# taz.de -- Linke will in Berlin regieren: Junge Linkspartei erstaunlich schnell erwachsen
       
       > Mit großer Mehrheit hat sich der Parteitag der Linken für
       > Koalitionsverhandlungen mit Grünen und SPD ausgesprochen. Die Aussicht
       > aufs Rote Rathaus wirkt Wunder.
       
 (IMG) Bild: Die große Mehrheit der Linken will regieren
       
       Einen Moment gibt es, da muss Kerstin Wolter einschreiten. Die
       Landesvorsitzende der Berliner Linkspartei geht ans Mikro und macht den
       Delegierten deutlich, dass eine Annahme des zur Abstimmung stehenden
       Antrags das Aus für Koalitionsverhandlungen mit Grünen und SPD in Berlin
       bedeuten würde.
       
       „Die Linke Berlin kritisiert die am 8. Oktober 2026 zwischen SPD, Grünen
       und unserer Partei getroffene Vereinbarung zum Start der Sondierungen“,
       heißt es in dem Antrag, den der Bezirksverband Steglitz-Zehlendorf
       eingebracht hat.
       
       Das mühsam ausgehandelte Papier soll nach Willen der Parteiführung Teil des
       Koalitionsvertrags für ein Berliner Linksbündnis werden. So steht es auch
       im Sondierungspapier, [1][auf das sich Linke, Grüne und SPD geeinigt
       hatten]. Eine Annahme wäre der Knall gewesen, auf den viele gewartet haben.
       
       Der Antrag wird deutlich abgeräumt. Und mit ihm auch das
       Antisemitismusthema, das die Berliner Linke seit Beginn [2][der
       Vorgespräche mit Grünen und SPD] begleitet. Zumindest an diesen
       Parteitagssamstag im Lichtenberger Dong-Xuan-Haus. Zwei Drittel der
       Delegierten stehen zur „Berliner Vereinbarung“, die jüdisches Leben
       schützen soll und für das Existenzrecht Israels eintritt.
       
       Am Ende stimmen sogar nur zehn der über 150 anwesenden Delegierten gegen
       die Aufnahme von Koalitionsverhandlungen. Damit ist der Weg dafür frei,
       gleich am Montag soll es damit losgehen. Die Linke, von der es immer wieder
       heißt, viele in der Partei wollen gar nicht regieren, hat an diesem Samstag
       überraschend deutlich ihre Bewährungsprobe bestanden.
       
       ## Die Aussicht auf das Rote Rathaus diszipliniert
       
       Das hat auch mit der Aussicht aufs Rote Rathaus zu tun. Kein Satz ist an
       diesem Samstag häufiger zu hören als der, dass Berlin mit Elif Eralp an der
       Spitze eines Linksbündnisses Geschichte schreiben könne.
       
       Berlin bezahlbar zu machen, das weiß auch die übergroße Mehrheit der
       Delegierten, gelingt in einer von der Linken geführten Koalition eher als
       aus der Opposition. Diese realpolitische Häutung ist insofern
       bemerkenswert, als die Linke – mit 19.000 Mitgliedern Berlins größte Partei
       – zuletzt rasant gewachsen ist und sich verjüngt hat. Ende 2024 noch
       [3][waren es nur rund 8.000].
       
       Nun sind die jungen Wilden in der Linken mit dem Roten Rathaus vor Augen
       quasi im Zeitraffer erwachsen geworden. Die Grünen haben für eine solche
       Häutung beim Thema Militanz in den achtziger Jahren deutlich länger
       gebraucht.
       
       Wie erwachsen die Partei am Ende tatsächlich ist, wird sich zeigen, wenn
       eine Mitgliederbefragung über einen Koalitionsvertrag entscheidet. Eine
       andere Entscheidung könnte aber schon am Samstag gefallen sein. Indem die
       umstrittene Abgeordnete Vanessa Emde vor der Halle gegen die eigene Partei
       demonstrierte, hat sie sich demonstrativ ins Abseits gestellt.
       
       Diejenigen der 44 Linken-Abgeordneten, darunter 35 neue, die bislang bei
       einem Rauswurf aus der Fraktion gezögert haben, dürften jetzt Klarheit
       haben. Emde hat nicht das Rote Rathaus vor Augen, [4][sondern das eigene
       Ego].
       
       1 Nov 2026
       
       ## LINKS
       
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