# taz.de -- Die verzettelte Kunst von Anna Oppermann: Im Rabbithole der Gedanken
       
       > Fantastisch verzettelt ist die Installationskunst von Anna Oppermann. Im
       > Frankfurter sasfee*pavillon ist zu sehen, wie sich die 1993
       > verstorbene Künstlerin einen Begriff von den Dingen machte.
       
 (IMG) Bild: Anna Oppermann: „Portrait Anna Oppermann“, 1982
       
       Wer der üblichen Besuchslogik entgegentritt und vor dem Rundgang durch Anna
       Oppermanns Ausstellung erst einmal die Stufen hinab ins Untergeschoss
       steigt, findet hier vielleicht die passende Vorbereitung auf die Schau.
       Eine Absolution, erteilt von der Künstlerin selbst. Manche
       Ausstellungsbesucher*innen dächten nämlich, sie müssten alles
       durchlesen oder würden frustriert ob der Fülle des Materials: „Das ist ja
       furchtbar!“ Im Grunde könne man sich einzelne Dinge herausnehmen, die einen
       besonders interessieren, sagt Anna Oppermann da in einem alten, nun wieder
       gezeigten TV-Beitrag.
       
       Eine schwierige, aber anregende Übung ist ihr Auftrag, steht man zwischen
       ihren überbordenden Ensembles aus unzähligen Schriftbildern, Notizen,
       Zetteln, Fotografien, Collagen, Objekten, Zeichnungen und Zimmerpflanzen:
       Der saasfee*pavillon in Frankfurt am Main zeigt „Das Blaue vom Himmel“,
       eine [1][Einzelausstellung von Anna Oppermann.] (Der Sohn der Künstlerin,
       Alex Oppermann, ist ein Gründungsmitglied von saasfee – das spielt keine
       unmittelbare Rolle, aber man kann Hinweise auf die Mutter-Sohn-Beziehung in
       der Installation finden).
       
       Ein gar nicht so ungewöhnlicher Ort ist der von einem Kollektiv betriebene
       Kunstraum [2][für diese Hamburger Künstlerin] mit engen Verbindungen nach
       Frankfurt. Insbesondere das großformatige „Das Blaue vom Himmel
       herunterlügen 1988–1990“, das sich über einen gesamten ins Grüne verglasten
       Ausstellungsraum mitsamt Einblick um die Ecke zieht, gewinnt hier gegenüber
       dem klassischen White Cube.
       
       Gestaltung, Goethe oder Sprichworte um Wahrhaftigkeit – aus diesen groben
       Themensammlungen gestaltete Anna Oppermann höchst subjektive
       Assoziationsketten, die sie in Form zeitgenössischer Altare herrlichster
       (Selbst-)Referenzen präsentierte. Immer tiefer geht es mit der Künstlerin
       ins Rabbithole der Gedanken, die sich zunehmend in den physischen Raum
       fressen.
       
       ## Wie mit dem Nachlass umgehen?
       
       Aber ist so ein Aufbau künstlerisch legitim, wo Anna Oppermanns Arbeiten
       eigentlich nur durch sie selbst immer wieder neu aufgebaut und durch
       Ansichten der jeweiligen Vorgängerinstallation ergänzt werden konnten? Als
       Anna Oppermann 1993 viel zu früh im Alter von 53 Jahren starb, hinterließ
       sie keinen Wunsch, wie nach ihrem Tod mit ihrem Werk weiter umgegangen
       werden sollte, erklärt die Kuratorin Anna Schäffler.
       
       Museen hatten ihre Arbeiten ausgestellt, aber nicht angekauft. Der Großteil
       der Ensembles befand sich zum Zeitpunkt ihres Todes im Besitz der
       Künstlerin. „Oppermanns Lebensgefährte Herbert Hossmann, der ihr ab Ende
       der 1970er Jahre bei nahezu allen Aufbauten assistierte, entwickelte
       gemeinsam mit einer Nachlassgruppe die sogenannte ‚installierende
       Neuinterpretation‘. Diese Praxis nahm Oppermanns offene Ensemblemethode zum
       Ausgangspunkt.“ Statt einer exakten Rekonstruktion werde jeder Aufbau an
       die jeweiligen räumlichen Gegebenheiten angepasst.
       
       Bemerkenswert ist Anna Oppermanns heute ungewohnt kritischer [3][Blick auf
       die Produktgestaltung], oder besser noch, auf den Heilungsanspruch, mit dem
       jene Disziplin für alle möglichen Felder der Gesellschaftspolitik in
       Anspruch genommen wird. Anna Oppermanns kleineres Ensemble „Antidesign“
       scheint da gar etwas zu spotten und Einspruch gegen ein allzu lineares
       Designverständnis zu erheben. Auf Skizzen zum „Konzeptschel“ mit seinen
       Überlegungen, zu welcher Formfindung der weibliche Unterkörper so alles
       herangezogen werden könnte, kriegt ihre Kunst auch eine feministische
       Breitseite.
       
       Oppermann schien es darum zu gehen, sich erst einmal einen Begriff von den
       Dingen zu machen, Hadern, das Für und Wider durchzuarbeiten, auch jenes der
       eigenen Gedanken. Paradoxien suchen und finden. Sich aber, und darin
       unterscheidet Oppermanns Kunst sich vehement vom passiven, apokalyptischen
       Doomscrolling dieser Tage, nicht im wörtlichen Sinne übermannen zu lassen.
       Es ist eine große Freude, der Künstlerin dabei zuschauen zu können, beim
       fantastischen Sich-Verzetteln.
       
       1 Oct 2026
       
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