# taz.de -- Frontex-Luftüberwachung: Spähflüge für die libysche Küstenwache
> Eine Forschungsgruppe hat nachgewiesen, dass die Europäische Küstenwache
> verstärkt das Mittelmeer ausspäht – und so das Abfangen von Geflüchteten
> ermöglicht.
(IMG) Bild: Eine Frontex-Drohne über dem Mittelmeer, 17. September 2026
Um 5.24 Uhr am Morgen des 12. November 2024 startete ein von der
EU-Grenzschutzagentur gechartertes Flugzeug mit dem Rufzeichen „Osprey 2“
von der Insel Lampedusa zu einem Überwachungsflug. In den folgenden Stunden
überflog es ein Gebiet im Mittelmeer, in dem der EU-Staat Malta für die
Seenotrettung zuständig ist. Dabei sichtete es ein Boot mit 23 Menschen.
Dessen Motor war ausgefallen, die Insassen hatten deshalb einen Notruf
abgesetzt. Kurze Zeit später beobachteten Seenotretter, wie ein Schiff der
libyschen Küstenwache die Menschen innerhalb der maltesischen SAR-Zone –
kurz für Search and Rescue Zone – an Bord nahm und nach Libyen brachte.
Einer am Dienstag veröffentlichten [1][Untersuchung] der Forschungsgruppe
Liminal von der Universität Bologna zufolge ist Frontex immer häufiger an
der gewaltsamen Rückführung von Migrantinnen und Migranten nach Libyen und
Tunesien beteiligt. Demnach haben von Frontex-Flugzeugen und -Drohnen
gewonnene Positionsdaten zwischen August 2018 und Oktober 2024 nachweislich
das Abfangen und Zurückdrängen von mindestens 611 Flüchtlingsbooten mit
33.107 Menschen ermöglicht.
Rund 150.000 Menschen sind nach Zählung der UN-Migrationsorganisation IOM
seit 2020 von libyschen Milizen auf dem Mittelmeer aufgegriffen und nach
Libyen gebracht worden, etwa ebenso viele nach Tunesien. 2026 [2][zählt die
IOM] bisher allein über 17.200 sogenannte Interceptions nach Libyen. Die
Menschen werden dort unter „unmenschlichen und inakzeptablen Bedingungen
inhaftiert“, so die IOM.
Die Auswertung von Flugtracking-Daten habe laut Liminal einen Anstieg der
Einsatzstunden von Frontex-Flugzeugen im zentralen Mittelmeer von 469
Stunden im Jahr 2019 auf mindestens 5.253 Stunden im Jahr 2023 gezeigt. Das
Frontex-Budget für die Luftraum-Überwachung sei von 11,7 Millionen Euro im
Jahr 2018 auf 278,6 Millionen Euro im Jahr 2026 gestiegen. Die jüngste
Ausschreibung der Agentur für Luftüberwachungsdienste vom Juni 2026 habe
für einen Zeitraum von zwei Jahren ein Volumen von über einer halben
Milliarde Euro.
## Teil der „Pushback-Maschine“
Mit einer [3][interaktiven Onlineplattform] namens „Aerial Bordering“ hat
Liminal den Aufbau einer umfangreichen Flotte privat betriebener Flugzeuge
und einer Drohne nachgezeichnet, deren Videoaufnahmen in Echtzeit an die
Frontex-Zentrale in Warschau übertragen werden können.
Die meisten Daten liegen demnach für das Jahr 2021 vor. In dieser Zeit
gingen mindestens 36 Prozent aller dokumentierten Abfang-Aktionen auf See
auf Sichtungen durch Frontex-Flugzeuge zurück.
„Die Luftüberwachung ermöglicht es Frontex, das zentrale Mittelmeer
lückenlos im Blick zu behalten und sich gleichzeitig seinen rechtlichen
Verpflichtungen zur Rettung der Menschen an Bord und zu ihrer sicheren
Ausschiffung in Europa zu entziehen“, sagt Giovanna Reder vom Liminal.
Reder spricht von einer „Pushback-Maschine“ die das Abfangen von Menschen
auf See und ihre gewaltsame Rückführung nach Libyen und Tunesien möglich
mache.
Die Luftoperationen von Frontex hätten es der libyschen Küstenwache
ermöglicht, ihre Abfangaktionen auf ein deutlich größeres Gebiet
auszudehnen – bis weit in die maltesische Such- und Rettungsregion hinein.
Frontex ermögliche so Gewalt gegen Geflüchtete. „Zugleich profitieren
Rüstungsunternehmen finanziell und in ihrer öffentlichen Legitimität,
obwohl sie an schwersten Verbrechen beteiligt sind“, sagt Lorenzo Pezzani,
Professor an der Universität Bologna, der Liminal leitet.
## Frontex verweist auf das Völkerrecht
Seit Jahren steht der Vorwurf im Raum, Frontex würde mit der libyschen
Küstenwache kooperieren. Dabei wird diese von mafiösen Milizen kontrolliert
und hat in der Vergangenheit in internationalen Gewässern Schusswaffen
gegen europäische Seenotretter eingesetzt.
[4][Frontex erklärt], es arbeite „in keiner Weise mit den libyschen
Behörden zusammen“. Allerdings stießen Frontex-Flugzeuge innerhalb der Zone
des Mittelmeeres, in der Libyen für Rettungseinsätze zuständig sei – der
sogenannten SAR-Zone – „häufig auf überfüllte Boote in Not.“ In diesen
Fällen werde „gemäß dem Völkerrecht“ die libysche Rettungsleitstelle über
die in Not geratenen Boote informiert. Seit Jahren berichten NGOs aber von
Fällen vor allem in der maltesischen SAR-Zone, in denen Frontex oder andere
europäische Institutionen trotzdem die libysche Küstenwache rufen – um zu
verhindern, dass die Menschen nach Europa gelangen.
3 Nov 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://aerial-bordering.liminal-lab.org/report
(DIR) [2] https://lac.iom.int/en/news/new-iom-data-migrant-arrivals-europe-fall-39-2026-while-deaths-continue-rise
(DIR) [3] https://aerial-bordering.liminal-lab.org/
(DIR) [4] https://www.frontex.europa.eu/what-we-do/operations/search-and-rescue/
## AUTOREN
(DIR) Christian Jakob
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