# taz.de -- Gegen strukturelle Probleme: Eine bessere Antifa
       
       > Antifaschistische Strukturen in Deutschland haben einige Leerstellen.
       > Drei Versuche es besser zu machen in Freiburg, Leipzig und Berlin.
       
 (IMG) Bild: Antifaschistische Strukturen in Deutschland haben einige Leerstellen. Drei Versuche, es besser zu machen
       
       Eine bessere Antifa heißt sich in Betrieben organisieren
       
       Jolanda Knopf, 25, engagiert sich in Freiburg bei den Azubis gegen Rechts 
       
       Wir, die Azubis gegen Rechts, schließen eine Lücke innerhalb klassischer
       Antifa-Strukturen, die zumeist [1][von Studis geprägt] sind. Unsere
       Lebensrealität findet dort wenig Raum. Allein weil Treffen so gelegt sind,
       dass wir keine Zeit haben oder uns Urlaub nehmen müssten. Außerdem fehlen
       in der antifaschistischen Arbeit oft Verbindungen zu politischen Problemen
       unserer Ausbildung, sei es die [2][geringe Vergütung], der Umgang mit
       rechten Gesinnungen im Betrieb oder Diskriminierungserfahrungen am
       Arbeitsplatz.
       
       Ich mache eine Handwerksausbildung in einem städtischen Betrieb und erlebe,
       dass die Kommunalversorgung immer prekärer wird. Andere erleben das auch,
       etwa in der Pflege; viele werden nicht einmal übernommen, trotz
       Personalmangel. Dazu kommen Sorgen vor [3][Verlängerung der Arbeitszeit]
       oder Kürzungen in unseren Branchen. Auch daran spüren wir den Rechtsruck.
       
       Bei Azubis gegen Rechts können wir uns über diese Themen austauschen, das
       ist sehr verbindend. Wir wollen bewusst niedrigschwelliger sein als andere
       Strukturen. Vor allem geht es darum, Probleme unseres Alltags als
       gemeinsame, politische Probleme zu erkennen – nicht um komplexe Inputs aus
       der politischen Theorie. Dafür treffen wir uns zu Uhrzeiten, die für Azubis
       machbar sind, freitags veranstalten wir etwa einen Azubi-Feierabend im
       Park.
       
       Seit knapp zwei Jahren gibt es Azubis gegen Rechts bundesweit, in Freiburg
       seit November 2025. Die Initiative kam aus den Gewerkschaften, die Gruppe
       hat sich an einer Berufsschule gegründet. Anfangs waren wir sehr
       handwerklich geprägt, wollten aber nicht, dass der Fokus darauf bleibt, und
       sind deshalb aktiv auf Leute anderer großer Betriebe und Berufsschulen
       zugegangen. Wir wollen Azubis insgesamt ansprechen und nicht nur
       diejenigen, die sich bereits als links verstehen.
       
       Klassische Antifa-Strukturen erreichen oft keine Menschen weit über gewisse
       Szenen hinaus. Sie mobilisieren etwa über Social Media, wo sie diejenigen
       erreichen, die ihnen ohnehin schon folgen und politisch ähnlich eingestellt
       sind. Letzte Woche habe ich zum Beispiel an einer Berufsschule Werbung für
       unsere Azubi-Versammlung gemacht. Ich glaube nicht, dass eine
       antifaschistische Gruppe dort schon mal mobilisiert hat oder aktiv auf
       Leute in meinem Betrieb zugegangen ist.
       
       In die Betriebe kann man auch nicht immer unter dem Label „Antifa“
       reinlaufen. Unser Anspruch ist ohnehin vielmehr, tatsächliche Positionen
       hineinzutragen und zu zeigen, dass antifaschistische Arbeit nicht bedeutet,
       einen bestimmten Style zu tragen oder nur „Nazis scheiße“ zu finden. Es
       bedeutet, ein gutes Leben für alle zu erkämpfen.
       
       Grundsätzlich macht es aber wenig Sinn, immer neue Kleingruppen für immer
       spezifischere Interessen zu gründen. Wichtiger ist es, an bestehende
       Strukturen anzudocken und gemeinsame Bündnisse zu bilden, wie bei
       Widersetzen. Bundesweit sind wir als Azubis gegen Rechts gut vernetzt und
       planen zum Beispiel gemeinsam mit den Arbeiter*innen gegen Faschismus
       eine gemeinsame Konferenz.
       
       Eine bessere Antifa heißt Politik für Migras machen 
       
       Meryem Malik*, 28, ist Teil der Migrantifa Berlin 
       
       Früher war ich in den klassischen Strukturen der Antifa organisiert. Dort
       aber – und das hat mich gestört – wurde sich vor allem um sich selbst
       gedreht. Es ist eine kleine Szene mit bestimmten habituellen Codes, in
       denen man sich als migrantische Frau nicht wiederfindet (weiße Menschen in
       Fred-Perry-Shirts und Adidas-Jacke). Als Frau of Colour im Kleid wird einem
       gern auch mal der Feminismus abgesprochen.
       
       Und ich hatte den Eindruck, dass die politische Arbeit keine wirklich
       relevante Rolle im gesellschaftlichen Alltag der Menschen spielte. Es
       wurden vielmehr autonome Inseln geschaffen – ein selbstverwaltetes Café
       hier, ein Hausprojekt dort –, ohne wirklich Menschen zu erreichen und in
       einem Antagonismus zum Staat aufzutreten. Für mich hat sich das wie eine
       Art Leerlauf angefühlt.
       
       Dann kam der [4][rassistische Anschlag in Hanau] am 19. Februar 2020. In
       klassischen antifaschistischen Gruppen wurde das Thema nicht richtig
       aufgefangen. Ich hatte das Gefühl, dass viele es schlimm fanden, aber es
       fehlte eine Übersetzung in konkrete politische Praxis. Kurz danach haben
       sich bundesweit 37 Gruppen unter dem Motto „Selbstschutz jetzt – Migrantifa
       jetzt!“ gegründet. Damit haben wir eine Lücke gefüllt.
       
       Davor gab es klassisch autonome Strukturen und Diaspora-Vereine, die wir
       über unsere Eltern kannten, aber es gab keine revolutionäre Organisierung
       von Migrant*innen, die in Deutschland aufgewachsen sind.
       
       Unsere Prämisse war: [5][Hanau ist kein Einzelfall], sondern ein Ausdruck
       staatlichen Umgangs mit migrantischem Leben. In klassischen
       Antifa-Strukturen spielt staatlich vermittelter Rassismus kaum eine Rolle,
       dort geht es vor allem um den Schutz vor einzelnen Nazis oder der AfD. Uns
       war jedoch wichtig zu fragen: Wie werden Nazis produziert? Welche Rolle
       spielt der Staat dabei, indem er uns kriminalisiert, illegalisiert und
       ausbeutet? Und wie können wir uns als migrantische Community organisieren
       und eine gerechtere Zukunft erkämpfen?
       
       Während die linke Szene für uns zunächst tatsächlich eine Szene war, war
       uns wichtig, wieder eine Politik für Migrant*innen zu machen, die
       antifaschistisch und antikapitalistisch ist und sich als Klassenpolitik
       versteht. Deshalb haben wir früh mit Basis- und Kiezarbeit angefangen und
       die Probleme unserer Nachbar*innen auch als unsere begriffen. Wir haben
       einen Nachbarschaftsladen aufgemacht und Beratungen angeboten sowie
       Kiezspaziergänge. Aus klassischen Antifa-Strukturen kenne ich eine solche
       nachbarschaftliche Hands-on-Arbeit nicht.
       
       Gleichzeitig war uns wichtig, nicht in eine isolierte Community zu
       verfallen. Deshalb wollten wir auch die Traditionsdaten der deutschen
       Linken mehr einbinden und haben am [6][1. Mai 2021] als Hauptorganisation
       zur revolutionären 1.-Mai-Demo mit aufgerufen. Dazu haben wir diasporische
       Vereine eingeladen, die den Frontblock gestemmt haben. Es gab auch einen
       Palästina-Block. Palästina-Solidarität ist ein Kernpfeiler unserer
       antiimperialistischen Praxis, und das lange vor dem 7. Oktober, als
       Palästina-Solidarität aus klassischen Antifa-Strukturen noch weitestgehend
       ausgeschlossen wurde.
       
       Ich glaube nicht, dass es etwas bringt, wenn sich antifaschistische Gruppen
       nach identitären Merkmalen aufspalten und organisieren. Gleichzeitig
       gründen sich diese Gruppen alle aus einer Notlage heraus, weil ihre Themen
       zuvor nicht abgedeckt, sondern an einen Rand gedrängt wurden. Das gilt auch
       für uns. Wichtig ist deshalb, in der Praxis in Bündnissen zusammenzukommen.
       
       Ein gutes Beispiel: das Berliner Bündnis gegen Waffenproduktion. Darin
       haben sich Gruppen von der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend (SDAJ)
       über Mera25 bis hin zu Migrantifa-Strukturen zusammengeschlossen, um in
       Zeiten von Aufrüstung und sozialen Sparmaßnahmen gemeinsam die
       Waffenproduktion zu verhindern und mit Kiezgesprächen die Nachbarschaft zu
       organisieren. Davon braucht es mehr.
       
       Eine bessere Antifa heißt ohne Macker kämpfen
       
       Jasmin Nowak*, 21, schloss sich einer feministischen Antifa-Gruppe in
       Leipzig an 
       
       Als ich anfing, mich in Leipzig zu organisieren, kam es in meinem damaligen
       Bezirk regelmäßig zu Nazi-Aufmärschen. Bereits während meiner Schulzeit
       wollte ich mich antifaschistisch einsetzen, habe aber immer wieder gemerkt,
       dass ich die Zusammenarbeit [7][mit Männern oft als belastend] wahrnehme.
       Entweder man muss sie oft noch erziehen, oder sie nehmen einfach sehr viel
       mehr Raum ein als Frauen – und vor allem weiße Männer stellen sich dann
       sehr in den Vordergrund, finde ich.
       
       Auf einer Demonstration gegen Nazis habe ich dann eine überregionale,
       feministische Gruppe kennengelernt, bei der keine Männer erlaubt sind. Es
       war sehr cool, endlich in einem Raum voller Frauen und nichtbinärer
       Personen zu sitzen und über Politik und gesellschaftliche Themen reden zu
       können, ohne dass ein Mann unterbricht oder ungefragt seine Meinung
       mitteilen muss. Ich finde das Angebot auch einfach sehr toll. Man kann
       zusammen auf Demos gehen und andere Anliegen unterstützen, aber auch
       zusammenkommen, sich belesen und sich gegenseitig informiert halten.
       
       Beim ersten Plenum war ich aber trotzdem recht überfordert. Es wurde
       ausschließlich organisiert und ich habe keine Aufgaben zugeteilt bekommen –
       dafür aber eine Patin. Wir haben uns ein paar Mal getroffen und sie hat mir
       dabei auch erzählt, was die Ziele der Gruppe sind. Dennoch hätte ich mir
       gewünscht, dass man Neue stärker von Beginn an in Aufgaben einbindet.
       
       Ich finde, manchmal sind wir als Antifa zu fokussiert auf die Details. Wir
       streiten darüber, welche Staatsform wir wollen, ob wir überhaupt einen
       Staat wollen. Dadurch ist das Gemeinschaftsgefühl etwas geschwächt. Ich
       würde mir auch wünschen, dass wir als Antifaschist*innen uns mehr
       anstrengen, Nicht-Akademiker*innen zu erreichen. In unserer Gruppe stellten
       sie die Minderheit dar. Und trotz meines Studiums habe ich oft das Gefühl,
       nicht belesen genug zu sein, um antifaschistische Arbeit zu machen. Dabei
       ist linke Theorie nur der Anfang, aber da hört es besonders für Männer
       oftmals schon auf. [8][Performativ] Marx lesen reicht einfach nicht.
       
       Unabhängig von den Startschwierigkeiten habe ich mich von der
       feministischen Gruppe nach einem halben Jahr distanziert. Ihr wurde
       vorgeworfen, Täter zu schützen. Was genau vorgefallen ist, weiß ich nicht.
       Es gibt eine Instagram-Seite, die Vorfälle von Opfern von patriarchaler
       Gewalt sammelt. Dort werden auch Vorfälle geschildert bei Gruppen, die eng
       mit der meinen zusammenarbeiten.
       
       Bevor ich gegangen bin, habe ich mit meiner Patin über diese Vorwürfe
       gesprochen. Sie hat meine Sorgen ernst genommen, trotzdem war ich sehr
       verunsichert. In keinem meiner Gespräche wurde genauer gesagt, was
       eigentlich wem wann passiert ist. Ich wollte nichts falsch machen, aber
       habe mich bei dem Gedanken unwohl gefühlt, Teil einer feministischen Gruppe
       zu sein, von der viele sagen, dass sie Täter schütze. Mittlerweile wohne
       ich wieder in Berlin und überlege schon, hier der Gruppe beizutreten. Nur
       möchte ich etwas Klarheit haben.
       
       *Namen von der Redaktion geändert
       
       4 Jul 2026
       
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