# taz.de -- AfD-Parteitag in Erfurt endet: Beobachter kritisieren „überdimensionierten Polizeieinsatz“
> Nach den Demonstrationen gegen die AfD ziehen die Organisatoren eine
> gemischte Bilanz. Der Protest sei ein Erfolg, auch wenn er den Parteitag
> nicht verhindert hat.
(IMG) Bild: Polizeieinsatz in Erfurt am 4. Juli
epd/afp/dpa | Die Proteste von [1][mehreren Zehntausend Menschen gegen den
AfD-Bundesparteitag in Erfurt am Wochenende] sind weitgehend friedlich zu
Ende gegangen. Das Bündnis „widersetzen“ zog eine gemischte Bilanz der
vielfältigen Aktionen. Mit 17.000 Teilnehmenden hätten sich so viele
Menschen wie noch nie an den Blockaden beteiligt, sagte Bundessprecher
Suraj Mailitafi am Sonntag in Erfurt. Das Ziel, den Parteitag zu
verhindern, sei aber verfehlt worden. Während die Polizei für Samstag von
insgesamt rund 31.000 Demonstrierenden ausgeht, sprach die
Kampagnenorganisation Campact von mindestens 50.000 Personen.
Mailitafi kritisierte das Verhalten der Landespolizei. Indem sie [2][den
Parteitag ermöglichte], habe sie „hochprofessionell das Falsche“ getan.
Sprecherin Noa Sander kündigte auch Aktionen gegenüber CDU und BSW an,
sollten diese „den Faschisten zur Macht verhelfen“. Zudem kritisierte das
Bündnis Fälle von Polizeigewalt gegenüber Blockierenden und Anwälten der
Aktivisten.
## Kritik an Dauer der Blockaden
Ausdrücklich lehnte das Bündnis eine Verurteilung der Angriffe auf
Journalisten ab, sofern diese für rechtskonservative oder AfD-nahe Medien
berichteten. Das Bündnis sei nach Erfurt gekommen, um gegen „Faschisten“
vorzugehen. Faschisten mit Presseausweis seien immer noch Faschisten, sagte
Sander.
Für Irritationen bei Helfern des Stadtfestes für Demokratie in Erfurt
sorgte am Samstag vielfach der Umstand, dass die Blockaden bis in den
Nachmittag aufrechterhalten wurden. Zu diesem Zeitpunkt hatte der
AfD-Parteitag die Beratungen bereits seit Längerem aufgenommen.
## Demokratiefest „voller Erfolg“
„Widersetzen“ verteidigte das Vorgehen. Die Blockaden seien
aufrechterhalten worden, weil auch nach Beginn des Parteitags noch nicht
alle AfD-Delegierten die Messehalle erreicht hätten.
Adrian Hartig, Sprecher des Bündnisses „Zusammenstehen“, das ebenfalls
Kundgebungen organisiert und maßgeblich an der Organisation des
Innenstadtfestes beteiligt war, nannte die Proteste in Erfurt gegenüber dem
Evangelischen Pressedienst (epd) einen „vollen Erfolg“. Zu den Aktionen von
„widersetzen“ wollte er sich nicht äußern. Es sei nicht zielführend, den
antifaschistischen Widerstand zu spalten.
## Die Nacht zu Sonntag verlief ruhig
Ein Polizeisprecher teilte mit, die Videos mit den mutmaßlichen
Darstellungen von Polizeigewalt aus den sozialen Medien zu kennen.
Teilweise lägen dazu nicht nur die Ausschnitte, sondern auch längere
Videoaufnahmen vor. Alle Vorfälle würden untersucht. Umgekehrt sind den
Angaben zufolge bis Sonntagmorgen insgesamt 48 Verfahren eingeleitet
worden, sagte eine Polizeisprecherin dem epd. Die Nacht zu Sonntag sei
ruhig verlaufen, und fast alle Kundgebungsteilnehmenden hätten Erfurt
bereits am Samstagabend wieder verlassen.
Zum Einsatz bei dem von Protesten und Blockaden begleiteten
AfD-Bundesparteitag in Erfurt hat die Thüringer Polizei eine positive
Bilanz gezogen. Angesichts Zehntausender Versammlungsteilnehmer sei das
Einsatzwochenende „überwiegend friedlich“ verlaufen, teilte die
Landespolizeidirektion am Sonntag abschließend in Erfurt mit. Demnach
wurden bis Sonntagmittag 65 Straftaten und 13 Ordnungswidrigkeiten erfasst.
Es habe vor allem Sachbeschädigungen, Körperverletzungsdelikte und Verstöße
gegen das Versammlungsgesetz gegeben. In allen Fällen seien
Ermittlungsverfahren eingeleitet worden. Die Einsatzleitung verwies auch
auf einen Durchbruchversuch von etwa 250 Gegendemonstranten sowie
vereinzelte Angriffe auf Medienschaffende und Livestreamer. Zudem seien
mehrere Drohnen, die trotz einer Verbotszone flogen, beschlagnahmt worden.
Dort, wo es erforderlich gewesen sei, habe die Polizei ihre Maßnahmen
„konsequent und im Einzelfall auch unter Anwendung unmittelbaren Zwangs“
durchgesetzt, hieß es in einer Mitteilung. Zu einigen in sozialen Medien
verbreiteten Videos, die unter anderem einen Polizeieinsatz im Zusammenhang
mit einer Sitzblockade und einen Schlagstockeinsatz zeigen sollen, erklärte
die Landespolizeidirektion, dass der Sachverhalt geprüft werde.
Polizeiführer Thomas Quittenbaum dankte allen Polizeikräften, „die dieses
herausfordernde Einsatzwochenende mit hoher Professionalität, großem
Engagement und Augenmaß bewältigt haben“. Zugleich würdigte er, dass viele
Menschen „ihr Grundrecht auf Versammlungs- und Meinungsfreiheit friedlich
wahrgenommen haben“.
## Forderung nach AfD-Verbot
Demonstrationsbeobachter kritisierten den Polizeieinsatz am Samstag bei den
Protesten gegen den AfD-Bundesparteitag in Erfurt als überzogen. Das
„Überaufgebot an Einsatzmitteln“ und der „überdimensionierte
Polizeieinsatz“ seien mit einem angeblichen Bedrohungsszenario begründet
worden und hätten der Einschüchterung von Protestierenden und Anwohnern
gedient, erklärten Vertreterinnen des Komitees für Grundrechte und
Demokratie in einer vorläufigen Einschätzung am Sonntag gegenüber dem
Evangelischen Pressedienst (epd).
Mit 17 Beobachterinnen und Beobachtern war das Grundrechtekomitee demnach
in mehreren Teams mit Autos, Fahrrädern und zu Fuß in der Erfurter
Innenstadt, auf Zufahrtsstraßen und bei Protestblockaden unterwegs. Am
Montag will der Verein eine abschließende Stellungnahme veröffentlichen.
Neben unbehelligten Versammlungen und Demonstrationszügen und einer
stadtfestähnlichen Stimmung in der Innenstadt habe es etwa um den Gothaer
Platz „immer wieder unnötige Eskalationen“ mit Verletzten vor allem durch
eine Einheit der Thüringer Polizei gegeben. Teils sei von der Polizei gegen
eingekesselte Menschenmengen großflächig Pfefferspray eingesetzt und „mit
sichtbar hohem Krafteinsatz mit Schlagstöcken“ geprügelt worden.
Als „besonders fragwürdige Aktion“ wurde das Vorgehen in einer Situation
gegen Blockierende auf der Straße gewertet. Polizisten hätten vereinzelt
Sitzende an Körperteilen gerissen und Schmerzgriffe eingesetzt. Auch habe
eine hohe Anzahl „rechter Streamer“ Protestierende zu provozieren versucht,
ohne dass die Polizei eingegriffen habe.
Die Protestierenden warfen der AfD vor, demokratische Grundwerte zu
gefährden und ein gesellschaftliches Klima der Ausgrenzung zu fördern. Das
Bundesamt für Verfassungsschutz hat die Bundes-AfD als
rechtsextremistischen Verdachtsfall eingestuft. Mehrere Landesverbände
gelten zudem als gesichert rechtsextrem. In Redebeiträgen und auf
Transparenten wurde die Einleitung eines AfD-Verbotsverfahrens gefordert.
## Zweiter Tag des Parteitages eher Formsache
Die AfD-Delegierten beschäftigen sich am zweiten Tag ihres Treffens mit
Änderungen an der Bundessatzung und an der Finanz- und Beitragsordnung.
AfD-Co-Chef Tino Chrupalla sagte in seiner Schlussrede, nach diesem
Bundesparteitag müsse sich die AfD auf die anstehenden Wahlkämpfe
konzentrieren. „Wir müssen endlich aus der Opposition in die Regierung
kommen“, rief er den Delegierten zu. Man wolle „dieses Land wieder vom Kopf
auf die Füße stellen“. Der volle Fokus liege auf den bevorstehenden
Landtagswahlen, sagte Co-Chefin Alice Weidel. „Wir werden regieren.“ Im
September werden in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin die
Landesparlamente neu gewählt.
Kurz vor dem Ende des Parteitages verfehlte ein Antrag die erforderliche
Zweidrittelmehrheit, wonach AfD-Abgeordnete von dem Geld, das sie von
staatlicher Seite für ihre Tätigkeit erhalten, künftig 500 Euro pro Monat
an die Partei abtreten müssen, wenn sie kein Wahlkreisbüro einrichten. Der
rheinland-pfälzische AfD-Landesvorsitzende Sebastian Münzenmaier hatte
zuvor dafür geworben: Zehntausende von Ehrenamtlern buckelten für die
Partei „und dann haben wir Mandatsträger, die sich die Taschen voll machen
und nicht mal ein Wahlkreisbüro eröffnen“, sagte er.
Zudem hat die AfD ihre interne Vorgabe, mindestens einmal im Jahr einen
Parteitag abzuhalten, für das Jahr 2029 außer Kraft gesetzt. Der Parteitag
in Erfurt beschloss dazu eine Satzungsänderung. Zur Begründung wird
angeführt, dass 2029 mit der Bundestags- und Europawahl sowie
Landtagswahlen in Brandenburg, Sachsen und Thüringen und Kommunalwahlen ein
Superwahljahr anstehe. Durch Nichtdurchführung eines Bundesparteitags
würden „dringend benötigte finanzielle, personelle und logistische
Kapazitäten frei“ zum Beispiel für den Wahlkampf.
## Delegiertenparteitage für größere AfD-Landesverbände
AfD-Landesverbände sollen ab einer Mitgliederzahl von 8.000 in der Regel
Delegiertenparteitage und keine Mitgliederparteitage mehr durchführen. Das
beschlossen die Delegierten beim AfD-Bundesparteitag in Erfurt. „Die Hallen
werden immer teurer, es wird immer schwieriger“, sagte der
Baden-Württemberger AfD-Chef Markus Frohnmaier zur Einbringung des
entsprechenden Antrages.
Er warb für den Vorstoß: „Wir müssen endlich dafür sorgen, dass
Landesverbände mit zehn-, elf-, zwölftausend Mitgliedern, wie unsere
Kollegen in Bayern, auch die Möglichkeit haben, Mitgliederparteitage in
Delegiertenparteitage umzuwandeln.“ Auch die Bundesvorsitzende Alice Weidel
plädierte „dringend“ dafür, den Antrag anzunehmen. Es würde sonst
organisatorische Probleme geben. Auch der neu gewählte Bundesvize Stefan
Möller begrüßte die Änderung.
## Weidel kontert Wahlprogramm: „Ich lebe etwas anderes“
[3][AfD-Chefin Alice Weidel] kritisiert unterdessen Aussagen im
Wahlprogramm der AfD Sachsen-Anhalt zum traditionellen Familienbild, lässt
sich nach eigenen Angaben davon aber nicht provozieren. „Die können
reinschreiben, was sie wollen. Ich lebe etwas anderes“, sagte sie am Rande
des Bundesparteitages in Erfurt im RTL/ntv-Interview auf eine entsprechende
Nachfrage. In dem Programm heißt es, „eine intakte Familie bestehend aus
Mutter, Vater und Kindern, ist erwiesenermaßen die beste Voraussetzung für
eine gute und gesunde Kindesentwicklung“. Weidel lebt mit einer Frau
zusammen und zieht mit ihr gemeinsam zwei Kinder groß.
„Wenn Sie mich persönlich fragen: Meine Kinder haben die beste Erziehung,
die besten Voraussetzungen“, sagte Weidel. „Wir leben mittlerweile in einer
ganz anderen Realität. Also gleichgeschlechtliche Beziehungen sind
gleichwertig zu behandeln.“ Die AfD-Chefin verteidigte zugleich die
grundsätzliche Orientierung ihrer Partei beim Familienbild: „Wenn ich als
Politikerin von einem gesellschaftlichen Zielbild rede, und das ist nun mal
die traditionelle Familie, dann kann ich mich dafür einsetzen und es ist
kein Widerspruch.“
6 Jul 2026
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