# taz.de -- Soziologe zu „Gen Z regelt“-Demos: „Was die CDU macht, ist gemeingefährlich“
> Gen-Z-Proteste drücken das Gefühl von Zukunftslosigkeit aus, sagt der
> Protestsoziologe Simon Teune. Rassismus und Repression vertieften die
> Entfremdung.
(IMG) Bild: „Sich aufzuraffen und sich einzubringen, ist immer Ausdruck eines demokratischen Impulses“: Gen-Z Demo am 31. Oktober in Hamburg
taz: Herr Teune, seit zwei Wochen befinden sich Politik und Medien in
Aufregung über die „Gen Z regelt“-Proteste. Wie haben Sie die Proteste
erlebt?
Simon Teune: Ich würde sagen, die Proteste waren Ausdruck eines unter
jungen Erwachsenen und Jugendlichen verbreiteten Gefühls, dass sie keine
tatsächliche Zukunftsperspektive haben. Da stapeln sich ganz viele Themen:
Die Kriege und die drohende Wehrpflicht, die ungebremste Klimakrise, die
strukturellen Mängel im Bildungssystem, die Frage, ob ich mir eine Wohnung
leisten kann, wenn ich ausziehe. Dieses Gefühl verbindet die ganz
unterschiedlichen Themen. Und es nährt die Wahrnehmung, dass das politische
System nicht mehr als Teil der Lösung gesehen wird, sondern als Teil des
Problems.
taz: Wie meinen Sie das?
Teune: Unter Jugendlichen gibt es eine Entfremdung von demokratischen
Institutionen und Verfahren. Politik wird nicht als etwas erlebt, was man
gestalten kann, auch nicht über Protest. Da sind die Erfahrungen von
Fridays for Future wichtig. Da war es gelungen, ganz viele Leute auf die
Straße zu bringen – aber das Wenige, was erreicht worden ist, wird
mittlerweile wieder rückgängig gemacht. Das Gefühl entsteht: Diese
Demokratie hat keine Antworten auf die Herausforderungen, auf die wir uns
zubewegen. Das ist die Grundstimmung der Proteste.
taz: Aber sind die Proteste nicht Ausdruck eines demokratischen Impulses?
Teune: Ja. Sich aufzuraffen und sich einzubringen, ist immer Ausdruck eines
demokratischen Impulses. Ein erster wichtiger demokratisierender Effekt ist
es, sich selbst als handelnde Person zu erleben. Aber dann muss ich auch
das Gefühl haben, dass die Politik auf mich reagiert. Wenn sich der
gegenwärtige Umgang mit den Protesten fortsetzt, der fast ausschließlich
von Diskreditierung und Repression geprägt ist, nähern wir uns da einem
kritischen Punkt.
taz: [1][Bereits in den Wochen vor den Demos war von „Krawallmigranten“ die
Rede], die „keine Gnade“ von der Polizei zu erwarten hätten. Nun, nach den
Protesten, redet Innenminister Alexander Dobrindt von „Chaoten aus dem
migrantischen Milieu“. Welche Auswirkungen hat solche Rede?
Teune: Das vertieft diese Entfremdung. Den Betroffenen wird vermittelt:
„Ihr werdet nicht nur nicht gehört, ihr gehört nicht dazu.“ Insbesondere
die Union hat sich offenbar entschieden, die AfD-Strategie zu fahren und
Migration zur Ursache aller Probleme zu erklären. Diese rassistische
Deutung erklärt ganze Teile der Bevölkerung zum Problem und blendet soziale
Ursachen aus. In Frankreich gab es im Kontext genau dieser Diskussion einen
rassistischen Terroranschlag, bei dem ein Mensch erschossen und viele
verletzt worden sind. Diese Erzählung ist gemeingefährlich – und sie
vertieft die Kluft zwischen der Politik und jungen Menschen mit
Migrationsgeschichte – und das sind 40 Prozent in dieser Altersgruppe.
taz: Würden Sie auch Plünderungen, wie sie etwa in Frankfurt am Main
geschehen sind, als Folge eines solchen Diskurses beschreiben?
Teune: Wir stehen noch ganz am Anfang davon, die Ereignisse zu
rekonstruieren. Aber einige Dynamiken in solchen Situationen sind etwa vom
1. Mai in Berlin bekannt. Dazu gehören die Auswirkungen einer vorgelagerten
medialen und politischen Debatte um Gewalt. Einerseits hat dies die Folge,
dass die Proteste nur noch mit Gewalt in Verbindung gebracht werden, dass
also über die Inhalte kaum noch geredet wird. Und andererseits weckt so
eine Debatte auch einen Erwartungshorizont und damit ein
Möglichkeitsfenster, Regeln zu übertreten, die normalerweise gelten. In
diesem Fall kommen aber noch weitere Faktoren dazu.
taz: Die wären?
Teune: Etwa der Einfluss von neuen orthodox-kommunistischen Jugendgruppen,
die sich an Kaderorganisationen orientieren und eine revolutionäre
Perspektive haben. Und dann hat es wohl auch in sozialen Medien und in
Freundeskreisen eine bestimmte Dynamik gegeben, sich gegenseitig
anzustacheln. Ob es wirklich zu einem Krawall kommt, hat am Ende auch etwas
damit zu tun, wie die Polizei in der jeweils konkreten Situation auftritt.
taz: In Medien und Politik wird oft fein säuberlich zwischen
Demonstrant:innen und Randalierern unterschieden, wobei Letzteren
abgesprochen wird, dass es ihnen um politische Anliegen gehe. Wie sehen Sie
das?
Teune: Bei Krawallen und Plünderungen vermischen sich die Motive. Für
manche politischen Gruppen sind Steinwürfe auf die Polizei und brennende
Autos eine klare politische Strategie, um Bilder von Unregierbarkeit und
Umbruch zu erzeugen. Und dann gibt es den Teil, für den es eher eine
Gelegenheit ist, das Heft des Handelns in der Hand zu haben und am
gesellschaftlichen Reichtum teilzuhaben. Es ist ein großer Fehler, das zu
entpolitisieren, also die sozialen Hintergründe von solchen Handlungen
wegzuwischen. Die sind politisch – auch wenn die Handelnden nicht unbedingt
eine klare politische Agenda vor Augen haben.
taz: Würden Sie schon davon sprechen, dass es sich bei den Gen-Z-Protesten
um eine soziale Bewegung handelt?
Teune: Bisher handelt es sich wohl eher um eine Serie von
Protestereignissen. Es kommen hier ja ganz viele Bewegungen zusammen: die
antimilitaristische Bewegung, die Klimabewegung, die Bildungsbewegung. Ob
und wie diese Akteure am Ende zusammenfinden, ist völlig offen. Es waren
viele Zehntausend Menschen auf der Straße, das ist für Deutschland sehr
viel. Das zeigt schon ein Potenzial. Protestbewegungen gehen selten von 0
auf 100. Sie wachsen durch Organisierungsprozesse und Vernetzungen.
taz: Für die kommenden Proteste am 20. November wird nun bereits über
Demoverbote geredet. Tragen solche Debatten eher zur Mobilisierung bei oder
schaden sie?
Teune: Beides kann zutreffen. Das Reden über Demonstrationsverbote
bestätigt zunächst einmal die Wahrnehmung, dass die Politik nicht Teil der
Lösung ist. Das kann dazu führen, dass man noch entschlossener auf die
Straße geht. Auf der anderen Seite wird es am Wochenende auch Leute gegeben
haben, die im Prinzip bereit wären, einzusteigen, sich aber auch von der
Ankündigung der polizeilichen Gewalt haben abschrecken lassen. Das harte
Durchgreifen der Polizei ist ja sehr klar kommuniziert worden.
taz: „Gen Z regelt“ hat sich sehr deutlich und umfangreich von Gewalt
distanziert, hat auch zum Beispiel von Vermummung abgeraten. War das
wichtig für die Legitimität oder spaltet so etwas auch?
taz: Auch das ist eine alte Debatte. Manche argumentieren, sobald ein
Protest mit Gewalt in Verbindung gebracht wird, schwinden die Chancen, eine
Wirkung zu entfalten. Andere sagen, es braucht Bilder von Widerspruch, um
gesellschaftliche Wirkung zu entfalten, weshalb man sich auch nicht
vorschreiben lassen darf, wie man zu demonstrieren hat. Beides kann
zutreffen. Das kommt dann immer auf die genauen Umstände an.
taz: Bildungsministerin Karin Prien (CDU) möchte nun einen Bildungsgipfel
veranstalten. Ist das schon ein erster Erfolg?
Teune: Dass überhaupt die Perspektive von Jugendlichen beachtet wird, ist
durchaus ein Erfolg. Das war ja in den letzten Jahren kaum mehr der Fall.
Die Aufmerksamkeit ist also schon ein Potenzial. Andererseits gab es nach
den Protesten von Fridays for Future sogar ein Urteil des
Bundesverfassungsgerichts, das Generationsgerechtigkeit als entscheidend
bewertet hat – wirkliche praktische Verbesserungen gab es trotzdem nicht.
Die Ankündigung eines Gipfels alleine heißt also nicht viel.
3 Nov 2026
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(DIR) Timm Kühn
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