# taz.de -- Jurist über Gen-Z-Proteste: „Politiker nehmen Einschüchterung bewusst in Kauf“
> CDU und Polizeigewerkschaft drohen bei den Gen-Z-Protesten mit einer
> Polizei ohne Gnade. Der Jurist Michael Plöse erklärt, was solche
> Äußerungen anrichten.
(IMG) Bild: Blockade am Andreas-Gymnasium in Friedrichshain am 16. Oktober
taz: Herr Plöse, am Samstag wollen im Rahmen der Gen-Z-regelt-Proteste
bundesweit über Hunderttausend junge Menschen auf die Straßen gehen, viele
davon minderjährig. Was bedeutet das für die Polizei? Muss sie anders
agieren, als wenn sie Erwachsene vor sich hat?
Michael Plöse: Grundsätzlich ist die Versammlungsfreiheit unabhängig vom
Alter als Grundrecht gewährleistet und so auch durch die
UN-Kinderrechtskonvention verbürgt. Nur nach der Festnahme von Jugendlichen
gelten besondere Regeln. Denn wenn die Polizei Minderjährige befragen will,
darf sie das nur im Beisein der Erziehungsberechtigten.
taz: Von CDU-Politikern wird bereits vor Krawallen gewarnt. Manuel Hagel,
Innenminister von Baden-Württemberg, droht mit „aller Härte des
Rechtsstaats“. Wie wirkt sich das auf das polizeiliche Handeln aus?
Plöse: Zunächst ist natürlich rechtlich irrelevant, was irgendwelche
Innenminister von sich geben. Denn der Staat muss das Grundrecht der
Versammlungsfreiheit ermöglichen. Versammlungen sind notwendige
Risikoanzeiger für eine gesellschaftliche Entwicklung. Proteste sind also
eine notwendige Stellschraube der freiheitlichen demokratischen
Grundordnung.
taz: Was halten Sie dann von solchen Aussagen?
Plöse: Selbst wenn sich diese Drohungen nur gegen einzelne – möglicherweise
tatsächlich gewalttätige – Teilnehmende richten, schrecken sie davor ab,
das Versammlungsrecht wahrzunehmen. Somit nehmen Politiker bewusst in Kauf,
dass friedliche Protestierende sich nicht mehr auf die Straßen trauen, weil
sie Angst vor Ausschreitungen oder Maßnahmen des polizeilichen Zwangs
haben.
taz: Rechnen Sie denn mit Polizeigewalt?
Plöse: Dazu kann es immer kommen. Dafür reicht schon ein Missverständnis.
Wenn die Polizei taktische Festnahmen in Situationen durchführt, die für
die Demoteilnehmenden nicht nachvollziehbar sind, kann es zu
Solidarisierungen der Protestierenden kommen. Das kann die Polizei dann
wiederum als Tätlichkeit werten, was sie zu Gewaltausübung berechtigt.
Gerade bei jungen Menschen sollte die Polizei deshalb vorsichtig vorgehen.
taz: Bei zwei Schulblockaden vorletzte Woche in Berlin ging die Polizei
recht rabiat gegen die Schüler:innen vor, es gab Rangeleien und auch
Festnahmen. Ist das gerechtfertigt?
Plöse: Das kommt immer auf den Einzelfall an. Ein Schubser gegen einen
Polizeibeamten genügt strafrechtlich für die Einstufung als Tätlichkeit.
Die Polizei muss darauf immer verhältnismäßig reagieren. Sie darf aber auch
gewaltvoll gegen Menschen vorgehen, wenn sie Widerstand brechen soll. Das
Gewaltpotenzial ist also sehr asynchron.
taz: Wie sollte die Polizei denn umgehen mit Schulblockaden? Muss sie die
freiräumen?
Plöse: Grundsätzlich gehört die Blockade zum Versammlungsrecht. Wenn sie
ohne Gewalt und Gefahren besteht, hat der Staat sie rechtlich zu schützen.
Wenn allerdings schwerwiegende Sicherheitsbedenken bestehen, kann es sein,
dass die Polizei eine Versammlung auflösen darf. Falls die protestierenden
Personen sich dann nicht freiwillig entfernen, auch mit Zwang.
taz: Was wären denn „Sicherheitsbedenken“?
Dazu gehören beispielsweise konkret blockierte Sicherheitswege für
Krankenwagen. Wenn aber keine Eile geboten ist, darf die Polizei den
Protestierenden keinen Schmerz zufügen.
taz: Konservative und rechte Politiker fordern teilweise, das
Strafmündigkeitsalter von 14 auf 12 Jahre herabzusetzen. Was halten Sie
davon?
Plöse: Die CDU verlangt verantwortungsvolles Handeln von der Jugend,
ignoriert aber ihre fehlende Zukunftsperspektive. Erstens zeigen die
Erfahrungen aus anderen Staaten, dass die Jugendkriminalität durch die
Herabsetzung des Mündigkeitsalters nicht sinkt. Dafür belastet die Regelung
die Gerichte mit vielen zusätzlichen Verfahren. Zweitens wird es nicht den
Anforderungen der Kinderrechtskonvention der Vereinten Nationen gerecht.
taz: Der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Jochen
Kopelke, sprach in einem Bild-Interview davon, dass sich unter die
Schülerschaft auch junge „Krawallmigranten“ mischen würden, die „Bock auf
Gewalt gegen die Polizei haben“. Sie dürften von der Polizei „keine Gnade
erwarten“. Wie verantwortungslos ist das?
Plöse: Da besteht möglicherweise schon ein Anfangsverdacht für
Volksverhetzung. Hier ist eine bestimmte Bevölkerungsgruppe angesprochen.
Wahrscheinlich fällt die Äußerung trotzdem noch unter die Meinungsfreiheit,
deswegen würde ich hier nicht strafrechtlich gegen vorgehen. Aber ich halte
es auf jeden Fall für eine rassistische Äußerung und einen enthemmenden
Aufruf zur Gewalt.
taz: Wieso ist die Aufregung denn eigentlich so groß, wo es doch in
Deutschland, vor allem bei den Schulstreiks gegen die Wehrpflicht, immer
friedlich zuging?
Plöse: Dafür gibt es verschiedene Gründe. Einer ist, dass es für Politiker
viel einfacher ist, Gewaltszenarien heraufzubeschwören, als sich mit den
Problemen der Jugend auseinanderzusetzen. Deshalb delegitimieren sie die
Proteste.
taz: Gab es in der Vergangenheit auch in Deutschland große, gewalttätige
Jugendproteste?
Plöse: Ja, die gab es. Ein Beispiel sind die Schwabinger Krawalle in den
1960er Jahren von Studierenden, Lehrlingen und einer jungen Arbeiterschaft.
Die hunderte Verletzte und Festnahmen führten zu einem Umdenken der Polizei
in Richtung Deeskalation. Auch in den darauf folgenden 1968er-Protesten kam
es zu großen gewaltsamen Auseinandersetzungen mit der Polizei.
taz: Der Berliner Landeschef der GdP hat gesagt, niemand müsse Angst haben,
der sich friedlich verhält. Können sich die Jugendlichen darauf verlassen?
Plöse: Nein, auf keinen Fall. Solche Aussagen halte ich wirklich für
Quatsch. Es ist immer denkbar, dass man als friedliche Person zum
Kollateralschaden einer polizeilichen Maßnahme wird.
28 Oct 2026
## AUTOREN
(DIR) Malte Steinmüller
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