# taz.de -- Nach Corona-Stopp: Union will wieder abschieben
       
       > Die Innenminister von CDU und CSU wollen nach dem pandemiebedingten
       > Abschiebestopp bald wieder ausweisen – sogar nach Syrien.
       
 (IMG) Bild: Drohen bald wieder: Abschiebungen wie hier vom Flughafen Leipzig-Halle nach Afghanistan 2019
       
       Berlin taz Es ist ein pandemiebedingter Abschiebestopp: Seit Wochen finden
       fast keine Ausweisungen von Geflüchteten aus Deutschland mehr statt. Nun
       aber sollen die Abschiebungen wieder anlaufen. Bundesinnenminister Horst
       Seehofer (CSU) und einige Länder machen hier Druck.
       
       Nach taz-Informationen wird das Thema auf der am Mittwoch beginnenden
       Innenministerkonferenz (IMK) in Erfurt besprochen. Seehofer soll dort laut
       Tagesordnung vortragen, „in welchen Schritten und in welchem zeitlichen
       Rahmen mit der Wiederaufnahme der Dublin-Rücküberstellungen und der
       Abschiebungen gerechnet werden kann“. Wie das BMI auf taz-Anfrage mitteilt,
       gab es im März 923 Abschiebungen, im April 30. Die Zahlen für Mai liegen
       noch nicht vor. Ein Sprecher Seehofers sagte der taz, dass die
       Rückführungen „langsam wieder anlaufen sollen“, vor allem bei Gefährdern
       und Straftätern.
       
       Die Position wird vor allem von den unionsregierten Ländern geteilt. Er
       gehe davon aus, dass sich im zweiten Halbjahr der Luftverkehr intensivieren
       werde und Rückführungen wieder möglich seien, sagte Bayerns Innenminister
       Joachim Herrmann (CSU). Pro Asyl dagegen besteht auf der Verlängerung
       [1][coronabedingter Abschiebestopps]. Die Pandemie sei noch immer nicht
       vorbei, in manchen Ländern im globalen Süden stünde diese erst am Anfang,
       warnt der Verband. Die IMK dürfe „nicht auf ein schnelles business as usual
       bei Abschiebungen drängen“.
       
       In Erfurt wird auch erneut über [2][Abschiebungen nach Syrien] diskutiert.
       Umgesetzt werden diese wegen des dortigen Bürgerkriegs seit Jahren nicht,
       Deutschland unterhält dort seit 2012 keine Botschaft mehr. Zuletzt wurde
       der Abschiebestopp nach Syrien halbjährlich verlängert.
       Geflüchtetenverbände fordern nun einen unbefristeten Abschiebestopp für
       Syrien.
       
       ## Entscheidung nach Einzelfall
       
       Die CDU-Innenminister möchten dagegen, dass zumindest die Abschiebung von
       Gefährdern, Intensivstraftätern oder Heimatbesuchern nach Syrien künftig
       wieder möglich sein soll. Bereits auf der vergangenen IMK im Dezember wurde
       das Bundesinnenministerium per Beschluss auch mit SPD-Stimmen gebeten,
       Voraussetzungen zu schaffen, um Abschiebungen solcher Personen „bei
       differenzierter Betrachtung im Einzelfall möglich zu machen“.
       
       Noch aber ist es nicht so weit: Für das Treffen in Erfurt einigten sich die
       Innenminister nach taz-Informationen in Vorgesprächen, den
       Syrien-Abschiebestopp erneut um ein halbes Jahr zu verlängern. Das
       bekräftigte am Sonntag auch Georg Maier (SPD), Thüringens Innenminister und
       in diesem Jahr Vorsitzender der IMK: „Ich kann doch beim besten Willen
       nicht Leute dorthin abschieben, wo ein Terrorregime herrscht“, sagte er
       der taz.
       
       Für Svenja Borgschulte von der [3][Organisation Adopt a Revolution] ist die
       Gefahr damit nicht gebannt. „Das Problem ist auch der Diskurs an sich. Es
       wird in den Raum gestellt, dass es sicher sei, nach Syrien abzuschieben“,
       sagt sie.
       
       Streit dürfte es auf der IMK über die Aufnahme von weiteren Geflüchteten
       geben, die seit Monaten in überfüllten Lagern in Griechenland festsitzen.
       Anfang März hatten sich die EU-Innenminister nach langem Zögern geeinigt,
       bis zu 1.600 kranke oder unbegleitete Kinder und Jugendlicher aus den
       Lagern aufzunehmen, 350 davon durch Deutschland. Mitte April waren die
       ersten 47 Kinder hier eingetroffen. Seehofer kündigte zuletzt an, demnächst
       weitere 243 Kinder einzufliegen.
       
       ## Länder wollen mehr Geflüchtete aufnehmen
       
       Einige Länder aber wollen mehr. So beschloss erst zu Monatsbeginn Thüringen
       ein eigenes Landesaufnahmeprogramm: Bis Ende 2022 will man dort [4][bis zu
       500 Geflüchteten aus Griechenland] eine humanitäre Aufenthaltserlaubnis
       erteilen. Auch Berlin bot Seehofer zuletzt an, mindestens 70 Kinder
       aufzunehmen. Seehofer aber lehnt das bislang ab.
       
       Das Ringen wird sich nun auf der IMK fortsetzen. So wollen die
       SPD-Innenminister dort einen Beschluss fällen, „Solidarität mit
       Griechenland und mit in Not geratenen Flüchtlingen, besonders Angehörigen
       vulnerabler Gruppen wie Minderjährigen, zu zeigen“. Und: „Die Bereitschaft
       einzelner Länder zur Aufnahme besonders schutzbedürftiger Personengruppen
       wird besonders betont.“
       
       Diesen Satz aber wollen die Unionsminister nach taz-Informationen nicht
       mittragen. Auch soll die Aufnahme nach ihrem Willen konkret auf
       „unbegleitete Minderjährige, kranke Kinder und ihre Kernfamilien“ begrenzt
       werden.
       
       Auch Seehofer mauert weiter. Die Migration sei ein europäisches Problem und
       müsse dort gelöst werden, betonte er zuletzt. Auch ein Sprecher betont die
       „klare Gesetzeslage“, wonach die Aufnahme von Geflüchteten der Bund regeln
       müsse. Der Berliner Innensenator Geisel (SPD) dagegen schrieb zuletzt an
       Seehofer, ein „mit Augenmaß initiiertes Sofortprogramm“ sei „nicht nur
       machbar, sondern ein klares Signal an Europa, dass die solidarische
       Übernahme von Verantwortung möglich“ ist.
       
       ## Kritik am Bund
       
       Thüringens grüner Migrationsminister Dirk Adams sagte der taz, auch er
       würde eine europäische Lösung immer vorziehen. „Aber das ist bis heute
       nicht geglückt – und diese Kraftprobe zwischen den EU-Staaten darf nicht
       auf dem Rücken der Menschen in den Lagern ausgetragen werden.“ Er wünsche
       sich, dass die Innenministerkonferenz das Recht der Länder unterstreicht,
       eigene Landesaufnahmeanordnungen wirksam zu machen.
       
       In der gerade von Thüringen beschlossen Anordnung heißt es mit Blick auf
       den Bund unmissverständlich: „Die Aufnahme von wenigen hundert Flüchtlingen
       durch Deutschland ist völlig unzureichend.“
       
       16 Jun 2020
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Gefluechtete-in-Europa/!5667913
 (DIR) [2] /Debatte-der-Innenminister/!5643898
 (DIR) [3] /Interview-mit-Adopt-a-Revolution/!5046457
 (DIR) [4] /Interview-mit-Adopt-a-Revolution/!5046457
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Dinah Riese
 (DIR) Konrad Litschko
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Asylpolitik
 (DIR) Horst Seehofer
 (DIR) Syrischer Bürgerkrieg
 (DIR) Innenministerkonferenz
 (DIR) Schwerpunkt Flucht
 (DIR) Abschiebung
 (DIR) Abschiebung
 (DIR) Racial Profiling
 (DIR) Andreas Geisel
 (DIR) CDU
 (DIR) Schwerpunkt Rassismus
 (DIR) Schwerpunkt Flucht
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Fünf Jahre „Wir schaffen das“: Geschafftes Land
       
       Am 31. August 2015 sprach Kanzlerin Angela Merkel ihre berühmten drei
       migrationspolitischen Worte. Heute ist von der Willkommenskultur wenig
       übrig.
       
 (DIR) EuGH-Entscheidung zu Abschiebehaft: Gefährder ins Gefängnis
       
       Der EuGH billigt die deutsche Rechtslage: Abzuschiebende Gefährder dürfen
       besser gesichert werden als andere Abschiebehäftlinge.
       
 (DIR) Abschiebung von Menschen: „Geisel lehnt zu viele Anträge ab“
       
       Wer ist Deutschlands Abschiebemeister-Minister? Der Berliner SPD-Politiker
       erreicht in einer Abstimmung unter Geflüchteten den zweiten Platz.
       
 (DIR) Berliner Antidiskriminierungsgesetz: Seehofer wittert Wahnsinn
       
       Vor der Konferenz der Innenminister wird der Berliner Vorstoß gegen
       staatliche Diskriminierung scharf kritisiert – vor allem von
       CSU-Politikern.
       
 (DIR) Senat will Geflüchtete aus Moria holen: Das Prinzip Hoffnung
       
       Berlin hat ein Landesprogramm für die Aufnahme von 300 Geflüchteten aus
       Griechenland beschlossen. Ob das mehr ist als Symbolpolitik, muss sich
       zeigen.
       
 (DIR) Nach dem Debakel um Kemmerich-Wahl: Großbaustelle Thüringen-CDU
       
       Nach monatelangen Turbulenzen ist in Thüringens Politik endlich Ruhe
       eingekehrt. Nur die Christdemokraten streiten sich weiter.
       
 (DIR) Berlins neues Antidiskriminierungsgesetz: Ein bundesweit einmaliger Vorstoß
       
       Mit dem am Donnerstag vom Abgeordnetenhaus beschlossenen LADG können
       Betroffene erstmals gegen Behördenrassismus klagen.
       
 (DIR) Pläne der Landesregierung Thüringen: 500 Flüchtlinge sollen kommen
       
       Thüringen will Flüchtlinge aus den griechischen Lagern aufnehmen. Der Plan
       der Minderheitsregierung stößt bei der Opposition auf Ablehnung.