# taz.de -- „Gen Z regelt“-Proteste: Der Gesellschaft geben, was sie hören will
       
       > „Gen Z regelt“ ruft zu deutschlandweiten Protesten auf. Gewalt lehnt die
       > Organisation dabei ab. Das stützt zwar die herrschende Macht – ist aber
       > taktisch klug.
       
 (IMG) Bild: Auch am Andreas-Gymnasium in Berlin-Friedrichshain wurde demonstriert
       
       Man kann den Zahlen beim Wachsen zusehen. 39.492 Menschen haben sich,
       während dieser Text geschrieben wird, zur [1][Demo von „Gen Z regelt“] am
       31. 10. angemeldet. Dahinter stehen junge Menschen, die „für Bildung,
       Gesundheit, Klimaschutz, ein bezahlbares Leben und gegen die Wehrpflicht“
       auf die Straße gehen wollen, inspiriert von den [2][Protesten der
       Schüler*innen in Frankreich].
       
       Doch noch bevor überhaupt was passiert ist, distanziert sich die Orga auf
       ihren Kanälen „klipp und klar“ von „jeglicher Gewalt“ und „Extremismus“. Es
       gelte „Null Toleranz für Krawall“, womit auch Gewalt gegen Sachen gemeint
       ist und das Plündern von Läden. „Wer randaliert oder Gewalt sucht, gehört
       nicht zu uns.“
       
       Das tut weh, weil es die Gewalt des Staates und die des Spätkapitalismus
       verkennt, der die Jugendlichen selbst ausgesetzt sind. Aber taktisch ist es
       klug. Und das, obwohl es schwierig ist, Gewalt als Mittel des Protests zu
       delegitimieren.
       
       Oft genug war physische Gewalt notwendig, um kleine Verbesserungen des
       Systems zu erreichen: Die Suffragetten, die in den 1910er Jahren in
       Großbritannien für das Wahlrecht von Frauen einstanden, hatten Erfolg,
       nachdem sie auf Sachbeschädigung und Brandstiftung zurückgegriffen hatten.
       
       ## Es stabilisiert Herrschaftsverhältnisse
       
       Nicht nur als Protestmittel, auch als Symptom eines gewaltvollen
       Spätkapitalismus ist Gewalt anzuwenden legitim. Sich als Bewegung von
       Gewalt zu distanzieren, stabilisiert Herrschaftsverhältnisse, weil es von
       der Gewalt ablenkt, die diese Gesellschaft durchzieht. Sie liegt in
       schlichten Tatsachen: dass die meisten von uns gezwungen sind, ihre
       Arbeitskraft zu verkaufen, immer mehr Teil des Lohns für Miete zu bezahlen
       und jederzeit zwangsgeräumt werden können, wenn sie damit aufhören.
       
       In Deutschland ist die „Keine Gewalt! Nur friedlicher Protest ist
       gut“-Überzeugung weit verbreitet – viel weiter als in Frankreich, wo ein
       bisschen Randale gegen den Staat auf vergleichsweise breites Verständnis
       stößt. Das mag auch historische Gründe haben (Gewalt + Deutschland = nicht
       so viel Gutes bei herausgekommen). Fest steht, dass bis heute viele bis
       weit ins linke Lager Gewalt ablehnen. Die taz war ganz schnell dabei, die
       Geschehnisse in Frankreich [3][„nackte Gewalt mit sinnlosen Zerstörungen“]
       zu nennen.
       
       „Gen Z regelt“ will auch Leute ansprechen, die zum ersten Mal auf eine Demo
       gehen, die Bilder aus Frankreich gesehen haben und berechtigterweise Angst
       haben, auf die Fresse zu bekommen. Dass sie sich deswegen von Gewalt
       distanzieren, ist naiv, weil die Gewalt am Ende von der Polizei ausgehen
       wird. Gerade die Palästina-Soli-Proteste, die erst zusammengeprügelt und
       dann verboten wurden, sind ein Beispiel dafür, dass friedlich bleiben nicht
       vor Gewalt schützt.
       
       Komplett naiv ist „Gen Z regelt“ aber nicht. Auf der Webseite geben sie
       Tipps zur Vorbereitung und für den Fall einer Festnahme: Sie empfehlen
       Bezugsgruppen, ein Aktionshandy, Wechselklamotten, die [4][EA-Nummer],
       genug Wasser, „auch zum Augenausspülen“.
       
       ## Polizeigewerkschafter hat Schaum vorm Mund
       
       Gerade weil Polizeigewalt zu erwarten ist (wir sehen sie in einer
       brutaleren Version in Frankreich), ist es klug, wie „Gen Z regelt“ vorgeht.
       Sie wollen nicht nur „friedlich“ bleiben, sondern sogar Müllsäcke
       mitnehmen, um hinter sich aufzuräumen („Wir wollen laut, kreativ und
       unübersehbar sein, ohne die Stadt in Schutt und Asche zu legen“). Ja, das
       ist cheesy, aber es lässt die Staatsgewalt daneben völlig überzogen
       aussehen.
       
       Wie den Polizeigewerkschafter Jochen Kopelke, der mit Schaum vor dem Mund
       und in rassistischer Manier davor warnte, dass sich „Gen Z regelt“ „junge
       Krawallmigranten“ anschließen könnten, die „Bock auf Gewalt gegen die
       Polizei haben.“ Und: „Die […] dürfen auch keine Gnade von uns erwarten.“
       
       Okay, wow, chill mal, das denken (so oder so ähnlich) vielleicht auch
       Eltern, deren Kinder gerne zur Demo wollen.
       
       Ja, es ist scheiße, dass „Gen Z regelt“ das herrschaftsstabilisierende
       Spiel der selektiven Benennung der einen Gewalt und der Distanzierung von
       ihr mitspielt. Mal sehen, ob es wirklich klug ist, sich dazu noch von
       jeglichem Extremismus abzugrenzen, oder ob dabei nicht viele stabile
       linksradikale junge Menschen verloren gehen.
       
       Für den Moment ist es dennoch nicht dumm, der deutschen Gesellschaft die
       Bekenntnisse zu liefern, die sie hören will. Und der Zulauf reißt nicht ab:
       Seit Beginn dieses Textes sind 6.000 neue Anmeldungen dazugekommen. Wenn
       das so weitergeht, hat „Gen Z regelt“ das Potenzial, nicht nur groß zu
       werden, sondern auch gefährlich.
       
       Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Fassung hieß es, Jochen Kopelke
       habe „Gen Z regelt“ als „junge Krawallmigranten“ bezeichnet. Tatsächlich
       warnte er davor, dass sich solche Gruppen dem Protest anschließen könnten.
       Wir haben die Passage korrigiert.
       
       22 Oct 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://genz-regelt.de/
 (DIR) [2] /Sozialproteste/!t5014728
 (DIR) [3] /Nach-der-Krawallnacht-in-Frankreich/!6222419
 (DIR) [4] https://widersetzen.com/vorbereitung/ea-generator/
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Amira Klute
       
       ## TAGS
       
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