# taz.de -- LGBTIQ in der Türkei: Mit Pride gegen Erdoğan
> Erst verlor Zoe Lila ihren Job als Lehrerin, dann landete sie im
> Männertrakt einer Polizeiwache. Wie die Türkei queere Menschen unter
> Druck setzt.
(IMG) Bild: Die Polizei umstellt Demonstrierende bei der LGTBQ-Soli-Demo am 15. September vor dem Çağlayan-Gerichtsgebäude in Istanbul
Etwa 15 Männer sitzen in der Zelle, in die die Polizisten Zoe Lila gesteckt
haben. Sie ist die einzige Frau. Doch für die Beamten zählt nicht ihr
Aussehen, sondern das, was in ihrem Personalausweis steht: „Erkek“, also:
männlich. Zoe ist eine trans Frau und hat die geschlechtsangleichende
Operation bereits hinter sich. Ihr Geschlechtseintrag ist jedoch noch nicht
geändert. Dafür müsse sie noch viele Behördengänge und Arztbesuche
absolvieren, erzählt sie einige Wochen nach ihrer Festnahme in einem Café
im Istanbuler Stadtteil Osmanbey.
„Mit solchen Aktionen wollen sie Angst verbreiten und uns sagen: Wir werden
euch auslöschen.“ Zoe Lilas Lippen sind rot geschminkt, die Fingernägel in
derselben Farbe lackiert. Sie lächelt, als sie Platz nimmt, bestellt einen
Kamillentee und atmet tief durch. Sie wirkt ruhig.
Zoe gehört zu den mehr als 100 Menschen, die am 15. September bei einem
Protest gegen [1][Polizeirazzien in der queeren Community festgenommen
wurden]. 32 Stunden verbrachte sie in Polizeigewahrsam, bevor sie freikam.
Sie berichtet von Beschimpfungen, Gewalt und Einschüchterung.
Wenige Tage vor ihrer Festnahme durchsuchte die Polizei Orte, an denen
queere Menschen zusammenkommen: Vereinsräume, Bars, Nachtclubs und
Wohnungen. „Ailem Güvende“, nannten die Behörden die Polizeioperation:
„Meine Familie ist sicher“. Die Staatsanwaltschaften in Istanbul, Ankara,
İzmir, Aydın und Mersin koordinierten die Einsätze, die sich auf 15
Provinzen erstreckten. Laut Justizministerium wird gegen 162 Menschen, 9
Vereine und 13 Betriebe ermittelt.
[2][Die Ermittlungen treffen auch jene, die queeren Menschen im Alltag] zur
Seite stehen: indem sie beraten, ihre Rechte verteidigen oder Menschen mit
HIV unterstützen. In Ankara nahm die Polizei Vorstands- und
Aufsichtsratsmitglieder von Kaos GL fest. In Istanbul ging sie unter
anderem gegen Mitglieder und Verantwortliche von Lambdaistanbul, HEVİ
LGBTİ+ und SPoD vor, ebenso gegen die HIV-Hilfsorganisation Pozitif-İz.
Die Behörden nennen als Gründe für die Festnahmen unter anderem
„Obszönität“, Verstöße gegen das Vereinsgesetz sowie Prostitutions- und
Drogendelikte. In Istanbul wird auch wegen des Verdachts auf Bildung einer
kriminellen Vereinigung ermittelt. Justizminister Akın Gürlek erklärte, die
Einsätze dienten dem Schutz von Kindern, der Familie und der
gesellschaftlichen Ordnung. Er stellte sie in den Kontext des von Präsident
Recep Tayyip Erdoğan ausgerufenen „Jahrzehnts der Familie und Bevölkerung“
von 2026 bis 2035.
Dabei ist Homosexualität in der Türkei nicht strafbar, ebenso wenig
geschlechtsangleichende Behandlungen. Doch laut Human Rights Watch nutzen
die Behörden bestehende Strafvorschriften, um queere Menschen und
Organisationen zu kriminalisieren. Wie schnell der Vorwurf der
[3][„Obszönität“ erhoben wird], zeigt ein Beispiel aus Ankara: Zu den
Beweismitteln gegen Kaos GL gehören zwei Fotos von küssenden Männern, die
in sozialen Medien veröffentlicht wurden.
## „Niemand ist sicher in diesem Land“
Zoe hält schon den Namen der Operation „Meine Familie ist sicher“ für
zynisch. „Sicher? “, fragt sie und kramt in ihrem Stoffbeutel. Sie zieht
einen Zigarettenfilter, eine türkisfarbene Packung mit arabischer Schrift
und ein Blättchen hervor. „Niemand ist sicher in diesem Land. “ Weder zu
Hause, noch auf der Straße, nicht einmal Kinder in der Schule. Während sie
die Zigarette dreht, erzählt sie, wie Vereine ihr bei der Namensänderung
geholfen und sie juristisch sowie psychologisch unterstützt haben.
Doch wie lange es diese Anlaufstellen noch geben wird, ist ungewiss. Der
Istanbuler [4][Verein SPoD] befürchtet, dass es bei den bisherigen
Festnahmen nicht bleiben wird. In einer Stellungnahme vom September warnt
er vor drohenden Vereinsschließungen. Prüfberichte und Anträge der
Staatsanwaltschaften deuteten darauf hin. Schon jetzt würden Rechtsberatung
und die Dokumentation von Diskriminierung kriminalisiert. Doch ohne
Anlaufstellen wie SPoD verlieren queere Menschen Orte, an denen sie Hilfe
suchen, Erfahrungen teilen und sich wehren können.
„Für uns sind diese Vereine lebenswichtig“, sagt Zoe. Die Regierung wolle
einen inneren Feind schaffen, um von den Problemen im Land abzulenken – den
hohen Lebenshaltungskosten, den Femiziden, [5][der Gewalt gegen Kinder],
oft im häuslichen Kontext.
Queere Menschen müssen dafür jetzt herhalten. Auf Zoes Tabaktasche steht in
regenbogenfarbenen Buchstaben „Buradayım Aşkım“ – „Ich bin hier, mein
Schatz“. Die Antwort auf den Ruf „Wo bist du, mein Schatz?“, den sich
Menschen bei der Istanbul Pride 2013 zuriefen, zwei Jahre bevor die
Behörden den Marsch erstmals verboten. Der Wechselruf wurde zum
Erkennungszeichen der queeren Bewegung. Zoe zündet ihre Zigarette an, nimmt
einen Zug und legt sie im Aschenbecher ab.
„Die Straßen gehören uns“, sagt Zoe. Um gegen die Razzien zu protestieren,
ging sie am 15. September gemeinsam mit Menschenrechtsaktivist:innen,
Feminist:innen und Anwält:innen auf die Straße. Vor dem Istanbuler
Justizpalast in Çağlayan versammelten sie sich. Doch die Polizei umstellte
die Demonstrierenden und nahm 106 Menschen fest. Auch Zoe.
Nach ihrer Festnahme wurde Zoe mit etwa 30 anderen Frauen auf die
Polizeiwache in Büyükçekmece gebracht. Dort hätten sie in der Nacht drei
Polizisten in Zivil abgeholt, erzählt sie. Warum sie in Zivil waren? Das
weiß sie nicht. Mit Handschellen hinter dem Rücken musste sie allein mit
ihnen in ein Auto steigen. Sie hätten gesagt, sie würden sie zu einer
anderen Polizeidienststelle bringen, erinnert sich Zoe. Eine genauere
Erklärung gab es nicht.
Die Fahrt dauerte etwa zwei Stunden und führte zeitweise durch ein
Waldgebiet. Warum sie diesen Weg nahmen? „Einfach nur Schikane und um zu
zeigen, wie mächtig der Staat ist“, denkt Zoe im Rückblick.
Auf der nächsten Wache wollte ein männlicher Polizist sie durchsuchen. „Ich
habe gesagt, dass ich eine Frau bin und nicht von einem Mann durchsucht
werden möchte“, erzählt Zoe. Die Antwort: in ihrem Ausweis stehe aber
„männlich“.
Ihr Anwalt ließ schriftlich festhalten, dass die Polizei die Verantwortung
trage, sollte Zoe etwas zustoßen. Erst danach verlegten die Beamten sie in
eine kleine Zelle mit zwei anderen trans Frauen. Sie blieben im
Männertrakt. Zu den Frauen, mit denen sie zunächst festgenommen worden war,
durfte Zoe nicht zurück.
## Es sei ein Menschenrecht
Bereits im Sommer verlor sie ihren Job als Englischlehrerin an der privaten
Sarıyer Açı Ortaokulu in Istanbul. Fünf Jahre hatte sie dort unterrichtet,
insgesamt arbeitet sie seit zehn Jahren als Lehrerin. Sie liebe ihren
Beruf, sagt Zoe. Als sie vor etwa drei Jahren mit ihrer
geschlechtsangleichenden Behandlung begann, sorgte sie sich vor allem um
eines: würde sie weiter unterrichten dürfen?
Sie vertraute sich ihrem Schulleiter an, der den Gründer der Schule
einbezog. Beide unterstützten sie. „Sie sagten mir, dass es ein
Menschenrecht sei und sie bis zum Schluss hinter mir stehen würden“,
erinnert sich Zoe. Die Schule gewährt ihr sogar ein zinsloses Darlehen für
die Operation. Für Zoe sah es so aus, als könne sie bleiben und weiter das
tun, was sie liebt: unterrichten.
Im Juni informierte Zoe schließlich ihre Schüler:innen, deren Eltern und
das Kollegium. Gemeinsam mit der Schulpsychologie hat sie diesen Schritt
vorbereitet. Vier Tage später standen ihr früherer Name, ihre Fotos und
persönliche Daten in regierungsnahen Medien. Ein Kollege habe die
Informationen weitergegeben, sagt sie. Plötzlich ist das, was sie ihrer
Schulgemeinschaft anvertraut hat, im ganzen Land zu lesen und im Fernsehen
zu sehen. „Ich konnte eine Weile meine Wohnung nicht verlassen, mein
Gesicht war überall“, erzählt sie. Sie erhielt Hassnachrichten und
Morddrohungen – auch von ihrem Onkel aus Zypern.
Wenige Tage später sollte Zoe operiert werden. Jahrelang hatte sie sich auf
diesen Eingriff vorbereitet. Doch einen Tag vor der Operation teilte die
Schule ihr mit, dass ihr Vertrag nicht verlängert werde. Die Entscheidung
wurde offenbar bereits Tage zuvor getroffen – ohne dass man sie darüber
informiert hatte. Ganz im Gegenteil: Da versicherten ihre Vorgesetzten
noch, hinter ihr zu stehen. „Sie haben mich angelogen“, sagt Zoe ruhig.
Statt sich auf den Eingriff und ihre Genesung konzentrieren zu können,
musste sie sich nun auch juristisch wehren. Die Schule habe sich auf Druck
des Bildungsministeriums berufen. „Sie sagten, das Ministerium fordere
einen Kopf.“ Auch die Beratungslehrkraft, die Zoe während ihrer Transition
unterstützt hatte, verlor ihre Stelle. Auf eine Anfrage der taz zu den
Vorwürfen reagierte die Schule nicht.
Zoe will das nicht einfach so hinnehmen. Fünf Jahre lang habe sie dort
gearbeitet, ohne eine einzige negative Beurteilung. Bei einem
Schlichtungsversuch habe man ihr Geld angeboten, damit sie schweige. „Sie
wollten ihre Rechtsverstöße vertuschen“, sagt sie. Sie lehnte ab. An der
Schule gebe es auch andere queere Menschen, erzählt Zoe: Schüler, Eltern,
Lehrkräfte. Doch aus Angst spreche niemand offen darüber. „Die einzige
sichtbare trans Person war ich. Und deshalb wurde ich zur Zielscheibe.“
Das Bildungsministerium wirft Zoe vor, ohne gültige Genehmigung
unterrichtet zu haben, und verhängte zwei disziplinarische Verweise und
eine Geldstrafe. Nach ihrer Namensänderung hätte die Schule ihre
Unterrichtsgenehmigung erneuern lassen müssen, erklärt Zoe. Die nötigen
Unterlagen habe sie eingereicht. Bestraft werde nun aber sie.
Der Kontakt zu ihren ehemaligen Schüler:innen ist Zoe geblieben. Immer
wieder schreiben sie ihr, erzählt sie. Ein zehnjähriges Kind habe ihr einen
langen Text geschickt: „Sie sind für uns noch immer sehr wertvoll. Es hat
sich doch überhaupt nichts verändert.“ Auch von ehemaligen Schüler:innen,
die inzwischen im Ausland leben, bekommt sie Nachrichten. Einige haben eine
Solidaritätsgruppe gegründet. Zwei hätten ihr anvertraut, dass sie selbst
trans seien und sich während ihrer Schulzeit eine Lehrerin wie sie
gewünscht hätten. Manchen gibt Zoe inzwischen Privatunterricht. So verdient
sie ein wenig Geld und kann zumindest im Kleinen weiter das tun, was sie
liebt.
In Kadıköy, auf der asiatischen Seite Istanbuls, bereitet sich Tusidi auf
ihren Auftritt vor. Immer wieder zieht sie den Kamm durch ihre blonde
Perücke, richtet einzelne Strähnen zurecht. „Meine eigenen Haare sind nicht
gewaschen“, sagt sie, ohne aufzuschauen, und lacht. Dann zeigt sie auf
ihren Kopf. „Schau, sie sind einfach nur fettig.“ Und überhaupt: blonde
Haare stünden ihr gut, findet sie.
Tusidi heißt eigentlich anders. Ihren richtigen Namen will sie nicht in der
Zeitung lesen, ebenso wenig den Namen des Nachtklubs, in dem sie als
Tänzerin arbeitet. Dafür ist ihr die Gefahr, aufs Radar der Regierung zu
kommen, zu hoch. Eine Treppe führt hinunter in eine Art Keller. In der
Szene kennt man solche Orte, nach außen sollen sie aber geheim bleiben.
Draußen trägt sie oft Kapuzenpullover, Kappe und Sonnenbrille. „Vor allem
mit meiner tiefen Stimme schauen die Leute dann doch zweimal“, sagt sie.
Ihre geschlechtsangleichende Operation liegt hinter ihr, auch ihr
Geschlechtseintrag ist geändert. Doch vor Blicken und Übergriffen auf der
Straße schützt sie das nicht. Sie erzählt, wie sie bespuckt, geschubst und
geschlagen wurde. „Was bist du denn für ein Mann?“, hätten Menschen ihr
hinterhergerufen. „Dabei bin ich gar kein Mann. Ich bin eine Frau. Das
sieht man doch!“, sagt sie und lacht.
Seit den Razzien im September macht sie sich noch mehr Sorgen. Freunde, die
Regenbogenfahnen aus Solidarität aufgehängt hatten, wurden festgenommen.
„Jetzt habe ich noch mehr Freunde im Knast, um die ich mich sorgen muss“,
sagt Tusidi.
Hier im Klub gehört das Tanzen zu ihrem Leben. Dabei könne sie selbst über
ihren Körper bestimmen. Das gebe ihr Kraft. Umso wichtiger sei es, dass
solche Räume bestehen bleiben. „Wir haben ja gesehen, was bei den Razzien
im September passiert ist“, sagt sie ernst. Sie fürchtet, dass jemand den
Klub verraten könnte.
Tusidi hofft auf ein Leben, in dem sie nicht ständig fürchten muss, wie
ihre Freunde im Gefängnis zu landen. Bis dahin will sie weiter tanzen und
die Orte mit Leben füllen, an denen sie sich frei bewegen kann. Auch das
sei eine Art von Widerstand: „The show must go on“. Das gilt für ihre
Auftritte im Klub ebenso wie für den Protest auf der Straße. Aufhören wird
sie nicht.
Zurück im Café in Osmanbey ist Zoes Kamillentee längst kalt geworden. Als
sie von ihren Plänen für den Abend erzählt, geht es wieder um ihre
ehemaligen Schüler. Mit einigen von ihnen und ihren Eltern ist sie zum
Essen verabredet. Ein Wiedersehen, auf das sie sich freut. Sie halten zu
ihr, auch wenn sie nicht mehr vor ihrer Klasse stehen darf.
Dass die Schule sie wegen ihrer Geschlechtsidentität entlassen hat, will
Zoe vor Gericht beweisen. Dabei geht es ihr auch um diejenigen, die nach
ihr kommen. Sie hofft auf ein Urteil, auf das sich andere trans Menschen
berufen können, wenn sie wegen ihrer Geschlechtsidentität ihre Arbeit
verlieren. „Sie sollen nicht einfach trans Frauen ins Visier nehmen und
entlassen können“, sagt sie.
Was ihr an der Schule und im Polizeigewahrsam widerfahren ist, sieht sie
als Teil eines Ganzen. „Sie wollen unsere Existenz nicht akzeptieren. Im
Gegenteil: Sie wollen uns unsichtbar machen, indem sie uns in Gefängnisse
stecken, uns arbeitslos machen und uns jede Absicherung nehmen.“
Im kommenden Monat, hofft sie, wird endlich auch ihr Geschlechtseintrag im
Personalausweis geändert: von „Erkek“, männlich, zu „Kadın“, weiblich. Wann
sie wieder vor einer Schulklasse stehen kann, ist dagegen offen. „Ich
möchte nicht die nächsten 10 oder 15 Jahre meines Lebens mit dem Kampf um
meine Rechte verbringen“, sagt sie. Sie muss schließlich auch leben, ihre
Rechnungen bezahlen.
Doch wenn Zoe von Rechten spricht, meint sie nicht nur ihre eigenen. Sie
spricht von Frauen, von Kindern, von der kurdischen Minderheit im Land. Die
Angriffe auf queere Menschen sieht sie als Teil einer Entwicklung, die auch
andere trifft. „Heute fängt es mit LGBTQ an, morgen geht es um
Frauenrechte“, sagt sie. Man müsse sich wehren, bevor man selbst betroffen
ist. „Ich muss auch keine Kurdin sein, um die Rechte von Kurd:innen zu
verteidigen.“ Dann lächelt sie und ruft durch das Café: „No one is free
until everyone is free.“ Niemand ist frei, bis alle frei sind.
29 Oct 2026
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Derweil wurde der Istanbuler Oberbürgermeister Ekrem İmamoğlu zum zweiten
Mal verurteilt.