# taz.de -- Gregor Gysi zur Linken Berlin: „Wir brauchen rote Linien“
> Gregor Gysi findet, eine linke Regierung in der Hauptstadt muss kommen.
> Ein Gespräch über Vergesellschaftung, Sozialismus und Parteiausschlüsse.
(IMG) Bild: „Die gesamte Daseinsvorsorge muss in öffentlicher Verantwortung sein“, findet Gregor Gysi
taz: Herr Gysi, schön, dass Sie sich Zeit nehmen für die taz. Wie finden
Sie unsere Zeitung eigentlich?
Gregor Gysi: Die ist schon okay, aber sie könnte wieder etwas aufmüpfiger
werden.
taz: Das richte ich aus. So, wir wollen über Berlin sprechen. Die ganze
Republik guckt ja hierher, nach dem fulminanten Wahlsieg der Linken und
jetzt gab es sogar eine Einigung in den [1][Sondierungen von Rot-Grün-Rot].
Sie kennen die Stadt sehr gut. Was sind denn Berlins größte Probleme, die
die kommende Regierung aus Ihrer Sicht lösen muss?
Gysi: In den Augen der Bevölkerung ist die Wohnungsfrage das Wichtigste.
Aber ich glaube, wir haben ein noch größeres Problem: dass Freiheit,
Demokratie und Rechtsstaatlichkeit noch nie so gefährdet waren wie
gegenwärtig und dass das Ansehen der etablierten Politik täglich sinkt. Und
das ist wirklich gefährlich. Davon profitiert die AfD.
taz: Bleiben wir zunächst bei der Wohnungsfrage, die ja auch eine
Demokratiefrage ist, denn eine Mehrheit der Berlinerinnen und Berliner hat
ja [2][für die Vergesellschaftung von Wohnungskonzernen] gestimmt. Das
hätte ja längst alles realisiert werden können. Wurde es aber nicht. Wegen
der SPD, oder?
Gysi: Das kann man so sagen.
taz: Aus Angst vor Vergesellschaftung wird ja viel unternommen, um die
Linke in Berlin zu stoppen. Sogar schon grüne Bundespolitiker wie Felix
Banaszak haben sich eingemischt. Befremdet Sie das?
Gysi: Ach, das ist ein bisschen Wichtigtuerei. Die drei Landesverbände in
Berlin regeln das und aus.
taz: Eingemischt hat sich ja auch Bundeskanzler Merz, der versucht, schnell
noch ein Anti-Enteignungsgesetz zu machen. Wäre das überhaupt
verfassungskonform?
Gysi: Nein. Enteignungen regelt Artikel 14 Grundgesetz. Die meisten
passieren übrigens in Bayern. Um daran etwas zu ändern, müsste man das
Grundgesetz ändern. Dazu brauchte er eine Zweidrittelmehrheit im Bundestag
und im Bundesrat. Wenn die SPD dem zustimmte, dann gibt sie sich restlos
auf. Das kann sie meines Erachtens nicht. Aber er könnte einen anderen
Trick versuchen.
taz: Den verraten wir ihm lieber nicht, oder?
Gysi: Na gut, dann nicht. [Im ganzen Gespräch, [3][hier auf Youtube,] hat
er den Trick dann doch noch verraten, Anmerkung der Redaktion]
taz: Mit der [4][Einigung bei den Sondierungen] gibt es ja Hoffnung, dass
die Sozialdemokraten den Volkswillen in der nächsten Regierung nicht wieder
ignorieren. Die SPD hatte bei ihrem Parteitag 2023 ja sogar selbst
beschlossen, „sozial“ zu „vergesellschaften“.
Gysi: Ja, jetzt sind die Koalitionsverhandlungen beschlossen. Die SPD weiß
doch auch, wenn sie ernsthaft wieder eine Koalition mit der CDU versuchte,
wäre erst mal offen, ob sie die Grünen dazu kriegt. Und selbst wenn, dann
verlieren die Sozialdemokraten das nächste Mal wieder 50 Prozentpunkte.
taz: Das geht ja nicht, sie ist ja nur noch bei zwölf.
Gysi: Das stimmt (lacht). Was ich damit sagen will: In einer Partei muss
man erkennen, wann ein Neubeginn erforderlich ist. Und die Wahl in Berlin
war doch wirklich ein Aufschrei. Es ist doch kein Zufall, dass die Linke
plötzlich stärkste Kraft wird.
taz: Finden Sie es richtig, dass sich die Linke so stark auf dieses eine
Thema, also Mieten, fokussiert?
Gysi: Ja.
taz: Sie sind ja Sozialist. Sozialismus ist doch mehr, als die Zumutungen
des Kapitalismus ein wenig abzufedern, indem man die Mieten senkt – was
zweifelsfrei passieren muss. Aber was braucht es noch?
Gysi: Ja, demokratischer Sozialist! Das heißt für mich unter anderem, die
gesamte Daseinsvorsorge muss in öffentlicher Verantwortung sein. Ein
Krankenhaus muss sich nicht in erster Linie rechnen, sondern in erster
Linie für Gesundheit zuständig sein. Aber das betrifft auch die Bereiche
Bildung, Ausbildung, Mobilität, Kommunikation, Kunst, Kultur, Sport und
eben Wohnen. Das Zweite sind die großen Konzerne. Die sind zu mächtig. Die
müssen verkleinert werden. Und wenn sie sich nicht verkleinern lassen,
müssen sie zumindest teilweise vergesellschaftet werden. Dabei entsteht
dann Belegschaftseigentum und Privateigentum. Das kann man mischen. Und das
dazwischen, das habe ich in der DDR gelernt, kann genossenschaftlich oder
privat organisiert werden. Außerdem müssen wir die Rechte der
Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer und der Konsumenten deutlich besser
schützen als heute. So, nun haben Sie einen Teil meiner Vorstellungen vom
demokratischen Sozialismus.
taz: Sollte die Linke diese Dinge in den anstehenden
Koalitionsverhandlungen fordern?
Gysi: Na ja, wir werden den demokratischen Sozialismus in Berlin jetzt noch
nicht durchsetzen. Man darf eine Stadt und ihre Bevölkerung auch nicht
überfordern. Man muss schrittweise vorgehen. Wenn du zu viel auf einmal
machst, dann verduttelst du dich.
taz: Mir geht es auch um das Auftreten. Haben Sie den Eindruck, dass die
Linke in den Sondierungen bisher so auftritt, als wäre sie stärkste Kraft
geworden?
Gysi: Noch nicht ganz. Das liegt daran, dass einige in meiner Partei nicht
so besonders daran interessiert sind (lacht). Dadurch entsteht ein schiefes
Bild. Unsere Spitzenkandidatin hat erreicht, dass jetzt
Koalitionsverhandlungen kommen, das finde ich wichtig. Aber was einige noch
lernen müssen, ist, dass sie plötzlich für eine ganze Stadt verantwortlich
sind. Nicht mehr nur für die eigenen Wählerinnen und Wähler.
taz: Sie spielen auf diejenigen an, die nicht regieren wollen. Ob es dazu
überhaupt kommt, werden die Koalitionsverhandlungen zeigen. Sie sind
bekanntermaßen für das Regieren, gibt es trotzdem gute Argumente dagegen?
Gysi: Nein, das können wir uns aktuell nicht leisten. Das hieße ja, dass
dann CDU, SPD und Grüne in Berlin regieren. Dann können wir echt einpacken.
Die Leute in der Fraktion, die keine Verantwortung übernehmen wollen,
sollten sich schleunigst überlegen, ob sie das ganze Modell kaputtmachen
wollen. Dann können sie sich selbst aber auch beerdigen. Ich hoffe, in der
Berliner Linken entsteht nun – eine für uns eher atypische – Disziplin.
taz: Was Disziplin bei der Linken bedeutet, konnte man am Freitag gut
sehen: Die Linksfraktion erklärte, sie sehe „keine Grundlage mehr für eine
Zusammenarbeit“ mit ihrer [5][Abgeordneten Vanessa Emde]. Auch gegen eine
andere Person aus diesem Lager liegt ein Ausschlussantrag vor.
Parteiausschlüssen, die ja schon die SED Ende der 1940er Jahre nutzte, um
ihre Mitglieder zu disziplinieren, stehen Sie vermutlich kritisch
gegenüber, oder?
Gysi: Na klar, gerade weil wir die Methoden aus der SED kannten und das
anders geregelt haben wollten, sieht unser Statut sehr hohe Hürden für
einen Ausschluss vor. Trotzdem gibt es in jeder Partei rote Linien, die man
nicht überschreiten darf. Wenn man das Existenzrecht Israels leugnet, und
so etwas gibt es leider auch, muss man sich dagegenstellen, das verletzt
ganz klar die Charta der Vereinten Nationen und das Völkerrecht. Und wenn
jemand [6][wirklich antisemitisch] ist und meint, Juden taugen nichts, sie
müssen vernichtet werden, dann gehört diese Person nicht in unsere Partei.
taz: Wie wichtig finden Sie denn die Nahostfrage für Berlin?
Gysi: Sie ist nun wichtig gemacht worden durch die [7][Hetzkampagne gegen
meine Partei], die von der Union gestartet worden ist, bloß weil sie
fürchtet, dass sie nicht mehr regieren kann. Das ist kleinkariert. Aber
natürlich liefert meine Partei auch immer wieder Momente, die man nutzen
kann, um eine Kampagne gegen uns zu starten. Deshalb brauchen wir rote
Linien, bis zu denen man sich in unserer Partei bewegen kann. Und wer die
Linie überschreitet, kann nicht in unserer Partei sein.
taz: Wird Elif Eralp Ende dieses Jahres die Regierende Bürgermeisterin von
Berlin sein?
Gysi: Wann, das weiß ich nicht. Aber irgendwann wird sie es werden, da bin
ich zuversichtlich. Ich bin ja Zweckoptimist. Was meinen Sie, wie ich sonst
die 90er Jahre durchgehalten hätte?
taz: Ja, ich habe viel Respekt, dass Sie sich das alles schon so lange
geben. Haben Sie vielen Dank für das Gespräch und Ihnen alles Gute!
18 Oct 2026
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