# taz.de -- Vanessa E. Thompson über Antifaschismus: „In einem formal liberalen Staat kann es Faschismus geben“
       
       > Antifaschistische Strukturen in Deutschland haben strukturelle Defizite,
       > sagt Soziologin Vanessa E. Thompson. Doch es geht auch anders.
       
 (IMG) Bild: Antifa bedeutet auch, sich gegen koloniale Strukturen zu stellen – wie hier im Protest gegen den Algerienkrieg 1961 in Paris
       
       taz: Frau Thompson, was ist der große blinde Fleck, den antifaschistische
       Arbeit in Deutschland heute hat? 
       
       Vanessa E. Thompson: Woran es bei vielen Gruppen mangelt, ist eine
       antirassistische Klassenpolitik. Die heutige Antifa-Szene konzentriert sich
       zu oft allein auf Neonazi-Strukturen oder rechtsextreme Parteien. Dabei
       müssen sich antifaschistische Kämpfe auch gegen die staatlichen Motoren der
       Faschisierung richten, welche weit über die AfD hinausgehen. Teile der
       migrantischen Linken haben übrigens schon lange erkannt, dass
       rechtsextremistischer Terror und staatlicher Terror zum Beispiel an den
       EU-Außengrenzen zusammenhängen. Faschismus beginnt nicht erst, wenn die AfD
       die Macht übernimmt.
       
       taz: Als der neue Linken-Vorsitzende Luigi Pantisano kürzlich [1][die
       Politik der CDU „faschistisch“ genannt] hat, war der Aufschrei groß.
       
       Thompson: Was Luigi Pantisano gesagt hat, war zwar ungenau ausgedrückt,
       aber auch nicht falsch. Was wir aktuell sehen, ist, dass die immensen
       Ungleichheiten in der Welt zunehmend durch Gewalt eingedämmt werden. Arme
       Menschen werden vor allem von der CDU, aber auch von anderen Parteien der
       Mitte, als soziale Last oder Gefahr konstruiert. An den EU-Außengrenzen
       werden Menschen zum Beispiel in Lagern in Libyen systematisch eingesperrt
       und entrechtet. Es gibt Abschiebungen, Masseninhaftierung, organisierte
       Vernachlässigung oder sogar physische Vernichtung, um Migrant:innen
       gewaltsam fernzuhalten. Das ist eine Form des Grenzfaschismus.
       
       taz: Ja, die Migrationspolitik vieler bürgerlicher Parteien ist brutal.
       Aber es gibt doch trotzdem einen Unterschied zwischen bürgerlicher Politik
       und Faschismus? 
       
       Thompson: Natürlich gibt es diesen Unterschied. Der Faschismus will etwa
       die Aufhebung der Gewaltenteilung, für die Union und die anderen Parteien
       der Mitte ist dies ein zentrales Merkmal des modernen bürgerlichen Staats.
       Gleichzeitig sichert der bürgerliche Staat die Rahmenbedingungen für ein
       System, das Faschismus produziert. Es gibt auch ganz konkrete
       Gemeinsamkeiten, von der tödlichen Migrationspolitik über den massiven
       Sozialabbau bis zur Durchsetzung der deutschen Wirtschaftsinteressen auch
       mit militärischen Mitteln. Der Punkt ist, dass gerade in Zeiten
       kapitalistischer Krisen die bürgerliche Herrschaft in faschistische
       Politiken umschlägt, quasi als Krisenregulation. Und das ist auch heute so.
       
       taz: Sie haben sich zuletzt mit Schwarzer Faschismuskritik
       auseinandergesetzt. Welche antikolonialen Gedanken fehlen im deutschen
       Diskurs? 
       
       Thompson: Für Schwarze Marxist:innen und antikoloniale Denker:innen wie
       George Padmore, C. L. R. James oder Aimé Césaire war der Faschismus kein
       Bruch mit der bürgerlichen Gesellschaft, sondern in die Logik des
       kolonialen und imperialistischen Kapitalismus eingelassen. Die brutale
       Gewalt der Kolonialregime schon vor dem Faschismus in Deutschland und
       Italien haben sie als einen „Faschismus vor dem Faschismus“ verstanden, wie
       mein Kollege Alberto Toscano das genannt hat.
       
       Die ersten Konzentrationslager beispielsweise entstanden ab 1900 im Zuge
       des Burenkriegs durch die britische Armee, in denen die weißen Buren von
       der Schwarzen Bevölkerung getrennt wurden, und kurz darauf während des
       Völkermords an den Herero und Nama durch das Deutsche Reich. Aimé Césaire
       und Frantz Fanon haben darauf hingewiesen, dass für viele Menschen der Sieg
       der vermeintlich „demokratischen“ Alliierten in Europa auch keine Befreiung
       vom Faschismus war.
       
       taz: Wie meinen Sie das? 
       
       Thompson: Unmittelbar nach dem Ende des Nationalsozialismus in Europa
       wurden [2][in Algerien beim sogenannten Massaker von Sétif] durch das
       französische Militär bis zu 45.000 Menschen massakriert, die ein Ende der
       rassistischen Kolonialherrschaft gefordert hatten. In den USA hat der
       Schwarze Marxist W. E. B. Du Bois darüber geschrieben, wie mitten im
       US-Verfassungsstaat ein legalisiertes rassistisches Lynch- und
       Ausbeutungsregime existierte. Auch in einem formal liberalen Staat kann es
       also Formen des Faschismus geben. Deshalb muss jeder Antifaschismus den
       Kapitalismus und die Kontinuitäten des europäischen Kolonialimperialismus
       angreifen.
       
       taz: Sehen Sie nicht die Gefahr, dass der [3][Begriff des Faschismus] so
       gefährlich ausgeweitet wird? 
       
       Thompson: Es geht darum, anzuerkennen, dass für manche Gruppen bereits
       heute faschistische Verhältnisse bestehen können und auch vor dem
       historischen Faschismus bestanden haben. Die Abwesenheit bürgerlicher
       Freiheiten für einen großen Teil der Bevölkerung, das Regieren über Gewalt
       und Terror, autoritäre Strukturen auf Grundlage rassistischer Ideologien,
       die brutale Unterdrückung von Arbeiter:innen und genozidale Kriege – all
       das ist Ausdruck von Faschisierung.
       
       taz: Es ist eine der Kernüberzeugungen der deutschen Antifa, dass breite
       Bündnisse geschmiedet werden müssen, um eine erneute Machtergreifung einer
       faschistischen Partei zu verhindern – notfalls bis zur CDU. Was Sie
       allerdings sagen, scheint sich davon zu entfernen. 
       
       Thompson: Die Brandmauer ist sinnvoll, wenn sie die Spielräume der
       politischen Rechten einschränkt. Aber das allein reicht bei Weitem nicht
       aus. Es kann nicht darum gehen, die liberale Demokratie und die
       bürgerlich-kapitalistische Ordnung zu verteidigen, aus der heraus der
       Faschismus sich entwickelt. Antifaschismus bedeutet, die gesellschaftlichen
       Bedingungen anzugreifen, die Faschismus produzieren.
       
       taz: Was bedeutet das konkret – ist etwa die breite Mobilisierung auch mit
       bürgerlichen Organisationen [4][gegen den AfD-Parteitag in Erfurt] ein
       Fehler? 
       
       Thompson: Wenn Leute gemeinsam zivilen Ungehorsam ausüben, ist es immer
       gut, denn das trägt auch zur Politisierung bei. Zugleich ist es wichtig zu
       schauen, wie sich die Kooperation verschiedener Kräfte auf die politische
       Ausrichtung auswirkt. Das war immer eine Frage in der Linken. George
       Padmore kritisierte 1934 die Komintern dafür, mit den „demokratischen“
       imperialistischen Mächten Frankreich, USA und Großbritannien
       zusammenzuarbeiten; denn die koloniale Frage wurde so hinten angestellt.
       Auch heute müssen wir deshalb Bündnisse erkämpfen, die klassenpolitisch und
       anti-rassistisch sind und sich gegen Aufrüstung, imperialistische und
       genozidale Kriege stellen.
       
       taz: Kann ein AfD-Verbot eine sinnvolle Strategie gegen den Faschismus
       sein? 
       
       Thompson: Ich zweifle stark daran, dass sich der Faschismus ausgerechnet
       mit der Polizei, der autoritären Institution par excellence, und damit
       selbst ein Treiber der Faschisierung, bekämpfen lässt.
       
       taz: Wie müsste denn antifaschistische Arbeit vor Ort aussehen, die sowohl
       die AfD bekämpft, als auch die rassistischen Strukturen in Staat und
       Gesellschaft in den Blick nimmt? Haben Sie Beispiele, wo das praktisch
       gelingt? 
       
       Thompson: Ein historisches Beispiel ist der sogenannte
       Dritte-Welt-Antifaschismus, der internationale Arbeiter:innen-Solidarität
       mit Antikolonialismus und Antiimperialismus verknüpft hat. Auch die
       ursprüngliche Antifaschistische Aktion hat für die Verbesserung der
       Lebensumstände der arbeitenden Bevölkerung gekämpft. In den USA gab es ab
       1969 die „Rainbow Coalition“, ein anti-rassistisches Bündnis Schwarzer,
       weißer und Latino-Arbeiter.
       
       Heute sehe ich dieses Potenzial vor allem in der sich neu formierenden
       sozialistischen Antikriegsbewegung, wesentlich angetrieben von der im
       hiesigen Kontext stark kriminalisierten Palästina-solidarischen Bewegung.
       Antifaschismus heißt antirassistischer Klassenkampf von unten, nicht allein
       gegen Sozialabbau und Nazis, sondern international und antiimperialistisch.
       
       5 Jul 2026
       
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