# taz.de -- Razzien gegen Queers in der Türkei: Finsternis am Bosporus
> Einst galt Istanbul als Kunstmetropole. Doch durch staatliche
> Repressionen unter Erdoğan kann gerade queere Kunst kaum mehr
> stattfinden.
(IMG) Bild: Das aktuelle Vorgehen Erdoğans gegen Queers ist das bislang härteste seit der Niederschlagung der Istanbuler Pride 2015
„Taner Taner“. Unter diesem harmlosen Titel stellte der türkische Künstler
Taner Ceylan auf der Istanbul-Biennale 2003 eine Serie reichlich gewagter
Ölgemälde aus. Auf ihnen war der Künstler im sexuellen Analverkehr mit sich
selbst zu sehen.
Man konnte Ceylans Arbeiten als eine Metapher für die autopoietische
Obsession von Künstler:inen mit sich selbst lesen. Man konnte sie aber
auch als ein Bekenntnis zu dem lesen, was in der Türkei rechtlich nicht
strafbar ist: der Liebe zwischen Männern. Wichtiger noch: Die öffentliche
Präsentation der Werke erregte damals kaum Protest.
Der in Deutschland geborene Ceylan sitzt nicht im Gefängnis. Seine Website
mit seinem vor queerer Erotik mehr als knisterndem Œuvre ist derzeit noch
frei zugänglich. Doch eine ähnliche Präsentation queerer Motive würde sich
der viel gefragte Künstler, dessen Arbeiten in vielen Privatsammlungen der
Türkei hängen, heute vermutlich gut überlegen.
Mit Blick auf die Pride-Märsche in der Türkei hatte Ceylan 2014 noch
konstatiert: „Jedes Mal kommen mehr Menschen dazu, um öffentlich für mehr
Rechte zu demonstrieren. Da wird sich noch viel verändern. Und vermutlich
bald.“ Vor knapp drei Wochen ist das genaue Gegenteil eingetreten.
## Queerfeindlichkeit im Namen der Familie
Mit den [1][landesweiten Razzien gegen türkische LGTBQI+-Vereine, Bars und
Organisationen unter dem Motto „Wir sichern die Familie“], hat die
islamische Regierung von Präsident Recep Tayyip Erdoğan unmissverständlich
demonstriert, dass sie der Szene nicht einmal mehr mit repressiver Toleranz
begegnen will, wie bisher, sondern auf massives Containment setzt.
Ganz unerwartet kam der Schlag nicht. Mit dem Anti-LGTBTQI+-Donnerwort
„Perverse Ideologie“ hatte der Staatschef schon Anfang 2025 in Ankara das
„Jahr der Familie“ ausgerufen. Heftig attackiert der martialische Muslim
die queere Community seitdem beständig als Teil einer ausländischen
Verschwörung, die das Ziel habe, die türkische Gesellschaft zu untergraben.
Jüngstes Opfer: Das unabhängige Onlinemedium T24. Wegen der angeblichen
Verbreitung von „Obszönität“ verlor es vor wenigen Tagen die Lizenz. Ein
Vorwurf, der schon kurz zuvor dem [2][offen schwulen Sänger Mabel Matiz
eine Anklage samt Strafandrohung] von drei Jahren eintrug. In seinem
Musikvideo zu seinem Lied „Ha Leylim“ tanzen zwei Männer aufreizend
zusammen am Strand.
Das jetzige Vorgehen ist das bislang härteste seit der gewaltsamen
Niederschlagung der Istanbuler Pride 2015 im Gefolge einer überraschenden
AKP-Wahlniederlage. Der Schlag ist ein weiterer Schritt in dem seit
Erdoğans Amtsantritt 2002 sukzessive durchgesetzten Kulturwandel. Er soll
die Gesellschaft weiter in das rigide Moralkorsett des sunnitischen
Mehrheitsislams und seiner Körperpolitik zwängen.
## Regenbogen als feindliche Symbolik
Ein neues Justizpaket verfolgt das Verbot von Geschlechtsumwandlungen und
die Darstellung von LGTBQI+-Symbolen in Kunst und Kultur. Von Motiven in
Kinderbüchern bis zur Einkaufstasche: Der Regenbogen ist im türkischen
Alltag zum gefährlichen Symbol geworden.
Die Aktion macht die LGTBQI+Community aber auch zum Sündenbock, mit dessen
Hilfe die Regierung von der schlechten Wirtschaftsentwicklung, diversen
Korruptionsskandalen und Erdoğans Versuch ablenken kann, die
Präsidentenfamilie als Dynastie zu etablieren.
Der Journalist und Menschenrechtsaktivist Yıldız Tar wurde im Sommer für
vier Monate inhaftiert, da er Chefredakteur des verbotenen Onlineportals
von KaosGL ist. Er verweist auf Erdoğans Kalkül, im Vorfeld der nächsten
Präsidentschaftswahlen die LGTBQI+-Identität und -Bewegung als „Testfeld“
zu erproben.
„Wir sind das Labor der Regierung. Wenn eine gegen uns gerichtete Maßnahme
Wirkung zeigt, wird sie auf andere gesellschaftliche Gruppen ausgeweitet.
Für die Regierung ist eine Rhetorik gegen LGTBQI+-Personen ein wichtiges
Instrument im Wahlkampf. Sie nutzt dies zudem, um gezielt gegen
Oppositionelle vorzugehen, die sich solidarisch mit uns zeigen.“
## Bloß nicht auffallen
Wer sich dieser Tage in der Szene mit der Frage umhört, [3][wie es nach den
Razzien nun weitergeht], erntet lautes Schweigen. Öffentlich Stellung
beziehen zu der Repressionswelle will niemand. „Wir sind zutiefst
beunruhigt und haben Angst“, heißt es immer wieder stereotyp. Ein
sichtbares Zeichen der Solidarität, wie es beispielsweise die Kunstmesse
Contemporary Istanbul 2022 setzte, würde heute niemand mehr so
unterstützen. Der Kunstbetrieb agiert wie unter Schalldämpfer: Bloß nicht
auffallen, ist die unausgesprochene Devise.
Auch in der kritischen Zivilgesellschaft der Türkei ist Erdoğans Strategie
der Verbreitung von Furcht aufgegangen. Schon lange vollzieht sich ein
intellektueller Exodus: Immer mehr Kulturschaffende ziehen sich aus der
einst als „Cool Istanbul“ gefeierten Metropole zurück. Längst lebt und
arbeitet ein Großteil der queeren Community in der deutschen Hauptstadt.
Der verbliebene Rest versucht, mit heiterem Trotz auf die aussichtslose
Lage zu reagieren: „Save The Night from Darkness“ nannte etwa die
Fotografin Üzüm Derim Solak Anfang des vergangenen Jahres am Goldenen Horn
ein Bild in der kleinen LGTBQI+-Solidaritäts-Ausstellung „Anlatı Gücü
İttifakı / Narrative Power Alliance“. Darauf zu sehen sind eine trans Frau
und ein nichtbinärer Mann, die sich gegenüberstehen und in die Augen
schauen; beide haben sanft einen transparenten Schal um die Schultern
gelegt, hinter ihnen die ikonische Kulisse der erleuchteten Bosporusbrücke,
die zwei Kontinente verbindet.
## Die Falle der Angst
Solaks gleichsam träumerisch getriggerte Gegenerzählung, die Hoffnung auf
eine andere Begegnung diversester Geschlechter, ist nach den jüngsten
Geschehnissen an ein vorläufiges Ende gekommen. Es herrscht einmal mehr
Finsternis am Bosporus. Umso respektheischender klingt, was Yıldız Tar der
grassierenden Hoffnungslosigkeit entgegensetzt: „Die größte Falle, vor der
die Opposition in der Türkei steht, ist die Angst. Wir dürfen nicht in die
Falle der Angst tappen.“
„Sie können uns unsere Freude nicht stehlen“, fügt die im
Hochsicherheitsgefängnis Sincan bei Ankara inhaftierte KaosGL-Vorständin
Selin Berghan in einer von der 1996 gegründeten International Lesbian, Gay,
Bisexual, Trans and Intersex Association (Ilga) organisierten
Solidaritätsaktion „Letters From Activists imprisoned in Turkey“ hinzu.
Ein Motto, das dem international gefeierten Meister des „erotischen
Realismus“, Taner Ceylan, gefallen dürfte: „Wenn es um Emotionen geht, gibt
es keinen Unterschied zwischen Gegenwart und Vergangenheit“, erklärte er im
Frühjahr einem Bewunderer die Antriebskraft seiner Arbeit. „Unsere Freude,
Traurigkeit, Wut und Trauer – alles bleibt gleich.“
14 Oct 2026
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## AUTOREN
(DIR) Ingo Arend
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Derweil wurde der Istanbuler Oberbürgermeister Ekrem İmamoğlu zum zweiten
Mal verurteilt.