# taz.de -- Kurswechsel in Ungarn: Anti-LGBTIQ+-Gesetze gekippt
> Das ungarische Parlament entschärft Orbáns umstrittenes
> „Kinderschutzgesetz“. Menschenrechtler loben den Schritt, sehen aber noch
> entscheidende Lücken.
(IMG) Bild: Peter Magyar machte sich stark dafür, das Teile des Anti-LGBTQ-Gesetzes in Ungarn sind wieder abgeschafft werden
Es ist die erste große Kurskorrektur bei LGBTIQ+-Rechten [1][seit Péter
Magyars Regierungsantritt im Mai]: Am Dienstag beschloss das ungarische
Parlament eine Reform des sogenannten Kinderschutzgesetzes. Der [2][frühere
Ministerpräsident Viktor Orbán] hatte es 2021 durchgesetzt. Seither war der
Zugang Minderjähriger zu Büchern, Filmen und Ausstellungen, die nicht
heterosexuelle Lebensweisen zeigen oder behandeln, massiv eingeschränkt.
Dank der überwältigenden Mehrheit der regierenden Tisza war die Abstimmung
nur Formsache: 139 Abgeordnete stimmten dafür, 51 dagegen. Die beiden
Oppositionsparteien, Orbáns Fidesz sowie die rechtsextreme Mi Hazánk,
lehnten die Reform ab. Magyars Kritik folgte prompt: „Sie haben gegen die
Hilfe für im Krankenhaus zurückgelassene Säuglinge und gegen den Schutz von
Kindern vor jeder Form von Gewalt gestimmt. Schande!“, schrieb der
Ministerpräsident auf Facebook.
Statt Darstellungen sexueller und geschlechtlicher Vielfalt zu verbieten,
richtet sich das Gesetz nun gegen Inhalte, die die Entwicklung von Kindern
tatsächlich ernsthaft gefährden können: Pornografie, sexuelle Ausbeutung
und Missbrauch sowie das gezielte Anbahnen sexueller Kontakte Erwachsener
mit Minderjährigen (Grooming). Die bisherigen Verbote verschwinden aus dem
Kinderschutz-, Medien-, Werbe- und Bildungsrecht. Gestrichen ist auch jener
Passus, auf den Fidesz das Prideverbot gestützt hatte.
## Menschenrechtler loben erste Schritte
[3][Mit der Reform reagiert Budapest auch auf ein Urteil des Europäischen
Gerichtshofs (EuGH).] Auf Klage der EU-Kommission entschieden die
Luxemburger Richter im April, dass das „Kinderschutzgesetz“ gegen
Unionsrecht verstößt. Es stigmatisiere und marginalisiere queere Menschen
und verletze das Diskriminierungsverbot der EU-Grundrechtecharta sowie die
Menschenwürde. Zugleich will die Regierung damit eingefrorene EU-Mittel
freibekommen: Laut Magyar geht es um rund eine halbe Milliarde Euro für den
Bildungsbereich.
Für Andrea Pető, Politikwissenschaftlerin mit Schwerpunkt Gender Studies
von der Central European University (CEU) in Wien, ist die Reform einer der
wichtigsten LGBTIQ+-politischen Kurswechsel in Ungarn seit 2010. Damit
werde ein zentraler Mechanismus staatlicher Anti-LGBTIQ+-Politik mit
praktischer und symbolischer Wirkung beseitigt. Die Anti-Gender-Kampagne
habe der illiberalen Fidesz-Politik als „symbolischer Kitt“ gedient. Bei
der Wahl im April habe dieser Hass jedoch keine Mehrheit mehr überzeugt.
Menschenrechtsorganisationen sehen in der Reform einen wichtigen Schritt.
Ohne die homo- und transfeindlichen Verbote in Medien und Werbung lasse
sich deutlich offener über LGBTIQ+-Rechte sprechen, erklärte Amnesty
International Ungarn. Um das „rechtswidrige und hetzerische Erbe“ der
Orbán-Regierung ganz zu beseitigen, brauche es aber weitere Änderungen.
Offen seien etwa die Ehe für alle, das Adoptionsrecht und die rechtliche
Anerkennung des Geschlechts. Weiterhin steht im Gesetz, dass Kinder sich
mit dem Geschlecht identifizieren sollen, das ihnen bei der Geburt
zugewiesen wurde. Human Rights Watch kritisiert außerdem, dass Verfassung
und Versammlungsgesetz, auf dessen Grundlage Pride-Märsche verboten wurden,
unangetastet bleiben.
Dass Magyar rasch nachlegt, bezweifelt Pető. Sie sieht in ihm eher einen
liberalkonservativen Pragmatiker als einen gesellschaftspolitischen
Reformer. Die Reform signalisiere vor allem die Rückkehr zu europäischen
Rechtsstandards, doch formale Rechtskonformität sei noch keine gelebte
Rechtsstaatlichkeit. Für wahrscheinlicher als Schritte bei Ehe oder
Geschlechtsidentität hält sie daher weniger polarisierende Maßnahmen, etwa
gegen häusliche Gewalt. Die seien jedoch teuer und das Budget ist knapp.
Angekündigt hat Magyar bislang eine Änderung des Adoptionsrechts: Über
Anträge von Alleinstehenden und gleichgeschlechtlichen Paaren soll künftig
nicht mehr der Staat entscheiden. Was eine Ehe ist, will er nicht allein
festlegen, sondern gemeinsam mit der Bevölkerung. Eine neue Verfassung
verspricht er bis 2030.
13 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Florian Bayer
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