# taz.de -- Handelskonflikt: Gegen China will die EU schneller schießen können
       
       > Um unfaire Handelspraktiken Pekings zu stoppen, soll die EU künftig ein
       > Land vom Binnenmarkt ausschließen dürfen. Fachleute sprechen von
       > „Nuklearoption“.
       
 (IMG) Bild: Innovative Autos von BYD auf der Automesse in Shenzhen. Chinesische Autobauer haben durch unfaire Handelspraktiken Vorteile
       
       Deutschland und Frankreich bereiten die EU auf einen knallharten
       [1][Handelskonflikt] mit China vor. Um unfaire Handelspraktiken Pekings zu
       stoppen, soll die EU-Kommission künftig die Möglichkeit erhalten, ein Land
       komplett vom europäischen Binnenmarkt auszuschließen. Dafür wollen Kanzler
       Friedrich Merz und Präsident Emmanuel Macron sogar ein neues Eilverfahren
       einführen.
       
       Dies geht aus einem gemeinsamen Brief hervor, den Merz und Macron an
       EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen geschickt haben. Die
       CDU-Politikerin bereitet derzeit ihre Antwort auf den „[2][China-Schock
       2.0]“ vor, der die deutsche und europäische Industrie schwer in
       Mitleidenschaft zieht. Der deutsch-französische Vorstoß ist dabei aber nur
       ein, wenn auch wichtiges Element.
       
       Bevor es in Brüssel zu Entscheidungen kommt, will Handelskommissar Maroš
       Šefčovič an diesem Donnerstag nach Peking reisen, um mit seinem
       Amtskollegen Wang Wentao über mögliche [3][chinesische Zugeständnisse] zu
       sprechen. In der kommenden Woche findet außerdem der EU-Gipfel in Brüssel
       statt. Merz und Macron werden ihre Ideen verteidigen müssen – nicht alle
       EU-Länder sind auf Anti-China-Kurs.
       
       So haben sich Spanien und Ungarn gegen einen Handelskrieg und für
       Kompromisse ausgesprochen. Auch Šefčovič klang vor seinem Trip nach Peking
       nicht sehr kämpferisch. Er sei optimistisch, dass seine Reise Früchte
       tragen werde: „Man muss daran glauben, dass man etwas erreichen kann, sonst
       sollte man besser gar nicht erst hinfahren.“ Allerdings sei die Kommission
       „noch lange nicht am Ziel“.
       
       ## Experten sprechen von „Kill-Switch“ oder „Nuklearoptionen“
       
       Der deutsch-französische Brief könnte Šefčovič nun helfen, die Chinesen zu
       Zugeständnissen zu bewegen. Er wäre dann vor allem ein taktisches Manöver,
       um Druck aufzubauen. Die Vorschläge klingen indes eher so, als wollten sich
       Deutschland und Frankreich auf eine gewaltige Schlacht vorbereiten.
       Experten sprechen von „Kill-Switch“ („Notausschalter“) oder
       „Nuklearoptionen“ – wie im Atomkrieg.
       
       Die Auswirkungen wären drastisch. Die neue „Zweitschlagskapazität“, von der
       deutsche EU-Kreise reden, soll zur Anwendung kommen, wenn ein Land –
       gemeint ist China – neue Zölle verhängt oder Barrieren aufbaut, etwa beim
       [4][Zugang zu seltenen Erden]. In diesem Fall soll die EU-Kommission den
       Zugang zum europäischen Binnenmarkt stoppen können – nicht für einzelne
       Produkte oder Branchen, sondern gleich für das gesamte Land.
       
       Diese extreme Maßnahme soll im Eilverfahren – die Rede ist von wenigen
       Tagen – verhängt werden. Zudem soll die EU schneller Strafzölle erlassen.
       Bisher brauchte Brüssel für Gegenmaßnahmen sehr viel Zeit. Merz und Macron
       fordern nun, der EU-Kommission freie Hand zu geben. Ihre Entscheidungen
       sollen nur noch mit einer qualifizierten Mehrheit gestoppt werden – und das
       auch nur nachträglich.
       
       Die neue harte Linie ist aus mehreren Gründen bemerkenswert. Zum einen
       stand Merz bisher eher für Nachgiebigkeit in der Chinapolitik. Beim letzten
       EU-Gipfel warnte er noch vor einem Handelskrieg – das ist nun offenbar
       vorbei. Macron hat sich mit seinen protektionistischen Forderungen
       durchgesetzt – auch gegen die deutsche Autoindustrie, die lange auf der
       Bremse stand.
       
       ## Bislang ist Brüssel vor scharfen Waffen zurückgeschreckt
       
       Zum anderen verfügt die EU bereits jetzt über scharfe handelspolitische
       Waffen, die allerdings noch nie erprobt wurden. Dies gilt vor allem für das
       sogenannte Anti-Coercion-Instrument ACI. Es war 2023 eingeführt worden und
       sieht bereits die Möglichkeit vor, Gegenzölle zu verhängen und den Zugang
       zum Binnenmarkt zu beschränken.
       
       Das ACI hätte schon mehrfach zum Einsatz kommen können, zuletzt im Zoll-
       und Handelsstreit mit US-Präsident Donald Trump. Doch Brüssel ist davor
       zurückgeschreckt. Warum die Europäer nun ganz schnell eine noch schärfere
       Waffe brauchen, ist unklar. Offenbar ist sie speziell für China gedacht –
       doch das will man nicht zugeben. Die neuen Vorschläge seien „agnostisch“,
       hieß es in Berlin.
       
       Zu gut Deutsch: Sie sind nicht auf ein bestimmtes Land gemünzt. Das würde
       nämlich dem Handelsrecht widersprechen und käme einer Wirtschaftssanktion
       gleich. Über Sanktionen kann die EU aber nur einstimmig entscheiden – das
       wollen Merz und Macron verhindern. Sanktionen gegen Russland waren immer
       wieder am Veto einzelner EU-Länder gescheitert. Gegen China will man
       schneller schießen.
       
       6 Oct 2026
       
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