# taz.de -- Kreativität bei Protesten: Danke, liebe Jugendbewegung
> Moshpit und Polonäse: Der Gen-Z-Protest ist wohltuend. Man sollte ihn
> nicht auf Gewalt verengen.
(IMG) Bild: Protest in Paris am 31.10.2026. Die One-Piece-Fahne, wurde zum globalen Symbol für Jugendproteste
Vor den Protestierenden in Paris [1][hat sich die Polizei aufgebaut und sie
festgesetzt]. Mit ihren Schutzschilden in Vollmontur bilden sie eine Wand.
Beirren lassen sich die Studierenden und Schüler:innen von ihnen aber
nicht. In der Hocke sitzend haben sie einen Kreis gebildet, eine Trommel
gibt den Takt vor, dazu spielt eine Trompete, dann springen sie auf und
gröhlen: „J’ai deux passions: la fanfare, la revolution“, „Ich habe zwei
Leidenschaften: die Musikkapelle und die Revolution“.
Sie rempeln sich an und springen durchs Moshpit und bilden dann auch noch
eine Polonäse. Man bekommt fast den Eindruck, sie feiern ein Fest und
befinden sich nicht in einem Polizeikessel.
So schön kann Widerstand sein. Die Freude ist dabei kraftvoller als die
Wut, als würden sie mit breitem Grinsen den Polizistinnen ins Gesicht
schauen und fragen: Wie lächerlich wollt ihr euch mit diesem Großaufgebot
eigentlich machen?
Die Freude am Protest ist ansteckend. Zu Hause konsumiere ich die Bilder,
bin angefixt und wäre gern selbst auf der Straße (stattdessen liege ich
krank im Bett). Ich sehe die Videos von Demonstrierenden in Leipzig, die
sich an die Hand nehmen und miteinander tanzen, vom „Orchester der neuen
Welt“, die klassische Musik in den Protest tragen und sowohl „Die
Internationale“ als auch „The Hanging Tree“, die Widerstandshymne aus
[2][„Tribute von Panem“] spielen. Sie machen auch dann noch weiter, als
Wolken von Tränengas auf den Platz ziehen.
Es ist ein starker Kontrast zu den Bildern der Zerstörung, der Gewalt, der
Straßenschlachten, die sonst medial besonders präsent sind. Brennende
Barrikaden klicken sich besser. Solange Politiker*innen immer wieder
den Blick auf die Gewalttaten lenken, bestimmen sie den Diskurs über die
Proteste.
Das ist kein neuer Move: Disruptive Proteste werden gern als etwas
Negatives dargestellt. Das geschieht zurzeit insbesondere von rechts, indem
sie die diverse und heterogene Gruppe der Demonstrierenden pauschal
verunglimpfen.
Natürlich kann ein Protest gegen massive soziale Missstände nicht nur
Friede, Freude, Eierkuchen sein. Es braucht die Wut, den klaren Blick auf
die Zustände. Aber Kreativität und Humor gehören eben auch dazu. Auf diese
Weise artikulieren die Protestierenden auch ihre Forderungen, erzählen von
sich und ihren Problemen.
Die Videos, die die Lust auf Engagement transportieren, ziehen am Ende auch
mehr Menschen auf die Straßen. Die Bewegung bedient sich der popkulturellen
Elemente der Gen Z. Die „Tribute von Panem“-Referenzen, die
One-Piece-Fahne, die zum globalen Symbol für Jugendproteste geworden ist,
und die Hymnen, die sie gerade selbst schreiben, laden dazu ein, sich in
der Breite anzuschließen.
Sie schaffen einen Zugang über klassisch linke Strukturen hinaus und bieten
die Möglichkeit, sich mit den Protesten zu identifizieren.
Science-Fiction-Erzählungen darüber, wie sich in Zukunft eine rebellierende
Gruppe gegen ein dystopische Welt wehrt, haben unser popkulturelles
Verständnis geprägt. Genauso niederschmetternd fühlt sich der Blick in die
Zukunft für viele junge Menschen gerade an.
Wie wohltuend diese Proteste sind! Ich denke zurück an das Konzert, auf dem
ich [3][zuletzt war bei der Rapperin Ebow]. An dem Abend geht es um all den
Schmerz. Ebow rappt über den Rechtsruck, ausbeuterische
Arbeitsverhältnisse, die zunehmende Gewalt gegen Transpersonen, um Täter,
Rassismus und unterdrückte Völker weltweit.Das Publikum ist queer, ein
Gefühl von Glück und Freude erfüllt mich; ich weiß, ich bin nicht alleine.
Für diese Momente bin ich der neuen Jugendbewegung dankbar.
6 Nov 2026
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## AUTOREN
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