# taz.de -- Surrealismus und Antifaschismus: Unter der Schablone wächst es wild
       
       > Was kommt raus, wenn die Kunst des Surrealismus als politische Bewegung
       > gedeutet wird, wie es jetzt das Lenbachhaus München in einer Ausstellung
       > tut?
       
 (IMG) Bild: Lee Miller: „Explosion zollt verdienten Tribut an das Gas Light & Coke Company-Markenzeichen, Mr. Therm, England, 1940“ (Ausschnitt)
       
       Für viele ist der Surrealismus wohl eher ein kitsch-ästhetisches
       Psychedelikum, wenn man etwa an Salvador Dalís Taschenuhren denkt, die auf
       seinen Bildern in irritierenden Landschaften wegschmelzen wie eine Scheibe
       erhitzter Raclettekäse. Da mag die Ausstellung „Aber hier leben? Nein
       danke. Surrealismus + Antifaschismus“ im Kunstbau des Lenbachhauses München
       überraschen. Denn in dieser Schau [1][wird der Surrealismus nicht mehr als
       ein künstlerisch-literarischer Stil] der Moderne dargestellt, sondern als
       „politisierte Bewegung von internationaler Reichweite und
       internationalistischen Überzeugungen“, so der Pressetext.
       
       Ein interessanter Ansatz. Es stimmt, der vor einhundert Jahren im ersten
       Manifest von André Breton wortreich ins Leben gerufene Surrealismus sollte,
       ähnlich wie zuvor Dada, die herrschenden Verhältnisse überwinden. Kunst und
       Literatur waren dafür allenfalls ein Mittel. Ein „psychischer
       Automatismus“, so Breton, sei der Surrealismus, oder ein „Denk-Diktat ohne
       jede Kontrolle durch die Vernunft, jenseits jeder ästhetischen oder
       ethischen Überlegung“. Die einfachste surrealistische Handlung, schreibt
       der französische Schriftsteller wenige Jahre später, bestehe darin, „mit
       Revolvern in den Fäusten auf die Straße zu gehen und blindlings so viel wie
       möglich in die Menge zu schießen“.
       
       Nicht, dass dies Rezept wörtlich zu nehmen wäre, doch die Geschichte der
       surrealistischen Bewegung ist von öffentlichen Skandalen, Positionskämpfen
       und teils handfest ausgetragenen Konflikten über künstlerische wie
       politische Standpunkte nicht zu trennen.
       
       Der Surrealismus als revolutionäre Kraft geriet dann auch schnell in
       Konkurrenz zur Moskau-gesteuerten Kommunistischen Internationalen. Die
       Komintern beharrte auf eine proletarische „Weltrevolution“ zur Überwindung
       der Verhältnisse. Die Surrealisten wollten jedoch nicht nur die Welt
       revolutionieren, sondern auch das Leben, gespeist aus Karl Marx’
       historischem Materialismus, Arthur Rimbauds poetischer Erfahrung und
       [2][Sigmund Freuds psychoanalytischen Schriften]. Sie strebten an, was der
       Literaturwissenschaftler Peter Bürger als Hauptmerkmal der großen Projekte
       der Avantgarde ausgemacht hat: Die Kunst in Lebenspraxis aufgehen zu
       lassen. Schade, dass das dreiköpfige Kuratorenteam in München um Stephanie
       Weber seine Revision des politischen Engagements der Surrealisten
       ausgerechnet am alten Kampfbegriff des Antifaschismus ausrichtet. Der hatte
       besonders während der Stalinisierung der 1920er Jahre Konjunktur.
       
       ## Die heraufdämmernden Faschismen in Europa
       
       Es gibt Überschneidungen: Für die heraufdämmernden Faschismen in Italien
       und Spanien und vor allem für den Nationalsozialismus hatten die
       Surrealisten nur wenig übrig. Früh traten die Akteure des Surrealismus auch
       gegen den Kolonialismus an, etwa als Fürsprecher der nordafrikanischen
       Rifkabylen in einem Aufstand, den die Kolonialarmeen Frankreichs und
       Spaniens auch mit chemischen Waffen niederwarfen. Unter den zahlreichen
       Dokumenten, die die Schau aus der vierzigjährigen Geschichte der Bewegung
       zeigt, sticht ein Flugblatt heraus. Das annonciert eine surrealistische
       Gegenausstellung zur offiziellen „Exposition coloniale internationale“, die
       von Mai bis September 1931 in Paris stattfand. Darauf ein markiges
       Marx-Zitat vor lieblos aufgereihten afrikanischen Skulpturen: „Ein Volk,
       das andere unterdrückt, kann sich selbst nicht befreien!“
       
       Trotzdem gerieten die Surrealisten schnell mit den parteiisch organisierten
       Kommunisten Frankreichs in Konflikt, nicht zuletzt mit dem [3][autoritären
       Führungsanspruch Stalins]. Fast wäre die Pariser Gruppe um André Breton
       Ende der 1920er Jahre im Richtungsstreit darüber zerbrochen, wie man sich
       einen „Surrealismus im Dienst der Revolution“ genau vorzustellen habe. 1938
       traf sich Breton mit Leo Trotzki in dessen Exil in Mexiko. Ergebnis ist die
       gemeinsam verfasste Kurskorrektur „Pour un art révolutionnaire
       indépendent“. Aber: Hatte sich nicht auch die tschechische Gruppe in Karl
       Teiges Manifest „Surrealismus gegen den Strom“ um Abgrenzung nach zwei
       Seiten, gegen Nazis wie Stalinisten, bemüht? Diese Schrift findet sich
       leider nicht in der sonst recht üppig bestückten Schau.
       
       Um die historischen Umstände und politischen Feinheiten ist die Münchener
       Ausstellung eher unbekümmert. Stattdessen stellt sie in einem kleinteiligen
       Lehrpfad die Kunst der Surrealisten und ihre Aktivitäten gegenüber, die sie
       meist pauschal als „antifaschistisch“ deklariert. In räumlich voneinander
       abgesetzten Kapiteln – zum Beispiel „Gespenster in Prag“, „Zoff in Paris“
       oder „Exile“ – werden Schlüsselszenen und Nebenwege aus der vier Jahrzehnte
       überspannenden Geschichte der Bewegung bearbeitet. Was den Surrealismus zur
       einflussreichsten Avantgardebewegung der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts
       gemacht hat, scheint dabei nur indirekt auf.
       
       Fast vierhundert Exponate [4][fährt das Lenbachhaus] im Kunstbau auf,
       darunter Dokumente, Bücher und Zeitschriften. Etwa von der obskuren
       Widerstandszelle „La Main à plume“ mit ihrer riskanten Engführung von
       Poesie und Widerstand im von den Nazis besetzten Paris. Oder die
       handgeschriebenen „Paper Bullets“, [5][die Fotografin Claude Cahun] mit
       ihrer Partnerin Marcel Moore während des erzwungenen Aufenthalts auf der
       Kanalinsel Jersey Anfang der 1940er Jahre verbreitete: „Lasst eure
       Maschinen langsamer gehen/Verderbt sie verstohlenerweise“ heißt es auf
       einem der mit Bleistift oder Schreibmaschine beschriebenen Zettelchen, die
       als subversive Botschaften an die dort stationierten Wehrmachtsoldaten
       gerichtet waren. Solche Zeugnisse aktiven Widerstands unter prekären
       Bedingungen erlauben einen neuen Blick auf das Werk Cahuns. Bislang ist sie
       eher für ihre Fotos und Fotomontagen bekannt, in denen sie sich gegen
       Geschlechtszuschreibungen und Rollenbilder zur Wehr setzt. 1944 werden
       Cahun und Moore von der Gestapo verhaftet. Das Kriegsende verhindert ihre
       Hinrichtung.
       
       ## Das Klischee des Traumbilds
       
       Das Lenbachhaus hat keine Blockbuster-Schau eingerichtet, das ist ihm hoch
       anzurechnen. Die berühmten Protagonisten des Surrealismus – Salvador Dalí,
       Joan Miró oder René Magritte –, die sonst lange Besucherschlangen vorm
       Museum garantieren würden, tauchen kaum auf. Ein einsames Gemälde von
       [6][René Magritte] in der Ausstellung entspricht dann auch ziemlich dem
       Klischee des surrealistischen Traumbilds: „L’ombre terrestre“ (1928) zeigt
       einen Dinosaurier mit menschlichen Füßen in einer leeren, bühnenhaften
       Landschaft.
       
       In den Fokus der Schau rücken mit Victor Brauner, Leonora Carrington,
       Jacques Herold, Wilfredo Lam, [7][Lee Miller], Wolfgang Paalen, Jindřich
       Štyrský oder Remedios Varo stattdessen die Nebenfiguren. Sie machen auch
       deutlich, warum die Kunst des Surrealismus zu solch einem Wildwuchs
       tendiert: Die unkontrollierten Gesten von André Masson geben einen
       Vorgeschmack auf die abstrakte Nachkriegsmalerei eines Jackson Pollock, die
       B-Movie-reifen Angstszenarien von Leonora Carrington hängen ihre Gemälde
       selbstbewusst zwischen Akademismus und Hobbykunst ein und die tschechischen
       Surrealisten Štyrský und Toyen verbacken spontan aufgestrichene, dicke
       Farbmasse, ohne Rücksicht auf Geschmack oder Stil, zu amorphen
       Aquarienlandschaften. Ihre Freakiness blieb kunsthistorisch eher folgenlos.
       Ausführlich wird der Österreicher Wolfgang Paalen vorgestellt. Er nutzte
       abgelagerten Ruß als Malmittel, auch fumage genannt, und arbeitete im
       mexikanischen Exil an einer Philosophie, die indigene Kunst mit
       Quantentheorie kombinierte.
       
       Es ist also vieles neu zu entdecken in dieser Ausstellung. Und das, obwohl
       das politästhetische Potenzial des Surrealismus auch in Deutschland seit
       Langem erforscht und kritisch diskutiert wird. Mit seinen dicht bestückten
       Vitrinen- und Regaldisplays fehlt der Ausstellung aber eine gewisse
       Sensibilität gegenüber der Kunst und dem Publikum. Der Sinn des Münchner
       Großprojekts erschließt sich am besten für diejenigen, die schon wissen,
       wonach sie suchen.
       
       26 Oct 2024
       
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