# taz.de -- Ausschreitungen nach Gen-Z-Protesten: Und wieder als fremd markiert
       
       > Unionspolitiker machen das „migrantische Millieu“ für Ausschreitungen in
       > Frankfurt verantwortlich. Kein Wunder, dass sich die ständige Ausgrenzung
       > in Wut verwandelt.
       
 (IMG) Bild: Dass es nun in Frankfurt offensichtlich mehr Racial Profiling geben wird, ist nicht nur juristisch fragwürdig
       
       Wie lange bleibt man ein Migrant? Diese Frage müssen sich migrantisch
       gelesene Personen seit Jahrzehnten stellen. Laut den Aussagen von
       Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) und dem hessischen
       Innenminister Roman Poseck (CDU) ändert offenbar auch ein deutscher Pass
       nichts daran, dass man für immer Migrant bleibt.
       
       Denn Dobrindt und Poseck machten eine für sie ganz selbstverständliche
       Unterscheidung: Diejenigen, die an den [1][Ausschreitungen nach den
       Gen-Z-Protesten am Wochenende] beteiligt gewesen seien, hätten zwar
       überwiegend die deutsche Staatsbürgerschaft, gehörten aber zu den „Chaoten
       aus dem migrantischen Milieu“.
       
       Das ist letztlich das, was CDU-Politiker seit Jahren mit Begriffen wie
       „kleine Paschas“ oder einem [2][„Problem im Stadtbild“] kommunizieren und
       mittlerweile noch offener aussprechen: Egal, in welcher Generation ihr seid
       und welchen Pass ihr habt, ihr gehört eben nicht dazu.
       
       ## Der gute Migrant ist unsichtbar
       
       Frankfurt ist eine migrantische Stadt. 58 Prozent der Bevölkerung haben
       eine Einwanderungsgeschichte. Hier hat man längst verstanden, dass man in
       einer Migrationsgesellschaft lebt und migrantische Menschen
       selbstverständlich zum „Stadtbild“ gehören. Noch absurder ist, dass Poseck
       diese Aussagen am Sonntag neben dem Frankfurter Oberbürgermeister Mike
       Josef trifft, der selbst eine Fluchtgeschichte hat.
       
       Also, wer soll dieses „migrantische Milieu“ genau sein? Wer ist damit
       gemeint? Stellte man dies am Samstagabend bei Polizeikontrollen anhand des
       deutschen Passes, der Familiengeschichte oder der Hautfarbe fest? Und warum
       wird ein Großteil der Frankfurter Stadtgesellschaft unter Generalverdacht
       gestellt?
       
       Für die jungen Menschen aus Frankfurt ist es ein weiterer Schlag ins
       Gesicht, wenn dabei vom „Zeil-Klientel“ gesprochen wird, die Rechtsbrüche
       begehe und teilweise gewaltbereit sei. Gemeint sind damit offenbar auch
       migrantische Menschen, die sich am Wochenende auf Frankfurts Einkaufsmeile,
       der Zeil, treffen und dort Spaß haben. Denn hier wird klar: Die guten
       Migrant:innen sind offenbar diejenigen, die in ihren Vierteln bleiben,
       unsichtbar sind und ihren Spaß woanders haben, damit die sogenannte
       Mehrheitsgesellschaft möglichst nicht mit ihnen konfrontiert ist.
       
       Was in Frankfurt am Wochenende passiert ist, war teilweise brutal. Es ist
       erschreckend, wie Frankfurts Einkaufsmeile am Wochenende ausgesehen hat
       und, dass nun viele Ladenbesitzer mit finanziellen Konsequenzen rechnen
       müssen.
       
       Als Antwort darauf will die hessische Polizei Männer aus dem „migrantischen
       Milieu“ noch stärker in den Fokus nehmen. Es ist längst bekannt, dass
       [3][die Frankfurter Polizei ein Rechtsextremismusproblem] hat. Dass es in
       Frankfurt nun aber noch mehr Racial Profiling geben wird, ist nicht nur
       juristisch fragwürdig. Es stellt sich auch die Frage, welches Problem damit
       gelöst werden soll.
       
       ## Migration soll alles erklären
       
       Diese stark diskriminierende Politik, rassistischen Aussagen sowie
       Kontrollen tragen gerade nicht dazu bei, dass sich junge migrantische
       Menschen als Teil dieser Gesellschaft fühlen. Im Gegenteil: Sie verstärken
       das Gefühl, ausgeschlossen und diskriminiert zu werden. Denn seit Jahren
       wird eine ganz klare politische Linie verfolgt: Möglichst viele
       gesellschaftliche Probleme, von fehlenden Zahnarztterminen bis hin zu
       Antisemitismus sollen sich offenbar ganz einfach mit Migration erklären
       lassen.
       
       Dazu kommt, dass migrantische Menschen, die sich in den vergangenen Jahren
       an propalästinensischen Demonstrationen beteiligt haben, häufig pauschal
       kriminalisiert und ihre Anliegen ignoriert wurden. Man darf eben auch nicht
       vergessen, dass viele Jugendliche in Frankfurt damit aufgewachsen sind,
       dass [4][vor sechs Jahren in Hanau ein Rechtsextremist neun Menschen
       ermordet] hat. Die Ermordeten gehörten ebenfalls zu den Menschen, die heute
       wohl unter das fallen würden, was als „Zeil-Klientel“ bezeichnet wird.
       
       An jenem Abend versuchte Vili Viorel Păun, die Polizei zu erreichen, blieb
       jedoch ohne Hilfe und starb. Für Hamza Kurtović hatte es tödliche
       Konsequenzen, dass der Notausgang in der Arena Bar verschlossen war. Was
       bei den Hinterbliebenen, aber auch bei vielen jungen Menschen nach all den
       Jahren hängen geblieben ist, ist die Erkenntnis: Ein Rassist kann sie
       ermorden, ohne dass die notwendigen Konsequenzen folgen und tatsächlich
       jemand Verantwortung übernimmt.
       
       Es ist keine Überraschung, dass diese Menschen irgendwann das Gefühl
       verlieren, politisch repräsentiert zu werden. Wer sie ständig
       kriminalisiert und ihnen das Gefühl gibt, nicht dazuzugehören, sollte sich
       nicht darüber wundern, wenn sie sich irgendwann tatsächlich nicht mehr als
       Teil dieser Gesellschaft verstehen.
       
       2 Nov 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Yağmur Ekim Çay
       
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