# taz.de -- Sozialproteste in Frankreich: Mit Fanfaren und Trompeten
       
       > Mehrere Hunderttausend Menschen sind in Frankreich auf die Straße
       > gegangen. Dass die Behörden die Demos erlaubt haben, gibt der Bewegung
       > neuen Auftrieb.
       
 (IMG) Bild: Als Superhelden würden sie für bessere Löhne sorgen und die Schulen besser ausstatten
       
       Die sozialen Proteste in Frankreich haben am Donnerstag mit einem
       Generalstreik der Gewerkschaften einen neuen Höhepunkt erreicht. Der Grund
       der massiven Mobilisierung ist eine sinkende Kaufkraft in beinahe der
       gesamten Bevölkerung und die im Staatshaushaltsentwurf für 2027
       angekündigten Einsparungen bei den öffentlichen Ausgaben. Dieser
       Regierungsentwurf für ein Budget – mit Einsparungen von 54 Milliarden Euro
       – ist zudem am Mittwochabend mit überraschender Einstimmigkeit von den
       Abgeordneten in der Nationalversammlung verworfen worden.
       
       An den rund 250 Kundgebungen in ganz Frankreich haben sich mehrere
       Hunderttausend Menschen, vermutlich nahezu eine Million, beteiligt. Mit den
       Gewerkschaften demonstrierten auch die Schüler*innen und Studierenden,
       die bereits seit 6 Wochen mit Streiks, Blockaden und Kundgebungen für
       bessere Studienbedingungen und gegen das derzeitige Selektionsverfahren
       namens Parcoursup, das Präsident Emmanuel Macron eingeführt hatte, kämpfen.
       
       ## „La fanfare et la révolution“
       
       Mit dabei bei den Straßenprotesten ist auch eine durch steigende
       [1][Energiekosten neu entflammte Bewegung der Gilets jaunes (Gelbwesten),
       die schon 2018/2019 die Staatsmacht erzittern] ließen. Neu war auch die
       Abkürzung Gen Z auf Plakaten und Schildern der Demonstrierenden zu sehen.
       Und in mehreren Städten stimmten jeweils Hunderte von Musikern der
       „Orchester der Neuen Welt“ eine neue revolutionäre Hymne der Bewegung an:
       „Nous avons deux passions: la fanfare et la révolution“, auf Deutsch: „Wir
       haben zwei Leidenschaften: das Trompetensignal und die Revolution.“
       
       Allen Demonstrierenden geht es indes zur Hauptsache um ihre Kaufkraft, die
       durch eine jährliche Teuerung von 3,4 Prozent und vor allem wegen massiv
       gestiegener Energiekosten sinkt. Sie fordern Lohnerhöhungen über den
       Teuerungsausgleich hinaus. Die Regierung meint dazu, dass Frankreichs
       enorme staatliche Verschuldung Gehaltserhöhungen für die Beamten nicht
       zulasse und im Privatsektor bloß die Spirale der Inflation weitertreiben
       könnte. Die Gewerkschaften aber sind der Ansicht, die Lohnabhängigen hätten
       ihren Teil der Anstrengungen erbracht, es sei nun an den „Ultrareichen“,
       mit zusätzlichen Solidaritätsabgaben die Staatskasse zu füllen.
       
       ## Eine „Konvergenz der Wut“
       
       Die Staatsführung ist mittlerweile mit einer „Konvergenz“ der Wut aus
       verschiedenen Richtungen konfrontiert. Dass es so weit kommen konnte, ist
       weniger das Ergebnis einer politischen Strategie von [2][„ultralinken“
       Kreisen oder der Linkspartei LFI von Jean-Luc Mélenchon]. Vielmehr ist es
       das Resultat einer manifesten Unfähigkeit der Regierung von Sébastien
       Lecornu zuzuschreiben, mit den diversen Bewegungen einen ernsthaften und
       erfolgversprechenden Dialog zu führen. Der Premierminister hatte vergeblich
       gehofft, dass die protestierenden Jugendlichen sich mit der Zeit beruhigen
       und wieder in den Unterricht zurückkehren oder durch die Repression
       eingeschüchtert würden.
       
       Eigentlich wollten die Behörden in vielen Städten keine Demonstrationen
       mehr im Zentrum zulassen – mit dem Hinweis auf die Gefahr, dass es wie am
       [3][17. Oktober in Paris, Marseille, Limoges oder Lyon] am Rande von
       Kundgebungen zu Plünderungen und gewaltsamen Zusammenstößen mit der Polizei
       kommen könnte. Am Donnerstag durften die Proteste zwar stattfinden, doch
       der Unmut gegen diese Restriktionen eint Gewerkschaften, Jugendliche und
       Gelbwesten zusätzlich.
       
       „Was für ein Spiel treibt die Regierung da?“, fragte im Fernsehinterview
       die Gewerkschaftsvorsitzende des CGT-Gewerkschaftsverbands, Sophie Binet.
       Sie protestierte gegen das „Pokern“ der Behörden, die auf die Gesuche für
       Demonstrationsstrecken oft negativ und vor allem in letzter Minute
       antworten: Weil es nicht möglich sei, die Geschäftsstraßen vor den
       „casseurs“ zu schützen, sollen die Kundgebungen – wenn überhaupt – nur noch
       am Stadtrand stattfinden. Die Staatsführung gleite da gefährlich in
       Richtung autoritäres Regime ab, kritisierte nicht nur Bidet, sondern auch
       die französische Menschenrechtsliga und Anwaltsvereine.
       
       Die Gelbwesten rufen in den Netzwerken bereits zu einer Fortsetzung der
       Proteste am Freitag und Samstag auf – mit oder ohne behördliche
       Genehmigungen. Ermutigt durch die Massenkundgebungen am Donnerstag fordern
       sie die Autorität des Staates zu einer Kraftprobe auf der Straße heraus.
       
       5 Nov 2026
       
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