# taz.de -- Debatte um Wahlrecht in Berlin: Warum redet die CDU von Umvolkung?
> Der Vorschlag, das Wahlrecht auszuweiten, macht eine rechtsextreme
> Verschwörungstheorie bei CDU und SPD beliebt. Mit Argumenten ist dem
> schwer beizukommen.
(IMG) Bild: Soll nach Ansicht der CDU in deutscher Hand bleiben: der Wahlzettel
Geht es den Konservativen eigentlich noch gut? Diese Frage stellt sich
dieser Tage häufiger, wenn man den Fehler macht, die Reaktionen auf [1][das
Sondierungsergebnis von Linken, Grünen und SPD] aufmerksam zu verfolgen.
Jüngstes Beispiel ist der Vorschlag, das Wahlrecht auch auf
Berliner:innen ohne deutschen Pass auszuweiten, zumindest auf
kommunaler und Landesebene. Dafür will sich die künftige Koalition
einsetzen – vermutlich mit einer Bundesratsinitiative, die nur wenig
Chancen auf Erfolg hat.
Immerhin, ein konstruktiver Vorschlag, der angesichts des Problems
überfällig ist: Mehr als einem Viertel der Berliner:innen blieb bei den
Abgeordnetenhauswahlen Ende September die demokratische Mitbestimmung
verwehrt. Menschen, die hier leben, arbeiten, zum gesellschaftlichen Leben
beitragen und vor allem maßgeblich von den politischen Entscheidungen
betroffen sind.
Nun könnte man darüber diskutieren, ob es eine kluge Idee ist, eine
Änderung des Grundgesetzes anzustreben, oder welche Folgen es hätte, wenn
eine Person ohne deutschen Pass Berliner Bürgermeister wird – schließlich
beinhaltet der Passus im Sondierungspapier auch das passive Wahlrecht.
Aber von diesem Niveau ist die Debatte weit entfernt. In der Welt sprach
Chefreporterin Anna Schneider von dem lange als rechte Verschwörungstheorie
abgetanen „Bevölkerungsaustausch“, der jetzt in Berlin Realität werde, weil
sich die Linke ihr „neues Wählermilieu“ einverleibe.
## Angeblicher „Immigrations-Turbo“
Damit bläst Schneider ins selbe Horn wie die CDU. Spitzenkandidat Stefan
Evers fürchtete sich vor einem „Turbo für illegale Immigration“, mit dem
die Linke ihre Macht sichern will. Auch SPD-Rechtsaußen Franziska Giffey
warnte vor „schockierenden Bildern aus Frankreich“, die es auch in Berlin
geben werde, wenn in Berlin Menschen ohne deutschen Pass wählen dürften.
Zur Erinnerung: Beim „großen Austausch“ handelt es sich um eine tief in der
Ideologie der extremen Rechten verankerte Verschwörungserzählung. Demnach
planen „globalistische Eliten“ (letztendlich immer nur eine Chiffre für die
Juden) die weiße, christliche Mehrheitsbevölkerung in westlichen Ländern
„zu ersetzen“, indem sie die massenhafte Einwanderung aus überwiegend
muslimischen Ländern fördert.
Schon der Begriff des „großen Austauschs“ impliziert eine gewaltvolle
Verdrängung. Das zeigt sich auch in dem eher in AfD-Kreisen geläufigen
Synonym „Umvolkung“. Mit dem Begriff bezeichneten die Nationalsozialisten
ursprünglich die ethnischen Säuberungen in den eroberten Ostgebieten.
Nun ist das Ziel linker Politik eher, Menschen zu ermöglichen, dort zu
bleiben, wo sie gerne sein wollen, und sie nicht gewaltsam hin- und
herzuschieben. Heruntergebrochen auf den städtischen Kontext von Berlin
heißt das nicht nur, Geflüchtete willkommen zu heißen, sondern auch zu
verhindern, dass Menschen durch immer weiter steigende Mieten verdrängt
werden.
## Austausch im Interesse des Kapitals
Auf der anderen Seite ist der letztlich mit Gewalt durchgesetzte Austausch
von Bevölkerungsteilen seit jeher elementarer Teil einer staatlichen
Politik, die den Interessen des Kapitals verpflichtet ist. Man denke nur an
die über 2.000 Zwangsräumungen, die in Berlin jährlich stattfinden, oder
die zahlreichen geräumten Besetzungen und Hausprojekte. Nicht zuletzt kann
jede*r Vermieter:in mit einer Eigenbedarfskündigung einen
Mini-Austausch durchführen, indem er*sie die Mieter:innen einfach
rausklagt.
Vor diesem Hintergrund wird klar, dass das ganze Gerede vom
Bevölkerungsaustausch wahrscheinlich mal wieder nur Projektion ist. Es geht
in dieser unterirdischen Debatte nicht um Wahlrecht, sondern allein um die
Ängste der Vermögenden und Besitzenden vor Statusverlust.
24 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Jonas Wahmkow
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