# taz.de -- Merz auf Asienreise: Drahtseilakt in Seoul
       
       > Der deutsche Kanzler möchte in Ostasien freien Handel bewerben. Doch dort
       > sorgt man sich vor wachsendem Protektionismus der EU.
       
 (IMG) Bild: Gute Stimmung zwischen Südkoreas Präsident Lee Jae Myung und Kanzler Merz
       
       Als [1][Friedrich Merz] die Asien-Pazifik-Konferenz in Seoul eröffnet, ist
       ihm die Gunst des prallgefüllten Ballsaals sicher. Der Kanzler bringt eine
       Botschaft mit, die man gerade im exportorientierten Südkorea ganz besonders
       gern hört: „Wir schließen uns entschlossen gegen Unilateralismus,
       autokratische Machtpolitik und Verstöße gegen internationales Recht
       zusammen“, sagte er – und warb erneut dafür, den freien Handel mit
       gleichgesinnten Partnern zu stärken.
       
       Für Deutschland ist die Asienreise des Kanzlers ein Drahtseilakt. Die
       Bundesrepublik muss dringend ihre Volkswirtschaft diversifizieren,
       schließlich sind in den letzten Jahren zwei wichtige Säulen des deutschen
       Wohlstands weggebrochen: billige Energielieferungen aus Russland sowie der
       chinesische Absatzmarkt. Obendrein zerstört die Zollpolitik von
       US-Präsident Donald Trump jegliche langfristige Planbarkeit in den USA.
       
       Die Asien-Pazifik-Region bietet der krisengeplagten deutschen Wirtschaft
       zumindest ein bisschen Grund für Optimismus. Hier befänden sich einige der
       dynamischsten Volkswirtschaften und leistungsstärksten Industriestandorte
       der Welt, sagte etwa Siemens-Chef Roland Busch: „Die Frage ist: Wie können
       wir diese Chancen in Wachstum für beide Regionen umwandeln?“
       
       Die Antwort darauf ist diffizil. Das offenbart ein Blick auf die Statistik:
       Zwar steuert Deutschlands Außenhandel mit der Region für das laufende Jahr
       auf ein Wachstum von 2,7 Prozent zu. Doch gleichzeitig erleidet Deutschland
       ein sattes Handelsdefizit. Und das hat vor allem einen Grund: China. Der
       Exportüberschuss der Volksrepublik gegenüber Deutschland dürfte sich auf
       eine Rekordsumme von über 110 Milliarden Euro belaufen.
       
       ## Exzessive Subventionen und künstlich niedrige Währung
       
       Die Gründe dafür sind eine Mischung aus eigenen Versäumnissen. Doch
       gleichzeitig spielt der chinesische Staat mit Instrumenten, die dem
       Regelwerk der Welthandelsorganisation WTO vehement widersprechen: von
       exzessiven Subventionen bis hin zu einer künstlich niedrig gehaltenen
       Währung. „Europa muss sich gegen Wettbewerbsverzerrungen aus China wirksam
       schützen. Gleichzeitig dürfen langjährige und verlässliche Handelspartner
       wie Südkorea dadurch nicht schlechtergestellt werden“, sagt Tanja Gönner,
       Hauptgeschäftsführerin vom Industrieverband BDI. Handelsschutz sei kein
       Selbstzweck, sondern müsse gezielt Wettbewerbsgleichheit herstellen.
       
       Damit bringt sie das entscheidende Dilemma Europas auf den Punkt. Erst vor
       kurzem hat sich EU-Handelskommissar Maroš Šefčovič mit Peking auf eine
       [2][Drosselung chinesischer Exporte] von Hybridautos verständigt. Die
       Lieferungen in die EU sollen so um mehr als die Hälfte zurückgehen. Doch
       was aus Sicht Brüssels wie ein Erfolg klingt, wird in Seoul und anderen
       asiatischen Hauptstädten mit Argusaugen betrachtet. Denn die EU-Maßnahmen
       sind zwar im Kern gegen China gerichtet, doch als „Kollateralschaden“
       dürften sie auch andere Staaten treffen. Schließlich möchte die EU bei
       Auftragsvergaben stärker auf lokale Wertschöpfung „made in Europe“ setzen –
       klassischer Protektionismus eben. Südkoreas Auto- und Rüstungsfirmen
       dürften schon bald das Nachsehen haben, wenn es um die Vergabe öffentlicher
       Gelder geht.
       
       Von den CEOs bei der Asien-Pazifik-Konferenz werden die Signale aus Brüssel
       daher mit gemischten Gefühlen aufgenommen. Dass man auf [3][chinesische
       Überkapazitäten] reagieren müsse, darüber herrscht weitgehender Konsens.
       Doch sollen die Maßnahmen chirurgisch genau erfolgen, möglichst wenig
       Aufsehen erregen – und nicht davon ablenken, dass man in Europa vor allem
       die eigenen Hausaufgaben machen soll. Ein Drahtseilakt, der fast unmöglich
       zu bewerkstelligen ist.
       
       30 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
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 (DIR) [3] /Europas-Stellung-im-Welthandel/!6213101
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Fabian Kretschmer
       
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