# taz.de -- Münchner Ausstellung „Antifascism: Now“: Wo geht's zur Mitte der Gesellschaft?
> Streitbar ist die Münchner Gruppenschau „Antifascism: Now“ mit Arbeiten
> heutiger Künstler:innen. Und dringlich, wie eine „Nius“-AfD-Attacke
> zeigt.
(IMG) Bild: Schon auf den Münchener Straßen zu sehen: „Seeking for a Person“ von Bojan Stojčić im Schaufenster des Lothringer 13
Schon auf der Straße im Münchner Stadtteil Haidhausen beginnt die
Ausstellung. Im Schaufenster der Kunsthalle Lothringer 13 hängt eine
riesige Kontaktanzeige: „Mann (37) aus Sarajevo, Bosnien und Herzegowina,
sucht eine Person, mit der er über Antifaschismus diskutieren kann“,
darunter eine Telefonnummer. Die Anzeige, ein Projekt des Künstlers Bojan
Stojčić, wurde auch in Lokalzeitungen geschaltet – und erhielt viele
Antworten. Diskussionsbedarf beim Thema Antifaschismus besteht also.
Für Kalas Liebfried, seit einem Jahr künstlerischer Leiter der Lothringer
13, ist das Thema dringlich, denn rechte und autoritäre Stimmen werden
immer lauter. Seine Ausstellung „Antifascism: Now“, zu der Stojčić’
Anzeigen gehören, ist gerade zur [1][Angriffsfläche für rechte Agitation]
geworden. Kürzlich erschien beim rechten Online-Medium Nius ein Artikel mit
dem Vorwurf, die öffentlich geförderte Schau rufe zu Gewalt auf. Man müsse
ihr die Mittel streichen, so die Forderung im Subtext. Das passt allzu gut
ins kulturpolitische Programm der AfD. Die Partei griff den Artikel auf,
hetzte über ihre Kanäle weiter.
Die Folgen fürs Kunsthaus Lothringer 13 waren konkret: „Leute standen bei
uns, stellten seltsame Fragen, bedrängten meine Mitarbeiter, scannten die
Räume ab“, berichtet Liebfried. „Am Wochenende kamen zwei Gestalten mit
neonazistischen Symbolen auf der Kleidung.“ Die Polizei wurde alarmiert.
Gleich zu Beginn der Ausstellung hängen großformatige Fahnen mit dem
historischen Symbol der Drei Pfeile. Das polnische Kollektiv Office for
Postartistic Services hat das 1931 für die Eiserne Front entworfene Zeichen
aus seinem agitatorischen Ursprung gelöst und in eine zeitgenössische
Bildsprache übersetzt, verwendet Regenbogenverläufe und andere queere
Symbole.
## Groteske Gleichstellung
Ausgerechnet diese Fahnen wurden zur Zielscheibe des Nius-Autors. Der
verglich die Eiserne Front, die sich als Bündnis für die Demokratie in der
Weimarer Republik gegen Nazis, Kommunisten und Monarchisten richtete,
fälschlicherweise mit der SA – eine groteske Gleichsetzung und Strategie,
antifaschistische Positionen zu delegitimieren. Dabei ist es das Ansinnen
der Ausstellungsmacher, Antifaschismus breiter aufzustellen, ihn nicht nur
als linke Identität verstanden zu wissen, sondern als anknüpfungsfähig auch
für die Mitte der Gesellschaft.
Wie die wortlosen chassidischen Gesänge, die Nigunim, die durch die Halle
der Lothringer 13 klingen. Talya Feldmann begreift in ihrer
Soundinstallation „Sonics of their Living“ die menschliche Stimme als
Mittel des Widerstands. Sie bezieht sich darin auf einen bis heute nicht
ganz aufgearbeiteten Brandanschlag von 1970 auf ein Altenheim nahe der
Synagoge Reichenbachstraße in München. Nach mehr als 50 Jahren steht der
Fall nun vor der Aufklärung, die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft
konzentrieren sich auf einen 2020 gestorbenen vorbestraften
Rechtsextremisten.
Besonders aufrüttelnd sind in der Ausstellung die scheinbar harmlosen
Postkarten von Lexi Fleurs und Nikol Goldman. Darauf sind abgefangene
Telefonate russischer Soldaten aus dem aktuellen Krieg in der Ukraine
transkribiert. Kriegsverbrechen – Plünderungen, Vergewaltigungen, Tötungen
– werden nur beiläufig geschildert. Fleurs und Goldmann fügten reale
Objekte getöteter russischer Soldaten und Täter hinzu: Helm, Stiefel,
Uniformteile aus dem ukrainischen Isjum, wo Massengräber mit Hunderten
zivilen Opfern entdeckt wurden. „There Are No Evil People in the World“
heißt ihre Installation, ein bitter ironischer Titel.
## Emanzipatorische Politik im Krieg
Auch Aquarelle von Davyd Chychkan sind ausgestellt, [2][Chychkan fiel im
Sommer 2025 an der ukrainischen Front]. Seine Bilder zeigen uniformierte
Soldaten in Kampfszenen, dazu bunte Bänder in Regenbogenfarben oder
schwarz-rote Fahnen der anarchistischen Bewegung. Chychkan zeigte
antiautoritäre Linke in den Reihen der ukrainischen Armee, die sich
weigerten, emanzipatorische Politik im Krieg aufzugeben.
Unter dem Titel „13 Scores Against Tech Fascism“ sind Projekte [3][gegen
technologische Kontrolle versammelt]. Ein mithilfe von KI umgeschriebenes
Buch des ultrakonservativen Jordan Peterson etwa, das von einem linken
Kollektiv in Bibliotheken eingeschleust wurde. Oder „Mij (The Fog)“. Das
ist der Prototyp für ein mobiles Verteidigungssystem gegen türkische
Drohnen aus der kurdischen Region Rojava in Syrien. Die Figur stellt die
lokale antike Gottheit Ninurta dar, aus ihrem Mund kommt Nebel, der die
Zielerfassung von Angriffsdrohnen stören soll.
Die Münchner Ausstellung ist durchwachsen. Liebfried und sein
Kuratoren-Team beziehen sich zentral auf den Kulturtheoretiker Alberto
Toscano und seine Arbeit zum Spätfaschismus, der Faschismus nicht als
historische Analogie, sondern als wandelbaren, in Kolonialismus und
Kapitalismus verwurzelten Prozess begreift.
In einer Ecke ließ der Künstler Hussein al-Jerjawi symbolisch Hilfssäcke
für den Gazastreifen aufstapeln, unweit davon sind Arbeiten über die
Bombardierung ukrainischer Städte zu sehen. Eine unglückliche Parallele:
Kann man Russlands imperialen Angriffskrieg auf die Ukraine mit dem Krieg
in Gaza nach den Terrorangriffen des 7. Oktober 2023 vergleichen?
## Wo bleibt die Kritik an der Korruption?
Gerade der Ansatz, Antifaschismus in die gesellschaftliche Mitte zu rücken,
hätte Bezüge jenseits postkolonialer, linker Theorien nahegelegt. [4][Anne
Applebaum] etwa zeigte in ihrem Buch „Autocracy Inc.“ kürzlich, dass
Autokratie wie ein globales Korruptionsökosystem funktioniert. Eine solche
Perspektive hätte die Ausstellung breiter vermittelbar gemacht.
„Antifascism: Now“ ist eine bisweilen streitbare, aber auch eine notwendige
Ausstellung. Sie stiftet Diskussionen. Das ist gut, denn Antifaschismus ist
nicht bloß historische Erinnerung, sondern notwendige gegenwärtige Praxis.
17 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Chris Schinke
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