# taz.de -- Berliner Regierungsbildung: Scheitern ist keine Option
> Die Unsicherheit nach der Unterbrechung der Sondierungen durch SPD und
> Grüne ist groß. Aber gibt es überhaupt eine Alternative zu Rot-Grün-Rot?
(IMG) Bild: Krach steht etwas abseits: Klappt das rot-grün-rote Regierungsbündnis noch?
Ein lila-gelbes Fahnenmeer wehte am Dienstagabend vor dem
Kurt-Schumacher-Haus, der SPD-Landeszentrale im Wedding. Aus einem
Lautsprecherwagen tönt Popmusik. Etwa 70 Menschen waren zu einem spontanen
Protest der Enteignungsinitiative gekommen, nachdem durchzusickern begann,
dass SPD und Grüne die Sondierungsverhandlungen unterbrechen würden.
Die Spitzenkandidaten von Grünen und SPD [1][teilten die Entscheidung am
Dienstagabend offiziell mit]. Zuvor hatte die Linksfraktion geschlossen
eine eigene Erklärung unterzeichnet, in der sie sich zum Schutz jüdischen
Lebens und zum Existenzrecht Israels bekannte. Diese Erklärung unterschied
sich jedoch in einigen Details von der zuvor verabschiedeten „Berliner
Erklärung“ der drei Parteien. Zudem hatte auch die Abgeordnete Vanessa Emde
unterschrieben, deren Ausschluss aus der Linksfraktion SPD und Grüne
bevorzugt hätten. Daraufhin setzten Graf und Krach die Sondierungen vorerst
aus.
Am Mittwoch liefen die Anhänger:innen von Rot-Grün-Rot in beiden
Parteien dagegen Sturm. Man unterwerfe sich einer „unredlichen“ Kampagne
der CDU gegen die Linke, hieß es vom Grünen-Bezirksverband
Friedrichshain-Kreuzberg. Von einem „fatalen Signal“ sprach ein gemeinsames
Statement von Jusos und Grüner Jugend – beide Jugendverbände forderten eine
„unverzügliche Wiederaufnahme der Sondierungsgespräche“.
Unmöglich könne man der Linken vorwerfen, fraktionsintern eine eigene
Erklärung verabschiedet zu haben, sagte etwa Aziz Bozkurt (SPD),
Staatssekretär für Soziales, zur taz. „Wie unsouverän müsste eine Partei
sein, um Kompromisse mit anderen Parteien eins zu eins zu übernehmen?“ Das
würde die SPD sich nicht gefallen lassen. „Rot-Grün-Rot ist das, was wir
anstreben“, sagte auch die frisch gewählte Grünen-Abgeordnete Elina
Schumacher der taz. Die Pause bei den Sondierungen hätten viele aus der
Partei „gar nicht erwartet“.
Bereits am frühen Nachmittag ruderten die Grünen dann zurück: [2][Man habe
sich lediglich die Zeit nehmen wollen, die Erklärung der Linken
„anzuschauen und zu bewerten“], hieß es plötzlich. Man werde
selbstverständlich „die gemeinsamen Gespräche fortführen“. Etwas
zögerlicher erklärten die Landesvorsitzenden Steffen Krach und Bettina
König von der SPD, die Linke habe mit ihrer eigenen Erklärung den
gemeinsamen Weg „verlassen“. Dann aber schrieben auch sie, nach einer
Klarstellung der Linken könne man „auf den verabredeten gemeinsamen Pfad
zurückkehren“.
## Eine Koalition der Wahlverlierer?
Was wäre auch die Alternative zu Rot-Grün-Rot? Einer, der auf diese Frage
sofort eine Antwort hatte, war der krachend gescheiterte
CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers. „Ich mache deutlich, unsere Hand ist
ausgestreckt, unsere Tür steht offen“, bot Evers am Mittwoch eine
Kenia-Koalition aus CDU, Grünen und SPD an. „Sobald ich das Signal bekomme,
dass man bereit ist, darüber nachzudenken, auch ein solches Bündnis zu
bilden, treten wir auch in Gespräche ein.“
Tatsächlich gibt es auch in der SPD und bei den Grünen einige, die eine
Kenia-Koalition einem Linksbündnis unter Führung von Elif Eralp vorziehen
würden. Berlins SPD-Wirtschaftssenatorin Franziska Giffey gehört dazu, aber
auch der grüne Bezirksverband in Mitte blinkt gerne Richtung CDU. Der hatte
am Mittwoch mitgeteilt, man sei „nicht die Blockpartei der Linken“. Trotz
inhaltlicher Schnittmengen gebe es keinen Automatismus für ein
Linksbündnis. „Deshalb müssen jetzt auch andere demokratische Optionen
sondiert werden, ohne dass wir eine Koalition mit der Linken grundsätzlich
ausschließen.“
Eine echte Alternative zum Linksbündnis ist Kenia dennoch nicht. Abgesehen
davon, dass dies ein Bündnis der drei Wahlverlierer wäre, hätte eine
Kenia-Koalition auch lediglich zwei Stimmen Mehrheit im Berliner
Abgeordnetenhaus. Wegen solcher engen Mehrheitsverhältnisse hatte Klaus
Wowereit schon einmal ein fertig sondiertes Bündnis mit den Grünen über den
Haufen geworfen und sich lieber die CDU ins Boot geholt. Nummer sicher ist
halt besser als unsichere Kiste.
Unsicher wäre die Kiste auch, weil sich bereits mehrere Abgeordnete der
Grünen gegen Kenia ausgesprochen haben. Selbst wenn sie bei der Wahl von
Stefan Evers zum neuen Regierenden Bürgermeister mit Enthaltung stimmten,
reichten ein oder zwei SPD-Abgeordnete, um Evers durchfallen zu lassen.
Denn nicht nur bei den Grünen steht die CDU dafür, alles abgewickelt zu
haben, was Rot-Grün-Rot zuvor vorangetrieben hatte – etwa Verkehrswende,
Klimaschutz und Kultur. Auch in der SPD hat sich viel Unmut aufgestaut.
## Grün-linke Minderheitsregierung?
Bei der SPD liebäugeln einige deshalb mit einer anderen Option: Einer
Minderheitsregierung von Linken und Grünen, die die SPD nur tolerieren
würde. Ins Spiel gebracht hatte diese Variante [3][die SPD-interne Gruppe
Forum-35 sowie der Bezirksverband Reinickendorf]. „Das Wahlergebnis kann
unmöglich als Regierungsauftrag an die SPD verstanden werden“, hatte der
Reinickendorfer SPD-Vorsitzende Gilbert Collé erklärt. Die Wähler:innen
hätten die SPD in die Opposition geschickt, der Regierungsauftrag liege bei
den Linken. Die Schlussfolgerung: Die SPD solle aus staatspolitischer
Verantwortung eine Linken-Regierung tolerieren, ihren Vorhaben aber nur „im
Einzelfall“ zustimmen.
So verlockend dieses Szenario für die SPD sein mag – Wirklichkeit werden
wird es nicht. Denn nicht nur gibt es SPD-intern Widerstände, etwa vom
Neuköllner Bundestagsabgeordneten Hakan Demir. Auch der
Grünen-Spitzenkandidat Werner Graf hat dieser Variante bereits eine Absage
erteilt. „Unsere Aufgabe ist, eine stabile Regierung zu formen, die
zusammen im Parlament eine Mehrheit hat. Ich sehe also nicht, dass das eine
gute Option ist“, sagte er.
## Letzte Option Neuwahlen?
Auch vor dem Kurt-Schumacher-Haus sehen viele diesen Vorschlag als Affront.
„Offensichtlich wollen sich Teile der SPD keiner Koalitionsverantwortung
unterwerfen, sondern sich das Recht herausnehmen, alles zu blockieren, was
ihr nicht gefällt“, sagt dort Iman Al Nassre, Sprecherin von Deutsche
Wohnen & Co. enteignen, zur taz. Sie ist nicht die einzige, die hinter der
unterbrochenen Sondierung ein politisches Manöver vermutet: „Es scheint,
als seien die beiden Parteispitzen verzweifelt auf der Suche nach einem
Vorwand, um die Vergesellschaftung großer Immobilienkonzerne platzen zu
lassen“, sagte Jorinde Schulz, die Sprecherin der Linken Neukölln, am
Mittwoch zur taz.
Und schließlich ist da noch die letzte Option jenseits von Rot-Grün-Rot:
Neuwahlen. Jedenfalls die Grünen hätten dabei wenig zu gewinnen: Sie würden
wohl weiter zwischen den Polen AfD, CDU und Linken aufgerieben werden.
Wähler:innen, die eine weitere CDU-Regierung verhindern wollen, dürften
erst recht auf die Linke setzen – die sich aber gleichzeitig mit einem
Antisemitismusdiskurs auf der einen Seite und Vorwürfen mangelnder
Standhaftigkeit in Sachen Palästinasolidarität auf der anderen Seite
herumschlagen müsste. Und dass die SPD von dem Theater der letzten Wochen
profitiert, lässt sich ebenfalls kaum darstellen.
In einer [4][kürzlich veröffentlichten ersten Umfrage nach der Wahl] ließen
sich überhaupt keine nennenswerten Veränderungen zu den Wahlergebnissen
ausmachen. Insofern ist die Sache mit dem Wähler:innenauftrag
vielleicht gar nicht so kompliziert. „Wir fordern von allen Parteien, die
Sondierungen fortzusetzen und eine Koalition zu bilden, die die
Vergesellschaftung umsetzt“, sagt Al Nassre vor der SPD-Parteizentrale im
Wedding. Ob man diese Forderung bei der SPD hört, ist allerdings fraglich.
14 Oct 2026
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