# taz.de -- Polizeianwärter in Niedersachsen: Nicht immer staatstragend
> Wegen Hitlergrüßerei steht ein ehemaliger Kommissar-Anwärter in Meppen
> vorm Strafrichter. Ein Einzelfall ist er in Niedersachsens Polizei damit
> nicht.
(IMG) Bild: Dreck am Stecken? Bei so manch einem niedersächsischen Polizisten stellt sich diese Frage durchaus
Das Leitbild der Polizeiakademie Niedersachsen (PA NI) lässt keine Zweifel
aufkommen: Man trete „aktiv für die Werte unserer
freiheitlich-demokratischen Grundordnung ein“, heißt es dort. Der
Polizeiberuf verlange „ein besonderes Maß an moralisch-ethischem
Verantwortungsbewusstsein“. Manch niedersächsische Polizisten wecken aber
Zweifel, ob ihnen dieses Credo wichtig ist. Einer von ihnen, Tom S., steht
seit Anfang August im Amtsgericht Meppen vor dem Strafrichter.
Tom S. war zur Tatzeit 23 Jahre alt und Polizeianwärter der PA NI, er kommt
aus Hannoversch Münden, Landkreis Göttingen. Von der Staatsanwaltschaft
Osnabrück wird ihm vorgeworfen, im Januar 2025 in Stavern, einer Gemeinde
im Emsland, „im Rahmen des traditionellen Königssingens der Königssinger
Stavern im Landjugendkeller des Mehrgenerationenheims in Stavern [1][den
sogenannten Hitlergruß gezeigt zu haben]“, schreibt Anette Schneckenberger,
Direktorin des Amtsgerichts, der taz. Darüber hinaus soll er im Mai 2025
ein Reizstoffsprühgerät in seinem Auto aufbewahrt haben, das auf dem
Parkplatz vor dem Dienstgebäude der Polizeiakademie stand.
Es geht, neben einem Verstoß gegen das Waffengesetz, also um Paragraf 86a
Strafgesetzbuch, dem „Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger und
terroristischer Organisationen“. Das obere Ende des Strafrahmens sind drei
Jahre Freiheitsentzug. Zwei weitere Verhandlungstage sind anberaumt, Ende
August und Anfang September.
Tom S. ist nicht mehr bei der Polizei. Man habe „mit entschlossener
Haltung“ reagiert, so Maria Klose, Sprecherin der PA NI. Mitte 2025 sei er
rechtswirksam entlassen worden. „Die in Rede stehenden Vorwürfe, u. a.
Zeigen des Hitlergrußes, sind schwere Verstöße gegen die
freiheitlich-demokratische Grundordnung und die beamtenrechtlichen
Grundpflichten“, teilt Andrea Marquardt, Vize-Direktorin der Akademie, mit.
Die Akademie verurteile diese Verhaltensweisen „mit absoluter
Entschiedenheit“ und habe daher umgehend disziplinar- und dienstrechtliche
Maßnahmen eingeleitet, „die zu einer Entlassung des
Polizeikommissar-Anwärters führten“.
„Menschenfeindliche Verhaltensweisen sind mit den Werten und Pflichten des
Polizeidienstes unvereinbar“, so Maximilian Felmberg, Sprecher des
niedersächsischen Innenministeriums, auf Nachfrage der taz. „Die Polizei
Niedersachsen geht konsequent gegen Rassismus und Diskriminierung vor, auch
wenn sich Anhaltspunkte dafür innerhalb der Polizei ergeben.“
## Etliche Verdachtsfälle von Rassismus bei der Polizei
Im Verantwortungsbereich des Innenministeriums sind in den vergangenen zehn
Jahren [2][etliche Verdachtsfälle von Rassismus und bzw. oder
Rechtsextremismus registriert] worden. Es geht um derzeitige und ehemalige
Polizeiangehörige. In 96 Fällen habe ein Verdacht vorgelegen, so Felmberg.
In 47 habe er sich bestätigt, in 27 nicht.
Die übrigen 22 Verfahren seien noch nicht rechtskräftig abgeschlossen. „In
diesen Fällen wurden insbesondere Disziplinarverfahren und Verfahren zur
Entlassung eingeleitet“, so Felmberg. Die Gesamtzahl könnte allerdings
höher sein, denn Personalakten-Einträge unterliegen Löschfristen.
Elf PolizistInnen wurden aus dem Beamtenverhältnis entlassen, so die Bilanz
des Ministeriums. In einem Fall wurde durch die Behörde die Klage auf
Entlassung aus dem Dienstverhältnis erhoben, das Verfahren ist anhängig. In
einem weiteren Fall wurde das Ruhegehalt aberkannt, in vier Fällen
entschied das Verwaltungsgericht, die PolizistInnen zurückzustufen. Fünf
weitere Fälle endeten mit einer Geldbuße, drei mit einem Verweis.
Die Polizei Niedersachsen habe sich „den kritischen Diskussionen über
Polizeigewalt, Rassismus oder Diskriminierung gestellt“ und sei „sehr aktiv
im Bereich des Demokratieschutzes und der Demokratiearbeit“, so Felmberg.
Nicht zuletzt über die Polizeiakademie Niedersachsen verfüge sie „über ein
umfassendes Portfolio zur Stärkung der demokratischen Resilienz und damit
auch zur Rassismusprävention.“ Es gebe Fortbildungen zu interkultureller
Kompetenz, polizeilicher Konfliktkompetenz in interkulturellen Situationen,
Kulturspezifika und Vielfaltskompetenz im polizeilichen Alltag.
## Innenministerium sieht kein systemisches Problem
Der Meppener Fall ist für das Innenministerium [3][kein Hinweis auf ein
systemisches Problem]. „Mutmaßlich rassistische oder extremistische
Einstellungen von Einzelpersonen innerhalb der Polizei“, so Felmberg,
„lassen keinesfalls den Rückschluss zu, dass solche Einstellungen in der
Polizei insgesamt verbreitet oder gar institutionell akzeptiert sind.“
Auffällig ist: Das Verfahren gegen Tom S. findet vor einem Einzelrichter
statt, nicht vor einem Schöffengericht. Das maximale Strafmaß kann deswegen
also nicht ausgenutzt werden. Aber eine empfindliche Strafe ist dennoch
möglich: „Wir gehen nicht davon aus“, ordnet Alexander Retemeyer,
Staatsanwaltschaft Osnabrück, der taz den Fall ein, „dass es über zwei
Jahre hinausgeht.“
12 Aug 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Ermittlungen-wegen-rechter-Posts/!6087097
(DIR) [2] /Rechte-Polizeichats-in-Niedersachsen/!6117170
(DIR) [3] /Toedliche-Polizeischuesse-in-Nienburg/!6007069
## AUTOREN
(DIR) Harff-Peter Schönherr
## TAGS
(DIR) Polizei Niedersachsen
(DIR) Polizei
(DIR) Hitlergruß
(DIR) Emsland
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Kommunalwahlen
(DIR) Polizeigewalt
(DIR) Erfurt
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Polizei randaliert in Lingen: Lingens Polizisten helfen Extremisten
Das Wahlbündnis Die BürgerNahen nutzt in Lingen den Plakatwahlkampf, um vor
der AfD zu warnen. Die Polizei findet es unerhört und reißt die Poster ab.
(DIR) Der Fall Lorenz A.: Der Polizist griff zuerst an
Das Landgericht Oldenburg hat die Anklage gegen den Todesschützen von
Lorenz A. zugelassen. Ob der Polizeischütze verurteilt wird, ist aber
fraglich.
(DIR) AfD-Parteitag in Erfurt endet: Beobachter kritisieren „überdimensionierten Polizeieinsatz“
Nach den Demonstrationen gegen die AfD ziehen die Organisatoren eine
gemischte Bilanz. Der Protest sei ein Erfolg, auch wenn er den Parteitag
nicht verhindert hat.