# taz.de -- NRW-Ministerpräsident in der Türkei: Wüst „dankbar“ für Austausch mit Erdoğan
       
       > Dem Regierungschef aus Nordrhein-Westfalen geht es bei seinem
       > Türkeibesuch um die Wirtschaft. Und was ist mit seinen Ambitionen,
       > Kanzler zu werden?
       
 (IMG) Bild: Hendrik Wüst trifft sich mit dem türkischen Minister für Industrie und Technologie, Mehmet Fatih Kacır
       
       Erwartungen managen, das kann Hendrik Wüst besser als der Kanzler: Der
       nordrhein-westfälische CDU-Ministerpräsident, der als Merz' Nachfolger
       gehandelt wird, hängt die Latte erst einmal niedrig, um dann höher zu
       springen. Von Montag bis Mittwoch hält er sich mit einer Wirtschafts- und
       Pressedelegation in der Türkei auf. Offiziell zum 65. Jahrestag des
       Anwerbeabkommens und als Interessenvertreter Nordrhein-Westfalens.
       
       Doch am Montag in Ankara wurde er gleich von Staatspräsident Recep Tayyip
       Erdoğan empfangen. Das Treffen dauerte rund 90 Minuten. Erdoğan sei sehr
       interessiert an der [1][innenpolitischen Lage in Deutschland] und an den
       [2][jüngsten Wahlergebnissen], berichtete Wüst im Anschluss. „Insofern habe
       ich mich sehr darüber gefreut und war dankbar für den Austausch.“
       
       Das war ein überraschendes Upgrade für den Besuch eines Provinzfürsten. Im
       Vorfeld hatte die Staatskanzlei nur bekanntgegeben, dass Wüst
       Wirtschaftsvertreter, den Fußballer İlkay Gündoğan und möglicherweise einen
       oder zwei Politiker treffe. Am Dienstag gaben ihm nach Erdoğan auch der
       Außenminister, der Industrieminister und der Finanzminister die Ehre. Alle
       von der regierenden AKP.
       
       Überraschend groß ist auch Wüsts Delegation: Unter den gut 30
       Medienvertreter:innen, die die Reise begleiten, beobachten die meisten
       sonst die Bundespolitik und das Kanzleramt. Die Reise sei schon lange
       geplant und gründlich vorbereitet worden, heißt es.
       
       Es ist nicht das erste Mal, dass Erdoğan den Ministerpräsidenten eines
       deutschen Bundeslandes empfing – 2014 war Niedersachsens SPD-Landeschef
       Stephan Weil in Ankara, allerdings in seiner Funktion als
       Bundesratspräsident, dem protokollarisch vierthöchsten Amt im Staat.
       
       Wüst, der als möglicher Nachfolger der aktuellen Nummer drei in
       Deutschland, Kanzler Friedrich Merz, gehandelt wird, sieht seinen Besuch
       indes als seine Aufgabe als Landeschef. Um nicht als Kanzlerkiller zu
       wirken, sagt er Sachen wie: „Zum ersten Mal ist ein Ministerpräsident
       Nordrhein-Westfalens im Amt in der Türkei. Und es ist höchste Zeit, dass
       eine solche Reise stattfindet“, so Wüst.
       
       ## Wüst gedenkt Atatürk
       
       Er legt einen Kranz nieder am Mahnmal des [3][umstrittenen türkischen
       Staatsgründers Mustafa Kemal Atatürk,] das machen deutsche Politiker oft.
       Er trifft außerdem Angehörige der 1993 bei einem rechtsextremen Anschlag in
       Solingen getöteten und verletzten türkischstämmigen Familien. Der damalige
       CDU-Bundeskanzler Helmut Kohl kam nicht zur Trauerfeier, man wolle einen
       „Beileidstourismus“ vermeiden, begründete dies sein Sprecher.
       
       Nordrhein-Westfalen und die Türkei verbinde eine besondere Beziehung – rund
       eine Million Menschen mit türkischen Wurzeln lebten in NRW –, und Wüst
       versucht, die immer noch offene Wunden zu heilen. „Diese Menschen haben in
       den Bergwerken geschuftet, um das wirtschaftlich wachsende Deutschland mit
       Energie zu versorgen, haben in Stahlwerken gearbeitet, in Textilfirmen, im
       Straßenbau. Und ihre Kinder, Enkel und Urenkel sind heute
       Nordrhein-Westfälinnen und -Westfalen“, lobt Wüst.
       
       Damit kritisiert er einen Diskurs, den seine CDU maßgeblich mitgeprägt hat.
       Man habe diese Menschen viel zu lange von ihren Defiziten und als
       Herausforderung betrachtet und nicht als Chance gesehen. „Viele gut
       ausgebildete junge Leute, die beide Kulturen kennen, oft beide Sprachen als
       Muttersprache beherrschen – wenn das keine Chance ist“, betont Wüst. Und
       setzt sich so doch und sicher nicht zufällig von Merz ab, der als Kanzler
       von [4][„Problemen im Stadtbild“] und „kleinen Paschas“ gesprochen hatte.
       
       ## Bisher keine Stärkung der Opposition
       
       Als es um die politische Situation in der Türkei und die Lage der
       Opposition geht, wird Wüst jedoch einsilbig. Auch „schwierige Dinge“ seien
       im Gespräch mit Erdoğan angesprochen worden, berichtet er nach seinem
       Besuch. Auf die Nachfrage, wie er die innenpolitische Lage in der Türkei
       beurteile und ob er auch die Vertreter der Opposition treffen werde,
       antwortet er zunächst nur vage, man habe vertrauensvoll miteinander
       gesprochen.
       
       Nicht nur der aussichtsreichste Gegenkandidat für die Präsidentschaftswahl,
       die regulär 2028 stattfindet, der Istanbuler Bürgermeister Ekrem İmamoğlu,
       wurde vor über einem Jahr unter fadenscheinigen Gründen festgenommen und
       sitzt seitdem im Gefängnis. Auch viele gewählte kurdische
       Bürgermeister:innen hatte der autokratische Präsident zuvor bereits
       verfolgt.
       
       Im Laufe von Wüsts Reise hieß es dann, er wolle zum Austausch mit
       Vertreterinnen und Vertretern türkischer Oppositionsparteien
       zusammengekommen, darunter aus der im Juli [5][gegründeten Yeni Parti von
       Özgür Özel] sowie mit dem langjährigen CHP-Abgeordneten İlhan Uzgel, der
       sich selbst als „Schattenaußernminister“ bezeichnet und mit der politischen
       Beraterin Şule Bucak, der ehemaligen Vize-Generalsekretärin der CHP. Aus
       der prokurdischen DEM-Partei wolle Wüst Mithat Sancar treffen sowie und
       Mitglieder der sogenannten İmralı-Delegation.
       
       Die Christdemokraten wollen nicht, wie die von ihnen geschmähte ehemalige
       Grünen-Außenministerin Annalena Baerbock, mit der „Moralkeule“ durch die
       Welt reisen. Doch dass deutsche Politiker zur offenkundigen
       [6][Einschränkung demokratischer Rechte] so herumdrucksen, dafür haben
       nicht alle Menschen in der Türkei Verständnis.
       
       Früher seien Menschen- und Bürgerrechte früher klar angesprochen worden,
       das habe der Opposition den Rücken gestärkt, sagt eine Wissenschaftlerin
       der taz am Rande des Wüst-Besuchs. Nun scheine sich niemand mehr dafür zu
       interessieren. Dabei würde auch die Freiheit von Forschung und Lehre immer
       weiter eingeschränkt – so sei es dem akademischen Personal an Universitäten
       seit Kurzem verboten, Videos und Podcasts zu verbreiten. „Wir fühlen uns
       hier wie bei Orwell“, sagt die Person, die angesichts der Repression nicht
       namentlich zitiert werden will.
       
       Wüst preist stattdessen lieber die guten Beziehungen zwischen
       Nordrhein-Westfalen und der Türkei. Er will ein neues Kapitel in den
       Beziehungen aufschlagen. Chef:innen großer deutscher Unternehmen –
       Uniper, Rewe, Henkel – die ihn begleiten, wünschen sich das ebenfalls, sie
       hoffen, wie auch die Türkei, auf Zoll- und Visaerleichterungen. Das Motto
       scheint hier: Handel statt Wandel.
       
       Die Wirtschaftsbeziehungen zwischen Düsseldorf und Ankara standen denn auch
       im Mittelpunkt des Gesprächs zwischen Erdoğan und Wüst. Das gegenseitige
       Handelsvolumen betrage 11 Milliarden Euro, das drittgrößte außerhalb der EU
       nach den USA und China, wie Wüst einordnete. „Aber da kann man natürlich
       auch mehr draus machen.“ So sollte etwa die gegenseitige Kooperation bei
       Rüstungsprojekten vertieft werden. Konkrete Vorhaben nannte er nicht.
       
       29 Sep 2026
       
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       ## AUTOREN
       
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