# taz.de -- Proteste und staatliche Gewalt: Wen der Schlagstock trifft
       
       > Wie über Proteste berichtet wird, ist nicht egal. Die erste Quelle nach
       > dem Geschehen ist fast immer die Polizei. Das ist mehr als ein
       > Strukturproblem.
       
 (IMG) Bild: Polizeigewalt in Marseille gegen einen Demonstranten am 24.10.2026
       
       Es knallt gerade auf den Straßen der Welt. In deutschen Medien will die
       Gewalt der Polizei irgendwie keinen Platz finden, erst recht nicht, wenn
       sie zu Hause stattfindet. Das ist leider ziemlich unjournalistisch.
       
       Laut der [1][Carnegie-Stiftung] kam es innerhalb eines Jahres – zwischen
       März 2025 und März 2026 – in mindestens 73 Ländern der Welt zu mehr als 120
       regierungskritischen Protesten, so viele wie seit 2017 nicht mehr. Deutsche
       Medien fokussieren sich lieber auf die mögliche fehlende Rechtmäßigkeit des
       Protests, ordnen aber staatliche Gewalt nicht kritisch ein. Das könnte
       einen heimischen Grund haben.
       
       Wenn in Deutschland über Demonstrationen berichtet wird, ist die Wortwahl
       ein erster Indikator dafür, wie unterschiedlich Gewalt besprochen wird.
       Protestierende „randalieren“, „attackieren“, „durchbrechen Absperrungen“,
       die Polizei „setzt Pfefferspray ein“, „löst auf“, „nimmt Personalien auf“;
       sie handelt also nach Verwaltungsvorschriften.
       
       Die Forschung stützt diese Beobachtung zumindest teils. Nach dem G20-Gipfel
       in Hamburg [2][stellte das Institut für Protest- und Bewegungsforschung
       fest], dass Medien bei Demonstrationen gewaltfixiert berichten: Sobald
       Gewalt im Spiel ist, verschwinden die friedlichen Anliegen aus dem Bild.
       Und eine [3][große Bochumer Studie] wertete über 3.375 Fälle mutmaßlich
       rechtswidriger Polizeigewalt aus.
       
       ## Es fehlt nicht an Warnsignalen
       
       Das ist ein Strukturproblem. Die erste Quelle am Abend einer Demonstration
       ist fast immer die Pressestelle der Polizei. Sie liefert schnelle Zahlen,
       ist sachlich im Ton. Was sie nicht liefert, ist die Perspektive derer, die
       der Schlagstock trifft. Journalist*innen vor Ort können
       gegenrecherchieren, aber auch das behindert die Polizei. Im September 2025
       [4][dokumentierten Pressefreiheitsorganisationen] in Berlin, wie
       Fotojournalist*innen bei einer palästinasolidarischen Demonstration
       weggeführt und aufgefordert wurden, ihre Aufnahmen zu zeigen.
       
       Dabei fehlt es nicht an Warnsignalen. [5][Amnesty International] und der
       [6][UN-Menschenrechtsrat] haben das Vorgehen der Polizei gegen
       palästinasolidarische Proteste kritisiert. Amnesty rügte auch pauschale
       Verbote und die Präventivhaft bei Klimaprotesten. Wenn solche Stimmen in
       der Berichterstattung als Randmeinung auftauchen, stimmt etwas mit der
       Gewichtung nicht.
       
       Wer zu Hause nicht gelernt hat, staatliche Gewalt kritisch einzuordnen,
       bringt diesen Reflex auch nicht mit, wenn er über die Welt schreibt: Bei
       Gegnern, etwa Iran oder Russland, ist Polizeigewalt ein Skandal. Bei
       Partnern ist sie ein „hartes Durchgreifen“, ein „Einsatz“, eine „Reaktion
       auf Ausschreitungen“.
       
       In Frankreich gingen in diesem Oktober Hunderttausende gegen steigende
       Lebenshaltungskosten auf die Straße, rund 2.400 Menschen wurden
       festgenommen, fast 1.000 Beamte verletzt. In Italien reagierte die
       Regierung laut Berichten mit einem Dekret, das einen neuen Straftatbestand
       für gewalttätige Teilnahme an Protesten schafft, und schickte Soldaten nach
       Mailand. Das alles verdient mehr als die Frage, wie gewalttätig die
       Demonstrierenden waren. Es verdient die Frage, was der Staat tut, mit
       welchen Mitteln und mit welcher Kontrolle.
       
       Was wäre zu tun? Das ist nicht kompliziert. Eine Polizeimeldung ist eine
       Behauptung, keine Tatsache. Videomaterial sollte geprüft werden, bevor das
       Narrativ des Abends steht, nicht erst danach. Betroffene und
       Beobachter*innen gehören in den ersten Absatz und nicht in den
       letzten. Und die Frage nach der Verhältnismäßigkeit darf kein Sonderthema
       für Wochenendbeilagen sein.
       
       Ein Journalismus, der staatliche Gewalt nur dort beschreibt, wo sie weit
       weg ist, macht sich die Erzählung der Herrschenden zu eigen. Eine
       Kontrollinstanz ist er damit nicht mehr.
       
       30 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://carnegieendowment.org/emissary/2025/12/global-protests-2025-genz-corruption-economy
 (DIR) [2] https://g20.protestinstitut.eu/#bericht
 (DIR) [3] https://kviapol.uni-frankfurt.de/
 (DIR) [4] https://www.ecpmf.eu/mfrr-condemns-police-interference-with-journalistic-work-in-germany-and-calls-for-protection-of-all-journalists/
 (DIR) [5] https://www.amnesty.de/aktuell/deutschland-einschraenkung-pro-paleastinensischer-proteste
 (DIR) [6] https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/un-menschenrechtsrat-palaestina-demos-100.html
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Yasemin Said
       
       ## TAGS
       
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