herzog vor 17 Jahren für unvermeidlich. Und im Jahr 2001 attestierte Merz
dem Sozialsystem die schlimmste Krise seit Jahrzehnten.
Apokalypse jetzt. Es gibt Hunderte solcher Zitate. Dass Sozialstaat und
Rentensystem zusammenbrechen – und nur Aktien und Privatisierung uns vor
dem Crash retten – ist der Evergreen neoliberaler Propaganda.
Doch mit diesen immer im Brustton der Überzeugung vorgetragenen Vorhersagen
verhält es sich wie mit dem apokalyptischen Bewusstsein im 16. Jahrhundert.
Damals glaubten alle fest daran, dass das Jüngste Gericht bevorsteht. Alle
Jahre wieder tauchten Prediger auf, die den Weltuntergang datierten. Dass
der dann regelmäßig ausblieb, erschütterte den Glauben an die Apokalypse
keineswegs. So ähnlich verhält es sich mit den Untergangsprognosen für das
Rentensystem. Ein Unterschied: Die Prediger galten im 16. Jahrhundert nach
dem ausgefallenen Weltuntergang als Scharlatane. Die Auguren des Crashs des
Sozialsystems sitzen noch immer in den Talkshows.
## Maximal miese Laune, obwohl die Lage gar nicht so übel ist
Es stimmt: Die Boomer gehen in Rente. Und es gibt weniger Jüngere, die
arbeiten. Das setzt das System unter Stress, nicht für immer, aber für die
2030er Jahre. Der Verteilungskampf wird härter. Doch ein Kollaps des
Rentensystems steht nicht vor der Tür. [1][Der Rentenversicherungsbericht
aus dem Arbeitsministerium prognostiziert, dass das System in den nächsten
15 Jahren stabil bleiben wird.] Weitreichendere Vorhersagen sind sowieso
unseriös: Wer weiß schon, wie viel Zuwanderung es 2040 gibt oder wie viele
Frauen arbeiten werden? Es gibt verschiedene Stellschrauben, die im System
bewegt werden könnten, um bis 2040 eine einigermaßen solide Rente zu
gewährleisten. Der Steuerzuschuss oder die Beiträge können moderat steigen,
das Rentenalter kann moderat erhöht werden. Oder alles drei.
Indes wirkt die Debatte um die Rente ziemlich deutsch: maximal miese Laune,
obwohl die Lage gar nicht so übel ist. Sie passt auch in die dystopische
Grundstimmung. Doch Deutschland hat ein solides Rentensystem. Es ist
robuster als stärker kapitalgedeckte Systeme wie das in den USA, in denen
jede Finanzkrise die Alterssicherung von Millionen pulverisieren kann.
Die derzeitige Debatte mag zudem den Eindruck erwecken, dass das hiesige
Rentensystem von staatsfixierten Linken erfunden wurde. Nicht ganz. Das
deutsche Rentensystem verdanken wir den überragenden Konservativen des 19.
und 20. Jahrhunderts, Otto von Bismarck und Konrad Adenauer. Der
CDU-Kanzler sah in der dynamischen Altersrente 1957 einen „sozialen
Fortschritt allerersten Ranges“ und wahrscheinlich auch, wie Bismarck, ein
Mittel, um revolutionäre Stimmungen zu dämpfen. Adenauers Konterpart war
Ludwig Erhard, der das Copyright auf die neoliberale Nörgelei am
Rentensystem hat. Diese Sozialpolitik, so Erhard grimmig, „zerstört die
gute Ordnung“ und führt eine „staatliche Zwangsbürgerversorgung“ ein.
Adenauer setzte die Rentenreform 1957 zusammen mit der SPD gegen Erhard
durch.
Auch das war stilbildend. Seitdem ist die Rentenpolitik in der
Bundesrepublik Konsenspolitik. Rentenreformen werden in Wahlkämpfen, wenn
überhaupt, nur niedertourig thematisiert. Mag sein, dass die
bundesrepublikanische Fixierung auf die Mitte immer etwas Ängstliches, auch
Unpolitisches hatte. Aber Rentenpolitik ist ein verhetzbares Thema voll
emotional aufgeladener Bilder: Die Jüngeren, die bis aufs Blut
ausgeplündert werden, die Alten, denen bittere Armut droht oder die das
Geld der Jüngeren auf Mallorca verprassen.
## Was fehlt, ist Führung ohne Pessimismus
Die Idee, Rentenpolitik in der politischen Mitte zu lösen, war nicht der
schlechteste Teil der politischen Kultur der Bundesrepublik. Die Rente mit
67, eine einschneidende Änderung des Systems, setzte 50 Jahre nach Adenauer
übrigens nicht die CDU, sondern der SPD-Mann Franz Müntefering durch. Wenn
Schwarz-Rot jetzt keinen Rentenkompromiss zustande bekommt und an der
Erpressung von einem Dutzend jungen Unionsabgeordneten scheitert, dann wäre
das auch Zeichen eines bedenklichen Ausfransens dieser Konsenskultur.
Was derzeit fehlt, ist politische Führung ohne Pessimismus, die ein paar
Dinge gerade rückt. Neoliberale wie Veronika Grimm kritisieren, dass der
Steuerzuschuss in die Rente immer weiter wächst – ein beliebtes Angstbild,
das zeigen soll, wie unbrauchbar das Rentensystem als Versicherung ist.
Doch schon bei Bismarck gab es einen solchen staatlichen Zuschuss, um das
System am Laufen zu halten. Außerdem ist das Schreckbild der Rente, die
immer mehr Steuern frisst, weil die Alten sie verpulvern, schlicht falsch.
Jedenfalls wenn man nicht die absoluten Zahlen anschaut, sondern den
prozentualen Anteil an den Staatseinnahmen.
Der ist seit [2][30 Jahren mehr oder weniger gleich und schwankt bezogen
auf das gesamte Steueraufkommen zwischen 10 und 13 Prozent.] Es wäre
erfreulich, wenn Merz sich offensiv als Erbe Adenauers outen würde, anstatt
die immer gleichen neoliberalen Suggestionen vom baldigen Verfall zu
bedienen. Höhere Steuerzuschüsse wären künftig gerechter als höhere
Beiträge für Arbeitnehmer – denn Arbeit ist in Deutschland teuer genug.
Es gibt noch mehr Unwuchten, die die Rentenkommission korrigieren muss.
Gerecht wäre, wenn mehr einzahlen. Beamte sollten ihr Pensionsprivileg
verlieren. Das bringt nicht kurz-, aber langfristig etwas für die
Rentenkasse. Die Junge Union ist erfreulicherweise offen für die Idee,
Beamte in das Rentensystem einzubeziehen. Eine krasse Ungerechtigkeit ist
zudem, dass das Rentensystem nicht Reichere benachteiligt, sondern Ärmere.
Denn die sterben wesentlich früher als Wohlhabende. Deshalb ist die Rente
für sie ein schlechteres Geschäft. Das ist bekannt, aber eine Änderung ist
wie alles bei der Rente komplex. Denn Rente funktioniert auch wie eine
Versicherung, in der Einzelne und nicht Gruppen Ansprüche erwerben.
Dass Ärmere im Vergleich zu Besserverdienern mehr einzahlen, als sie
bekommen, ist ein Missstand, der die Akzeptanz des Rentensystems gefährdet.
Warum dürfen Altenpfleger oder Erzieherinnen nicht früher in Rente gehen?
Oder man verändert das System so, dass Ärmere mehr Rente bekommen als jetzt
und Besserverdiener weniger? Eine Reform, die das schafft und vor dem
Bundesverfassungsgericht besteht, ist den Schweiß der Edlen wert.
24 Nov 2025
## LINKS
(DIR) [1] https://www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/Rente/rentenversicherungsbericht-2025.pdf?__blob=publicationFile&v=2
(DIR) [2] https://www.wsi.de/de/blog-17857-die-wahrheit-warum-bundeszuschuesse-zur-rentenversicherung-richtig-sind-63218.htm
## AUTOREN
(DIR) Stefan Reinecke
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